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Bahntickets beim Discounter: Wie die Schnäppchen-Tickets der Bahn bei Lidl für Chaos sorgen

Die Werbung verspricht zwei ICE-Fahrkarten für 49,90 Euro. Doch lohnt sich das Lidl-Angebot? Wir haben uns beim Discounter in die Kassenschlange angestellt und wollten ein günstiges Bahn-Ticket kaufen - ein nerviger Selbstversuch. 

ICE mit dem Lidl DB-Ticket

Wenn man es beim Discounter ergattern kann: Mit dem Lidl DB-Ticket geht es für 24.95 Euro quer durch Deutschland.

Ich betrete am Dienstagmorgen um 8.10 Uhr eine Hamburger Lidl-Filiale. Günstige Bahn-Ticktes bei Lidl? Da greift man doch zu! Nicht am Grabbeltisch mit den Artikeln zum Bevorraten gibt es den Lidl DB-Ticket Flyer, sondern an einem Ständer zwischen zwei Kassenschlangen. Eine Traube von Menschen drängelt sich davor. Jeder glaubt den letzten Flyer zu erwischen. Doch die Kunden reichen die bunten Faltbroschüren nach hinten weiter. Schließlich bekommt jeder einen, nur das bedeutet überhaupt nichts. Darin befindet sich gar kein Gutschein. Entscheidend ist der Code auf dem Kassenbon, den man erst beim Bezahlen erhält.

Lidl kooperiert mit der Deutschen Bahn

Die Preisaktion gab es schon einmal 2010 und galt als ein Erfolg: Die Deutsche Bahn und der Lebensmitteldiscounter Lidl machen gemeinsame Sache. Der Supermarkt verkauft Fernfahrkarten zu einem Tarif, den es nie am Bahnschalter geben würde.

Mit dem Slogan "Jetzt wieder da: Das Lidl DB-Ticket" werben beide Marken für ein Angebot, das es vom 4. bis 8. Oktober nur in den Filialen zu kaufen gibt, "nur solange der Vorrat reicht." Der Preis für zwei einfache Fahrten in den ICE-, IC- oder EC-Zügen beträgt 49.90 Euro. Das ist sensationell günstig. So bezahlt der Lidl-Kunde in der 2. Klasse für eine Bahnreise quer durch Deutschland, zum Beispiel von Flensburg nach Berchtesgaden, nur 24,95 Euro. Doch dieses Sonderangebot gibt es weder online bei der Bahn oder Lidl, sondern nur in den Supermärkten an der Kasse.

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Nichts geht mehr bei Lidl

Also reihe ich mich mit dem Flyer in der Hand in eine der Kassenschlangen, die an diesem Morgen besonders lang sind. Ich zähle mindestens 25 Personen pro Schlange. Drei von vier Kassen sind geöffnet. Im Gegensatz zu einem normalen Werktag geht es an diesem Morgen besonders langsam voran. Der Grund: Die Kassiererinnen müssen vom Flyer den Barcode einlesen, dann wird eine Verbindung zur Bahnsystem hergestellt, der nach dem erfolgten Zahlungsvorgang wiederum auf einem weiteren Kassenzettel einen achtstelligen Code ausdruckt. Den benötigt man zur Umwandlung in ein DB Online-Ticket auf einer speziellen Bahnwebsite.

Schon beim Bezahlvorgang hapert es. Vor mir möchte fast jeder Kunde mehr als nur ein Lidl DB-Ticket. Der Kassenscanner piepst unaufhörlich; er will einfach den Barcode auf dem Flyer nicht annehmen. "Der Computer ist hoffnungslos überlastet", sagt die Kassiererin der Schlange. Unruhe macht sich breit, zwischen den Kassen springt der Filialleiter hin und her. Auch bei den anderen Kassen dasselbe Bild: Die Drucker werfen nur selten einen Code aus, meist nur einen Zettel mit "Verbindungsabbruch". Ich stehe bereits seit 15 Minuten in der Schlange.

Plötzlich erhalten zwei Wartende ihre Codes. Die Glücklichen. Es geht voran. Doch zu früh gefreut. Der Filialleiter greift zum Handy und macht seiner Verzweiflung Luft. "Das dauert hier so lange, mindestens zwei Minuten pro Kunde". Eine optimistische Einschätzung, gefühlt geht es kaum voran.

Um 8.40 Uhr ist nur noch eine Person vor mir. Dann bricht alles zusammen. "In keiner Lidl-Filiale funktioniert der Verkauf der Tickets im Moment", ruft der Filialleiter. "Kommen Sie mittags wieder", ergänzt die Dame an der Kasse, die ich wegen ihrer Engelsgeduld nur bewundern kann. Die Kunden sind sauer. "Ich habe hier 30 Minuten angestanden, für nichts", sagt der Mann in der Parallelschlange. Die Reihen lichten sich, die ersten Kunden gehen. Die wird die Bahn als Kunden nie wiedersehen.

Geld abgebucht, kein Code

Ich lasse die junge Dame hinter mir mit der Nähmaschine, die es heute auch im Angebot gibt, vor. Wenigstens sie hat ein Schnäppchen gemacht. Dann noch einen Mann mit seinem Sixpack und der Flasche Korn am frühen Morgen. Noch einmal probiert es die Kassiererin mit einem Flyer-Barcode an der Nebenkasse, mehrmals. Irgendwann klappt es, die Kundin bezahlt. Und der Kassendrucker spuckt den Code aus. Ich schöpfe Hoffnung. Weiter warten. Noch ein älteres Mütterchen mit Nähmaschine lasse ich vorbei. Wenigstens die Kasse funktioniert.

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"Versuchen wir es noch einmal", sagt die Dame an der Kasse zu mir. Beim elften Mal Piepsen akzeptiert der Apparat den Barcode des Flyers, ich kann mit der Kreditkarte bezahlen und gebe den PIN-Code ein. Um 8.50 Uhr werden mir 49.90 Euro abgebucht. Doch die Kasse druckt den Code für das Online-Ticket nicht aus, nur Abbruchzettel, einen nach dem anderen. Die Kassiererin macht alles Mögliche, drückt Tasten. Die Kasse schnappt auf und zu - und nach einer gefühlten Ewigkeit rattert es: der Din-A4-lange Kassenzettel mit den zwei "Deutsche Bahn Codes" kommt hervor.

Jetzt muss ich nur noch an den Rechner und den Code in ein Online-Ticket umwandeln, gültig für zwei Fahrten im Zeitraum zwischen dem 10. Oktober und 18. Dezember. Laut der Bahn gilt: "volle Flexibilität, also keine Zugbindung", allerdings sind die Schnäppchen-Tickets nicht an einem Freitag gültig. Ob das Buchen meiner Strecke am Wunschtag reibungslos funktionieren wird? Vielleicht wird das eine andere Geschichte. Eines steht aber fest: Falls ich diese Nacht von meiner nächsten Bahnreise träume, wird das Gepiepse der Scannerkasse alles übertönen.

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