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Deutschlands schönste Inseln, Teil 8: Juist: Ruhe ist ein Geräusch

Halligalli und Rambazamba sucht man auf vielen deutschen Inseln vergebens. Auf Juist ist Ruhe das oberste Gebot - und Glamour verpönt. Selbst die Pferde dürfen hier nur im Schritt gehen. Wer gegen das herrschende Trabverbot verstößt, kassiert sogar Punkte in Flensburg.

Von Harald Braun

"Natuuuuur!", sagt Thomas Vodde, "Natuuur und Ruuuuhe!" Das sei es, was der Mensch auf Juist suche. Er sagt das so langsam wie jemand, der in dieser Hinsicht keine Defizite zu beklagen hat. Seine Sätze sind kurz und lakonisch. Ein unaufgeregter Mensch. Was ein wenig überrascht bei seinem Job: Thomas Vodde ist als Marketingleiter so etwas wie der Tourismus-Trompeter von Juist, einer der sieben ostfriesischen Inseln, eingerahmt von Borkum und Norderney. Doch mit einem Marketing-Schreihals, der sich an den branchenüblichen Superlativen verhaspelt, hat der 48-jährige gebürtige Osnabrücker nichts gemein. Das würde auch schlecht zu einer Insel passen, auf der offenbar jeder stolz darauf ist, das sie sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat.

Es ist kein Zufall, dass man hier wenig hört von eleganten Wellnesstempeln und bekannten Sterneköchen, verschont bleibt man auch von B-Promis und Model-Partys am Strand. Stattdessen spricht der Einheimische gern von der "längsten und schönsten Sandbank der Welt", über die man verfüge und über lange, windige Wattwanderungen. Wenn er spricht. Die knapp 2000 Einwohner der 17 Kilometer langen und an der dünnsten Stelle 500 Meter breiten Insel sind nicht als besonders redselig bekannt.

Stoisch wie ein Südeuropäer

Für Marlies Massau, 63, die ursprünglich aus Bückeburg stammt, ist das kein Problem. Im Gegenteil. Sie hat die eckige Art der Juister zu schätzen gelernt. "Ich musste mit dieser gemütlichen, fast stoischen Art der Juister auch erst einmal klarkommen." Mit Handwerkern zum Beispiel sei es fast so wie in Südeuropa. "Termine kann man mit ihnen nicht machen. Mit Druck geht gar nichts. Sie kommen, wann sie wollen. Aber sie kommen."

Seit sieben Jahren lebt die Malerin in der Sommersaison auf Juist. Ein Leben ohne die Insel kann sie sich nicht mehr vorstellen: Sechs Monate im Jahr, zwischen März und November, freut sie sich "jeden Tag über das wunderbare Licht, den einzigartigen Strand und diese fast surrealen Wolkenbilder auf der Insel". Sie hat ein Ritual: Jeden Samstag marschiert sie am durchgehenden, von keiner Buhne unterbrochenen, Juister Strand entlang durch den Sand und schnauft durch, "acht Kilometer in die eine Richtung, acht Kilometer in die andere." Dass sie sich dabei manchmal fühlt wie in einem längst vergangenen Jahrhundert, liegt nicht allein an ihrer phantasiebegabten Künstlerseele.

Bauern brauchen Sondergenehmigungen

Auf Juist ist Ruhe das vorherrschende Geräusch. Juist ist eine autofreie Insel. Nicht einmal die Inselpolizei verfügt über ein motorisiertes Dienstfahrzeug. Lohnt sich auch nicht, bei der nahezu gegen null tendierenden Kriminalitätsrate hier. Es gibt ein paar Traktoren, doch für jede einzelne Fahrt durch die beiden Ortschaften Juist und Loog brauchen sie eine Sondergenehmigung. Juist ist ein Luftkurort - und man weiß dort, wie wichtig so ein Prädikat auf dem umkämpften Reisemarkt sein kann: "Wir sind an nachhaltigem Tourismus interessiert" sagt Thomas Vodde, "demnächst wird es auch eine Aktion zum Thema CO₂ bei uns geben."

Juist kauft man auch ohne große Öko-PR ab, dass hier gesunder Urlaub angeboten wird. 105.000 Gäste kamen allein im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Das Prinzip Juist liegt im Trend, Rückzug, Entschleunigung oder Besinnung sind die aktuellen Schlagwörter der Tourismusbranche. Zudem: der Urlaub im eigenen Land wird in Krisenzeiten besonders geschätzt. Dabei ist das Leben auf Juist ziemlich teuer, weil vom Norddeicher Festland alles aufwändig auf die Insel geschafft werden muss, was sich der anspruchsvolle Tourist so alles wünscht.

