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Verspätungen bei der Bahn: Das ganz normale Winterchaos

Leise rieselt der Schnee, still steht der ICE: Die Bahn zieht eine positive Bilanz des Winterwochenendes, es sei nur zu geringen Verspätungen gekommen. Die Kunden berichten etwas ganz anderes.

Von Daniel Bakir und Christoph Fröhlich

Diesen Winter sollte alles besser werden, versprach die Deutsche Bahn: Man habe sich "intensiv vorbereitet" und sei besser gegen den Wintereinbruch gewappnet als in den Jahren zuvor. 700 neue Heizungen für insgesamt 48.000 Weichen, 27 Enteisungsanlagen für Züge und mehr als 20.000 Mitarbeiter in Bereitschaft schickte die Bahn in den Kampf gegen ein mögliches Schneechaos. Selbst CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer war von den ambitionierten Plänen der Bahn überzeugt. Zugleich bat er jedoch um Nachsicht: "Bei schwersten Wetterlagen sind auch wir machtlos. Da braucht man ein wenig Demut vor der Natur."

Seit diesem Wochenende wissen deutsche Bahnfahrer: Es braucht nicht einmal schwerste Wetterlagen, um die Deutsche Bahn in die Knie zu zwingen. Vielerorts reichen auch schon wenige Zentimeter Neuschnee. Weite Teile Deutschlands waren am Wochenende von erheblichen Problemen im Fernverkehr betroffen. In größeren Bahnhöfen wie Köln, Hannover oder Magdeburg kam der Fahrplan ins Wanken. Züge mit 50 Minuten Verspätung waren keine Seltenheit, einige brachten es gar auf zwei Stunden. War man dann doch endlich am Bahnhof angekommen, folgte meist die nächste böse Überraschung: Anschlusszüge waren bereits weg - oder noch gar nicht eingefahren.

Bis zu zwei Stunden Verspätung - pro Zug

Auch einer der Autoren dieser Zeilen reiste am Sonntag knapp 400 Kilometer durch Deutschland und brauchte dafür mehr als sechs Stunden. Normalerweise schafft er dieselbe Strecke in dreieinhalb Stunden. Allein die rund 100 Kilometer zwischen Uelzen und Hamburg wurden zur Zerreißprobe für die Nerven: An guten Tagen dauert die Fahrt vom Hundertwasserbahnhof in die Hansestadt nur knapp eine Stunde. Doch der Sonntag war offenbar kein guter Tag, zumindest nicht für Bahnkunden: Erst sorgte eine Weichenstörung - hier wurden die vielgepriesenen Heizungen offenbar nicht verbaut - für Verzögerungen, dann trat der Zug wenig später erneut aufs Bremspedal. Der Grund: Ein schnellerer ICE musste überholen. Das Spiel wiederholte sich noch einige Male auf der Fahrt durch die Republik, auch Oberleitungsschäden, wartende Züge oder ein Lokwechsel in Magdeburg ließen die Minuten auf dem Verzögerungskonto weiter wachsen.

Bibbern im Zug

Die desaströse Fahrt von Hamburg nach Uelzen war kein Einzelfall. Auf der Facebookseite der Bahn machten Betroffene ihrem Ärger Luft: Eine Kundin verbrachte zwei Stunden in Chemnitz, weil ihr Anschlusszug verspätet war. Ein Fahrgast benötigte von München nach Berlin elf statt sechs Stunden. Ein Rheinländer wartete am Bahnhof Meckenheim vergeblich auf vier Züge, die allesamt ausfielen.

Doch nicht nur beim Warten auf den überfüllten Bahnsteigen mussten viele Bahnkunden bei Minusgraden bibbern. Auch in einigen Abteilen sorgten ausgefallene Heizungen für frostige Temperaturen. Die Mutter eines elf Wochen alten Babys zeigte in ihrem Facebookeintrag dafür wenig Verständnis.

Ein weiteres Ärgernis: Für stolze vier Euro gebuchte Sitzplatzreservierungen verloren in anderen als den gebuchten Zügen ihre Gültigkeit. Das Ergebnis waren volle Gänge und überquellende Gepäckablagen. Viele Regionalzüge bieten weniger Platz für Koffer und Taschen als ICEs, sodass viele ihr Gepäck auf den Gängen deponierten - zum Ärgernis der Mitfahrer. Manch ein Bahnkunde musste in den Abendstunden sogar die nassen und dreckigen Treppen als Sitzplatz in Kauf nehmen.

Langsame Züge

Die Bahn zieht hingegen ein positives Wochenendfazit: "Es gab keine größeren bundesweiten Störungen", sagte ein Sprecher stern.de. Es habe so gut wie keine Zugausfälle gegeben. Es sei lediglich zu Verspätungen von bis zu 30 Minuten gekommen, weil viele Züge langsamer gefahren seien als sonst. Wegen Schnee und Eis sei die zulässige Höchstgeschwindigkeit vorsorglich auf 200 Kilometer pro Stunde begrenzt worden, sagte der Sprecher.

Der Fahrgastverband Pro Bahn zieht eine gemischte Bilanz. Vor allem am Donnerstag und Freitag sei es zu stundenlangen Verzögerungen gekommen, berichtet Verbandssprecher Karl-Peter Naumann. "Dennoch ist die Bahn besser vorbereitet als im letzten Jahr", sagte Naumann stern.de. Trotzdem befürchtet er, dass es in den kommenden Wochen immer wieder zu Problemen kommen wird. Vor allem, weil Reservefahrzeuge fehlten.

Kunden, die in den vergangenen Tagen von starken Verspätungen betroffen waren, rät Naumann dies bei der Bahn einzureichen. Er räumt Betroffenen gute Chancen ein: "Das war normales Winterwetter." Die meisten Fälle vom Wochenende dürften daher anerkannt werden, sagt Naumann. Wenn dies ein normales Winterwochenende war, will man als Fahrgast lieber gar nicht an ein schlimmeres Schneegestöber denken.

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