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Easycruiseone: Kreuzfahrt für die kleine Klasse

Urlaub auf dem Schiff wird immer beliebter und muss auch nicht unbedingt teuer sein. Günstig geht’s zum Beispiel mit der Easycruiseone. Eine Woche durch die Karibik für 198 Euro -Essen und Trinken exklusive.

Von Iris Hellmuth

Einen Tennisplatz gibt es, eine Minigolfanlage, eine Eislaufbahn, einen Pool zum Wellenreiten und natürlich: ein Kino. All das auf einem Schiff - dem Schiff dort drüben, auf der anderen Seite des Anlegers. Auf dieser Seite des Stegs gibt es all das nicht. Unser kleines Easycruise-Schiff dümpelt wie ein Beiboot des protzigen Dampfers im Hafen von St. Martin. Von hier aus soll es losgehen, sechs Inseln in sieben Tagen lautet die Route. Die Rezeption der "Easycruiseone" ist - sagen wir mal: übersichtlich. Wer seine Kenntnisse über Kreuzfahrten aus dem Fernsehen gewonnen hat, wartet nun darauf, dass ein fescher Typ à la Sascha Hehn die Gäste begrüßt. Mit dem aber hat der Dunkelhaarige hinter dem Tresen ungefähr so viel gemeinsam wie Paris Hilton mit Anne Will.

Er trägt Shorts, hat die Sonnenbrille lässig ins Haar gesteckt. Schulterklappen? Fehlanzeige. "Hi, ich bin Dario. Ich bin der Cruise-Manager", sagt er. Aha. Im Grunde sind Kreuzfahrten ja nichts anderes als ein etwas aufgeblasener Campingurlaub: viele Menschen auf begrenztem Raum. Gut, das Essen an Bord ist besser als in den meisten Wohnwagen. Am Schiffsbüfett führen sich die Passagiere in sieben Tagen Kalorien zu, die im normalen Leben ein paar Monate reichen würden. Und es werden immer größere Schiffe gebaut, mit immer mehr Schickimicki. Doch das Grundbedürfnis des gemeinen Kreuzfahrers bleibt immer gleich: Sonnenliege! Büfett! Und wenn’s hoch kommt: Captain’s Dinner! Was also soll man von einer Kreuzfahrt halten, die all das nicht bietet? Die zwischen 27 und 30 Euro pro Nacht und Kabine kostet, ohne Mahlzeiten, Fenster und Zimmerservice? Okay, der Flug kommt noch extra hinzu, aber dennoch: Bei diesem Preis muss doch irgendwo ein Haken sein. Sicher wird das Toilettenpapier extra berechnet und Bettwäsche auch. Oder wenigstens die Handtücher. Man wird sie an der Rezeption mieten - ach was: kaufen! - müssen, und sie werden mindestens 200 Dollar kosten.

Die Handtücher liegen in der Kabine, einfach so, ohne dass man einen Cent dazubezahlen muss. Auch die Kabine ist geräumiger als erwartet. Zwölf Quadratmeter, ein bisschen wie in der Jugendherberge sieht es aus, einfach, aber pragmatisch. Auf einem Podest liegen zwei Matratzen, durch eine gläserne Schiebetür links vom Eingang geht es zu Dusche, Waschbecken und WC.

So übersichtlich wie die Kabine ist das ganze Schiff. Fünf Decks, im Keller ist der Fitnessraum und auf dem vierten Deck das Restaurant, das eher wie eine Lounge eingerichtet ist, mit weißen Lederstühlen, Spiegeln und türkisfarbenen Wänden. Auf Deck fünf liegt die "Sun & Moon"-Bar, die ihrem Namen allein schon deshalb gerecht wird, weil sie bis spät in die Nacht geöffnet ist. Statt Sonnenliegen gibt es gepolsterte Liegeecken, in Terracotta-Kübeln stehen Palmen, deren Blätter in der lauen Meeresbrise schwingen. Es ist der erste Abend, und schon jetzt stellt sich für die Gäste aller Altersgruppen ein wohliger Vorgeschmack auf die bevorstehende Woche ein. Der Sonnenuntergang? Reinste Fototapete.