Fürs Traben gibt es Punkte in Flensburg

Was nicht heißt, dass er hier auch alles bekommt. So spröde und rau wie das Juister Klima gibt sich auch das Dienstleistungsgewerbe der Insel. Der Abholservice so mancher Pension etwa besteht darin, dass am Bootsanleger eine Gepäckkarre mit dem hauseigenen Namensaufdruck bereitgestellt wird - viel Vergnügen damit. So erhält der ankommende Gast schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf das, was ihm in seiner Sommerfrische bevor steht: Wegstrecken werden entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt. Nur für notorische Sportmuffel stellen Fuhrunternehmer wie etwa Gerd Heyken Pferdekutschen bereit, seine Kaltblüter-Gespanne reißen fünf bis sechs Stunden pro Schicht, bis sie ausgewechselt werden. Bis zu 20 Kutschen in der Hochsaison sind täglich im Einsatz, Hochzeits- und sonstige Vergnügungsfahrten exklusive. Pferde sind überhaupt eine große Sache auf Juist. Die meisten der anfallenden Arbeiten werden von rund 150 Pferden und 20 Ponys von den fünf Fuhrbetrieben der Insel abgewickelt, sogar für die Müllabfuhr sind sie zuständig. Und weil auch Juist irgendwie noch so gerade in Deutschland liegt, gibt's für die schweren Huftiere präzise Bestimmungen zur Straßenverkehrsordnung. Es herrscht ein strenges Trabverbot auf Juist. Wer dagegen verstößt, kassiert Punkte in Flensburg.

Glamour nur in Spurenelementen vorhanden

Im Grunde ist Juist so etwas wie die Antithese von Sylt. Es gibt hier keine Porsche Cabrios, keine Prada- und Jil-Sander-Filialen, keine Champagner-Empfänge und Promi-Partys. Stattdessen gehören urige Plätze wie das ehemalige Fischerhaus "Lüttje Teehus" zu den Attraktionen der Insel, ein Ort, an dem man sich mit Grog und Friesentee vor rauen Winden und Nieselregen schützt und dazu den gelben Nerz gleich anbehält. Die Inseldisco firmierte lange Zeit unter dem charmanten Namen "Giftbude", heißt neuerdings allerdings programmatisch nur noch "Zappel". Doch wer geht auf Juist schon in die Disco? Was der Juister unter einem Vergnügen nach Einbruch der Dunkelheit versteht, ist in grandioser Schlichtheit unter "Nachtleben" auf der Homepage der Tourismuszentrale nachzulesen: "Sonnenuntergang am Meer." Punkt. Auch nach sportlichen Superevents wie einem Surf Weltcup sucht man hier vergeblich - Sport ist auf Juist, wenn die Fußballmannschaft wie in diesem Jahr in die Kreisklasse aufgestiegen ist. Selbst die bekanntesten Juister Promis, die Wattführer Heino und Ino, haben es gerade mal in "Die Sendung mit der Maus" geschafft. Zwar sollen angeblich im "Achterdiek", dem wohl besten Haus am Platze, schon einmal die Herren Schmidt und Jauch logiert haben. Öffentlich aber schwärmt bloß Heribert Bruchhagen im DSF-Doppelpass von den Qualitäten seiner Trauminsel - ein Fußballfunktionär.

Nein, es stimmt schon: Glamour ist auf Juist nur in Spurenelementen zu entdecken. Doch spricht das gegen das Töwerland (ostfriesisch für Zauberland), wie Juist sich gerne nennen lässt? Wohl kaum. Juist ist eben keine leichte Beute, die Insel will entdeckt, will erarbeitet werden. Das beste Symbol dafür ist die "Domäne Bill", das beliebteste Ausflugslokal der Insel. Auf den ersten Blick wirkt der ehemalige Bauernhof an der Westspitze Juists wie ein Genossenschaftsbau in Rheda-Wiedenbrück, ein rotes Backsteingebäude mit unförmigem Anbau. Doch wenn man nach einem langem Marsch hier einkehrt, durchgeschüttelt und hungrig von so viel Bewegung, zudem beeindruckt von den ungeschliffenen Naturschauspielen der Insel, und man dann endlich von diesem legendären "Rosinenstuten" probieren darf, von dem ausnahmslos jeder auf Juist schwärmt, dann spätestens weiß man, dass Juist gar keine so schlechte Entscheidung gewesen ist.

Weitere Infos
Anreise: Mit der Bahn oder dem Auto geht es bis Norddeich. Da ist dann Schluss für die motorisierte Anfahrt. Mit der Fähre geht’s auf die Insel, zwei Mal pro Tag, Preis 29,50 Euro. Oder unabhängig von den Gezeiten per Flugzeug von Hamburg aus, Hin- und Rückflug 68 Euro.
Unterkunft: Hotel, Pension oder Ferienwohnung - die Auswahl an Unterkunftsmöglichkeiten ist gegeben.
Tourismusinformation: Alle Informationen über die Insel und Veranstaltungen unter www.juist.de

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