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Neues Flaggschiff der Bahn: Mitgefahren: So gemütlich fährt es sich im ICE 4

Der ICE 4 kommt erst 2017 auf die Schienen, doch einzelne Testzüge sind bereits im Einsatz. Unsere Autorin hatte Glück und durfte mitfahren. Ihr Fazit fällt überraschend aus.

Ein ICE 4 steht am Hauptbahnhof in München.

Fährt vereinzelt bereits zwischen Hamburg und München: der neue ICE 4 der Deutschen Bahn (DB)

Dass mit diesem Zug etwas nicht stimmt, fällt mir früh auf. Es ist 9.54 Uhr, und ich stehe auf den Gleisen am Bahnhof Hamburg-Dammtor. Aus der Ferne blicken mich zwei helle Neon-Scheinwerfer an, die näher kommen. Leise, fast lautlos, schiebt sich der Schnellzug in den Bahnhof. Komisch, denke ich mir, der wirkt so sauber. Und dazu noch dieses helle Licht. Irritiert steige ich ein und stelle fest: Dies hier ist tatsächlich kein gewöhnlicher Schnellzug, sondern der neue ICE 4, der eigentlich erst in einem Jahr in den Regelbetrieb starten soll. Ich befinde mich im Testzug - und bin irgendwie ziemlich aufgeregt.

Aus ihrem neuen Flaggschiff hat die Deutsche Bahn (DB) lange ein Geheimnis gemacht: Als der Zug vor einem Jahr in Berlin vorgestellt wurde, durfte niemand den Innenraum betreten. Die Sitze waren mit Folien abgedeckt, Kabel hingen von der Decke, an eine Testfahrt war nicht einmal zu denken. Insgesamt 5,3 Milliarden Euro hat die DB in die Entwicklung des Schnellzugs gesteckt - dementsprechend hoch sind die Erwartungen des Konzerns an das neue Zugpferd. Es soll künftig das "Rückgrat des Fernverkehrs" bilden, heißt es vollmundig auf der DB-Homepage. Doch hat sich die Investition überhaupt gelohnt?

Bahn präsentiert ICE 4


Seit kurzem verkehrt der Zug vereinzelt auf der Strecke zwischen Hamburg und München - im Testbetrieb versteht sich. Zwei Züge sind auf den Verbindungen der Zugnummern ICE 581/ICE 582 und ICE 786/ICE 787 im Einsatz. Welche Verbindungen er bedient, lässt sich beim Kartenkauf nicht feststellen. Wer mitfahren darf, hat schlicht Glück gehabt - so wie ich an diesem Tag.

Verwirrende Platzsuche

Ich betrete das Abteil der zweiten Klasse, verstaue mein Gepäck in einer Kofferbucht und lasse mich auf einen freien Sitz fallen. Reserviert habe ich nicht und habe deshalb Zeit, anderen Passagieren bei der Platzsuche zuzusehen. Die Sitznummern befinden sich nicht mehr auf der Gepäckablage, sondern stehen auf den Kopflehnen, man muss sich leicht bücken, um sie zu sehen. "Ist hier jetzt reserviert?" fragt mich ein junger Mann und setzt sich auf einen freien Platz vor mir. "Voll verwirrend mit dieser neuen Anzeige, ey."

Die Anzeigetafeln sind nicht die einzige Änderung: Auffallend hell ist es im Zug. Die Neonröhren an der Decke tauchen das gesamte Abteil in ein angenehmes Licht, während draußen vor dem Fenster graue Landschaften vorbeifliegen. Ich begutachte den Sitz. Die seitlichen Kopfstützen sind ein echter Pluspunkt. Sie ermöglichen zumindest ein wenig Privatsphäre im Großraumabteil. Das Design erinnert insgesamt an die Kabine eines Flugzeugs, nur dass hier im ICE deutlich mehr Beinfreiheit herrscht. Die Sitze wirken im Vergleich zu älteren ICE-Modellen weniger gedrungen, zwischen den Reihen ist mehr Platz, was für mehr Komfort sorgt.

So komfortabel fährt es sich im neuen ICE 4
Passagierabteil in der zweiten Klasse des ICE 4

Passagierabteil in der zweiten Klasse des ICE 4: Die Neonröhren an der Decke tauchen den Zug in ein angenehm natürlich wirkendes Licht, das an Tageslicht erinnert. Auch die zusätzlichen Griffe an den Sitzen sind sinnvoll. Wer regelmäßig ICE fährt, weiß: Bei Tempo 200 kann es schonmal ruckeln, da ist man für jede Möglichkeit zum Festhalten dankbar.


Bis zu meinem Zielbahnhof Würzburg sind es noch einige Stationen. Ich beschließe, mir einen Kaffee aus dem Bordbistro zu holen und bereite mich mental darauf vor, über Kofferberge in den Gängen zu steigen. In älteren ICE-Modellen war das immer ein leidiges Problem: Große Koffer konnten nicht in den Gepäckablagen über den Sitzen verstaut werden und standen im Weg rum. Doch davon ist im ICE 4 nichts zu sehen. Pro Abteil zähle ich zwei bis drei große Kofferbuchten, in denen auch sperriges Gepäck wie ein Kinderwagen Platz findet.

"Als wir uns dem Bahnhof nähern, macht sich in mir Wehmut breit"

In der Trainspotting-Szene scheint es sich herumgesprochen zu haben, dass der ICE 4 heute im Einsatz ist: Im Bahnhof Fulda warten bereits drei Männer mit Kameras und knipsen fleißig. Auch anderen Passagieren fällt der ICE auf. Bei jedem Halt deuten Fahrgäste auf gegenüberliegenden Gleisen in Richtung des Zuges, diskutieren, machen Bilder. Der junge Mann vor mir verwandelt seine Fahrt in eine Snapchat-Story.

Als wir uns schließlich dem Bahnhof Würzburg nähern, macht sich in mir so etwas wie Wehmut breit. Ab Würzburg geht es mit dem Bummelzug weiter, der kleiner, ja im Vergleich fast beengt erscheint. Mit dem ICE 4 hat die Deutsche Bahn das Zugfahren zwar nicht neu erfunden - auch dieser Schnellzug ruckelt und wankt bei hohen Geschwindigkeiten - doch sie hat es um einiges komfortabler und einfacher gemacht. Und Wehmut, das habe ich beim Verlassen eines ICEs nun wirklich noch nie gespürt.

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