Das Bier kostet drei Euro - eigentlich okay für ein Kreuzfahrtbier. Langsam trudeln die ersten Gäste ein, setzen sich an die Holztische oder in den kleinen beheizten Whirlpool am Ende des Decks. "Oh, das ist ja nett hier", sagt Armin, ein Medizinstudent aus New Jersey. Dann erzählt er die Geschichte seiner Buchung, und weil er Amerikaner ist, tut er das mit sehr lauter Stimme. "Als ich das Angebot im Internet gesehen habe, dachte ich erst: Das kann doch nicht sein! Ich habe wirklich gedacht, dass mein Bildschirm kaputt ist." Mit den Händen macht er eine Bewegung, als führe er die Maustaste. "Ich habe das Fenster geschlossen, meinen Computer runtergefahren und noch einmal von vorne begonnen." Der Preis blieb derselbe. "Und dann habe ich mir gesagt: Selbst wenn es unterirdisch wird, dann hab ich wenigstens kein Vermögen ausgegeben." Die unfreiwilligen Zuhörer am Nebentisch nicken. Nach drei Bieren kennt man auch deren Buchungsgeschichte. Nachts in der Kabine brummt die Klimaanlage und lässt sich nicht abstellen. Saukalt in der Karibik.

"This is the Captain from the fridge", schallt es frühmorgens an meine kalten Ohren. Natürlich ist das ein Verhörer, "from the bridge" hat er gesagt, aber das ist nicht mehr wichtig, denn er hat einen Wal neben dem Schiff gesehen. Also schnell hoch an Deck, aber zu spät, der Wal ist längst abgetaucht. Was schade ist. Amerikaner im Schlafanzug sind keine guten Ersatzwale. "Dann lass uns halt frühstücken gehen", sagt Timo zu Suzi und hält das Gesicht in die Sonne. Timo und Suzi, zwei Banker aus Augsburg, haben längst ausgerechnet, dass der Dollar im Moment sehr günstig steht. English breakfast kostet sieben Euro, "da kannst du ja nichts sagen", meint Timo, und er hat recht. Das ist durchaus in Ordnung für ein Kreuzfahrtfrühstück. Gerade mal drei Stunden ist die "Easycruiseone" an diesem Morgen auf See gewesen, dann ist St. Barthélemy in Sicht. Die Inseln der Kleinen Antillen liegen dicht an dicht. Im Grunde ist unser Schiff nichts anderes als eine schwimmende Jugendherberge, oder besser: ein schwimmendes Taxi, das Woche für Woche die schönsten Strände der Welt abklappert.

Ab Zehn Uhr morgens setzen Beiboote die Passagiere über. Der Hafen von St. Barthélemy ist so klein, dass nur Millionärsyachten einen Liegeplatz bekommen. Deren Besitzer halten mittags anscheinend Siesta, und so fällt gar nicht auf, dass ein Grüppchen Easycruiser durch die kleine Hauptstadt Gustavia schlendert. Die Gassen tragen skandinavische Namen und erzählen die Geschichte einer Insel, die erst französisch war, dann ein paar Jahre schwedisch und heute zum Überseedépartement Guadeloupe zählt. Bunte Holzfassaden schmücken die Häuser im Kolonialstil, keines gleicht dem anderen. In den Restaurants gibt es europäisches Essen zu französischen Preisen, nur die Mietwagen sind günstig, 50 Euro kostet der Jeep für den ganzen Tag. Im Norden der Insel ist man in 15 Minuten und kann hier richtig wandern. Kakteenwälder ziehen sich von der Spitze der Felsen bis hinunter in die heimeligen Buchten, wo kaum Menschen sind und nur ab und zu eine Riesenschildkröte döst.

Gegen 20 Uhr beginnt an Bord das Unterhaltungsprogramm. In der Mitte der "Sun & Moon"-Bar steht Dario und versucht sich als Animateur - vergebens. Im wahren Leben ist er Meeresbiologe und Fotograf, was ihn aber nicht davon abhält, den Karaoke-Abend zu moderieren wie ein Familienvater den Kindergeburtstag: "Hey, Leute, lasst mich nicht im Stich." Der Bildschirm mit den Liedtexten hat einen Wackelkontakt. "Funktioniert das schon wieder nicht," murmelt er und haut auf den Fernseher. Das wirkt. Die Show kann beginnen, und Dario singt die ersten fünf Lieder allein, das macht er sehr tapfer. Bis Justin ihn erlöst, ein dicker Amerikaner mit wirren Locken, der mit der Anmut eines Lastkrans "Hit Me Baby One More Time" von Britney Spears intoniert.

