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Follow Me Peinliches Jubiläum am BER: 3000 Tage Nichteröffnung des neuen Hauptstadtflughafens

Nach 2012 ein erneuter Anlauf: Mit Komparsen werden im Juli 2020 die Abläufe im Flughafen Berlin Brandenburg getestet.
Nach 2012 ein erneuter Anlauf: Mit Komparsen werden im Juli 2020 die Abläufe im Flughafen Berlin Brandenburg getestet.
© Tobias Schwarz / AFP
Der 19. August 2020 ist mit einem traurigen Rekord verbunden – auch auf Kosten des Steuerzahlers: Eigentlich sollte Berlins neuer Flughafen schon seit 3000 Tagen in Betrieb sein. In zehn Wochen könnte der Flugbetrieb am BER wirklich starten.

Die Einladungen für die große Party waren schon verschickt, dann platzte am 8. Mai 2012 die Bombe: Keine vier Wochen vor der Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens im Juni vor acht Jahren wurde die Eröffnung bekanntlich abgesagt.

Seitdem wurden immer wieder neue Termine der Inbetriebnahme genannt. Mehrere Geschäftsführer und Technikchefs gaben sich die Klinke in die Hand und die Großbaustelle im Süden Berlins verkam zum weltweiten Gespött – eine Blamage für den Hightech-Standort Deutschland.

Mehrmals habe ich seitdem das Gelände und Terminal besucht und war teilweise entsetzt über den Zustand der Bauruine. Unter dem Titel "Vorwärts nimmer, rückwärts immer" schrieb ich einen Beitrag zum fünfjährigen Jubiläum der Nichteröffnung des "Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt", so der offizielle Name.

Auch 2000 Tage nach der geplatzten Eröffnung hatte der Artikel leider nichts von seiner Gültigkeit verloren. Seitdem sprießt das Gras aus den Ritzen der Gehwegplatten auf dem unbelebten Vorplatz des Hauptterminals im Süden Schönefelds.

Der BER droht mit Eröffnung

Als ich Ende November 2018Engelbert Lütke Daldrup traf, denvierten Berliner Airport-Chef in nur sechs Jahren, sagte er: "Wir bauen nichts mehr um, wir bauen den BER fertig." Als Termin war Ende 2020 im Gespräch. Daran hat sich nichts geändert. Jetzt droht der BER tatsächlich mit Eröffnung.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Zum einen gilt das "Monster" als besiegt, die unendlichen Probleme mit der Entrauchungsanlage und dem Brandschutz im Gebäude. Über Jahre haben die Ingenieure die Hauptschwierigkeit in den Griff bekommen, der TÜV grünes Licht für alle technischen Anlagen gegeben und das Bauamt hat die Nutzungsfreigabe erteilt.

Notizblock zur geplanten Erföffnung im Juni 2012 und der gedruckte Sommerflugplan 2012 mit allen Abflügen ab BER zu 172 Zielen in 50 Ländern
Notizblock zur geplanten Erföffnung im Juni 2012 und der gedruckte Sommerflugplan 2012 mit allen Abflügen ab BER zu 172 Zielen in 50 Ländern
© Till Bartels

Zum anderen erleichtert die Flaute im Luftverkehr den für die ersten Novembertage geplanten Umzug der Airlines vom Flughafen Tegel zum neuen Airport. Die Befürchtung, dass der neue Flughafen schon bei der Eröffnung viel zu klein ist, trifft nicht mehr zu. Da macht es auch nichts, dass sich die Inbetriebnahme des Erweiterungsbaus, Terminal 2 genannt, verzögern könnte.

Die Rahmenbedingungen für die Aufnahme des BER-Flugbetriebs haben sich grundlegend geändert. Im Schongang wird der Flugverkehr in diesen und in den kommenden Monaten abgewickelt. Zum Vergleich reicht ein Blick in den Sommerflugplan 2012, der damals noch in gedruckter Form erschien. "Bald ist es soweit: Der Flughafen Berlin Brandenburg nimmt seinen Betrieb auf und löst das in die Jahre gekommene Flughafensystem mit Schönefeld und Tegel ab", hießt es im Vorwort. Damals brummte der Flugverkehr: "172 Ziele in 50 Ländern werden von 75 Airlines angeflogen."

Das war einmal. Air Berlin ist seit 2017 pleite, Easyjet hat seit der Corona-Krise die innerdeutschen Strecken gestrichen, Lufthansa fliegt nur noch München und Frankfurt. Am nachträglich umgerüsteten Flugsteig am T1, der extra für ein Andocken des Airbus A380 aufgerüstet wurde, dürfte so bald kein Exemplar des größten Passagierjets der Welt zum Stehen kommen. Zur Entzerrung trägt auch bei, dass Schönefeld vorerst weiterhin im Betrieb bleibt.

Eröffnung in Zeiten einbrechenden Flugverkehrs

Das in diesem Jahr häufig als Begründung vorgetragene Argument, dass Corona an allem schuld ist, zählt am BER nicht, sollte die Eröffnung Ende Oktober ein weiteres Mal verschoben werden. Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein. Das niedrige Fluggastaufkommen als Folge der Pandemie erleichtert den Start des BER im Herbst dieses Jahres.

Probelauf im Terminal 1 mit Komparsen zu Corona-Zeiten
Probelauf im Terminal 1 mit Komparsen zu Corona-Zeiten
© Tobias Schwarz / AFP

Doch der für den 31. Oktober 2020 geplante Eröffnungstermin sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Baukosten enorm explodierten: von den bei der Grundsteinlegung genannten Kosten in Höhe von 2 Milliarden Euro auf mehr als 6 Milliarden Euro. Hinzukommt weiterer Finanzbedarf im laufenden Betrieb. Durch die sinkenden Einnahmen bei geringerem Flugverkehr ist der Flughafen auf Unterstützung durch die Gesellschafter angewiesen. Das sind der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg – sprich der Steuerzahler, der jeden Abflug und jede Landung subventionieren wird.

Inzwischen wurde das Unkraut auf dem BER-Vorplatz gejätet. Im Juni liefen erneut die Tests mit Komparsen an, die ihr Gepäck aufgeben, die Sicherheitskontrolle passieren und die Abläufe im Terminal durchspielen. Und noch eine Hürde wurde genommen: Die Anfang August begonnene Sicherheitsüberprüfung des BER-Geländes ist abgeschlossen. 970 Hektar Außenflächen und 280.000 Quadratmeter Terminalfläche wurden auf gefährliche Gegenstände hin durchsucht. Der Airport ist praktisch scharf geschaltet.

Wenn der Countdown weiterhin reibungslos verläuft, werden am 31. Oktober allerdings keine Korken knallen. Eine Eröffnungsparty wird es nicht geben, auch wenn den für den 5. Juni 2012 geladenen Gästen niemals abgesagt wurde. Engelbert Lütke Daldrup – kurz ELD – hält den Ball flach. "Keine Pauken und Trompeten. Das Wichtigste ist, dass der neue Flughafen endlich in Betrieb geht."

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