Am nächsten Morgen laufen wir Anguilla an, wieder so eine Insel, die vom Massentourismus verschont bleibt, weil sie keinen richtigen Hafen hat. Ein Taxi fährt uns an einen Strand auf der anderen Seite, ständig muss der Fahrer bremsen, weil eine Ziege oder eine Kuh auf der Straße steht. Es ist Sonntag, die Menschen sitzen vor ihren bunt gestrichenen Holzhäusern und winken. Der Strand ist blendend weiß, in der Ferne brechen Wellen im türkisfarbenen Meer, oder es ist eine tief hängende Wolke, man weiß es nicht genau, und es ist so oder so einfach schön. Janet und Mike, zwei Rentner aus England, sind sofort im Wasser, Timo und Suzi dösen unter den gelben Sonnenschirmen. "So muss sich Urlaub anfühlen", sagt Armin, der Medizinstudent. Zusammen kurieren wir den Kater der Karaoke-Nacht aus.

Wir legen in Antigua an, und mit uns drei Ozeanriesen, schwimmende Hochhäuser, die die Hütten im Hafen erdrücken. Die Passagiere trotten vom Schiff. Kaum dass man die Anlegemauern verlässt, ist es wie bei Aldi: Alles drängelt, überall Angebote. "Taxi, Taxi", schallt es aus Dutzenden Kehlen, schwarze Frauen mit Muschelkettenbergen über dem Arm säumen die Straße. Der Invasion der Passagiere haben die Inselbewohner ein Bollwerk aus Marktschreiern entgegengesetzt. Nur Timo und Suzi schlängeln sich vorbei, 365 Strände soll es auf Antigua geben, einen für jeden Tag im Jahr, "da wird sich doch was finden", sagt Timo. Für die anderen stehen Männer mit kleinen Schildern bereit. "Tauchen mit Stachelrochen, hier entlang," ruft einer, und zum ersten Mal fühlt es sich komisch an, mit den Gästen der anderen Schiffe in einer Gruppe zu stehen. Hey, die sind die Bundesliga, wir sind die Kreisklasse. Bei denen steht ein Plüschdelfin, der ihnen im Hafen zur Begrüßung die Flosse schüttelt. Bei uns: steht niemand! Nach ein paar Stunden haben wir die Stadt wieder für uns. Die Passagiere kehren in ihre schwimmende Großstadt zurück, im nächsten Hafen warten neue Muschelketten.

Die Woche vergeht wie in Zeitlupe. Sechs Tage, das sind gefühlte sechs Wochen. Rein rechnerisch senkt sich damit der Kreuzfahrtpreis auf knapp vier Euro pro Nacht. Nevis ist die letzte Station der Reise. Auch hier kommen wir mangels Hafenanlagen wieder mit dem Beiboot an, ein zuverlässiger Indikator dafür, dass kaum Touristen die Insel belagern. In den Straßen von Charlestown stehen die Menschen beisammen und plauschen. Aus einem CD-Laden klingt Reggae-Musik, und wunderschöne Frauen klackern auf hohen Absätzen die Bürgersteige entlang. Taxiunternehmen heißen "Smile on me", die Geldscheine sind mit Schildkröten und Muscheln bedruckt. Mitten im Dorf ist es schattig. Palmen stehen neben bunt lackierten Parkbänken, ein Denkmal erinnert an die Toten der Weltkriege. Der Weltkriege? Es ist eine absurde Vorstellung, dass Männer dieser Mini-Insel ihr Leben für den Wahnsinn jener Menschen lassen mussten, die ihnen ohnehin nicht viel Gutes gebracht haben.

An der Strandbar fragt der Mann hinter dem Tresen: "Easycruise - is that easy cruising?" Ach, ich weiß nicht, eigentlich stehen wir mehr, als dass wir cruisen. "Wir schauen uns die Inseln an, weißt du?" Der Mann lacht, das gefällt ihm. "Wir haben auch nichts weiter an Bord außer einer kaputten Karaoke-Anlage." Das findet er noch lustiger. Die Fischsuppe, die seine Frau in der Küche links vom Tresen kocht, ist so scharf, dass es den Schweiß auf die Stirn treibt. Ein paar Meter weiter spielt eine Steelband Melodien von Jimmy Buffett. "Das hört sich nach ’ner ziemlich entspannten Reise an", sagt der Mann hinter dem Tresen. Der Blick wandert in die Ferne, hinunter vom klarblauen Horizont aufs türkisfarbene Meer. Irgendwo dahinten liegt unsere kleine "Easycruiseone". Doch, ja, ziemlich entspannt.

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