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Alpen: Der Alptraum

Aus den Hochlagen der Alpen flüchten die Menschen, in den Tälern wuchern die Städte. Verkehr, Globalisierung und Klimawandel machen Europas größtes Gebirgsmassiv zur Allerweltslandschaft. Nur wenige Projekte geben Anlass zur Hoffnung.

Von Joachim Rienhardt

Der Mythos lebt, in Innervillgraten. Samstagabend bläst die Musikkapelle am Dorfplatz den Marsch, Sonntag dann der Kirchgang. Frauen machen sich zu Fuß auf zur Pfarrkirche St. Martin, in bestickten Röcken mit Schürze, Jacken aus schwarzem Brokat, das Haar zum Knoten geflochten. Nach der Messe strömen Männer in Anzug und Krawatte zum Frühschoppen. Der Kuhhirt Hans Rainer ist von der Alm heruntergekommen, stößt im Gasthaus Raiffeisen mit Freunden an, auf dem Kopf immer den Lodenhut, der nur zur Messe abgelegt wird. Und später zum Essen.

Oben, im Ortsteil Kalkstein, wo die Straße am Friedhof mit der monumentalen Grabstätte des Wilderers Pius Walder endet, einst von Jägern "kaltblütig und gezielt beschossen", spuckt der Bus nun Touristen aus. Der Wildbach rauscht, an den Steilhängen kleben uralte Höfe. Die elektrischen Leitungen hat man hier eigens für die Filmleute unter die Erde verlegt.

Innervillgraten in Osttirol ist eines der ganz wenigen Täler in den Alpen, die noch dienen können als Kulisse für Herzschmerz-heile-Welt-Streifen, "Tal des Schweigens", "Heidi" oder "Zwölfuhrläuten", mit denen die Sehnsucht zivilisationsmüder Städter nach der rauen, unverdorbenen Welt bedient wird. Nach unberührter Natur und edlen Wilden, wie es Werner Bätzing nennt, Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen, der derzeit renommierteste Alpenforscher.

Kampf ums Überleben

Die Alpenromantik war immer ein Trugbild. Doch heute passt sie weniger denn je. Denn Verkehr, Globalisierung und Klimawandel haben dramatische Folgen. Berggemeinden abseits der Touristenzentren kämpfen aussichtslos ums Überleben, aus den Hochlagen flüchten die Menschen, in den Tälern wuchern die Städte. "Die Alpen werden immer mehr zur Peripherie der europäischen Metropolen, zerfallen in deren Einflussgebiete. Sie verkommen zur Allerweltslandschaft", sagt Bätzing. "Vermutlich wird die Hälfte des Alpenraums zum Problemgebiet mit Abwanderung und Überalterung. Und von dieser Hälfte wird die Hälfte menschenleer."

Schon heute leben zwei Drittel der Alpenbewohner in Ballungsräumen, deren Bevölkerung allein in den Jahren 1981 bis 2001 um 1,2 Millionen Menschen zugenommen hat, das ist ein Plus von mehr als zehn Prozent, fast das Doppelte des EU-Durchschnitts. In der Rheinebene Vorarlbergs zum Beispiel sind die Dörfer längst zusammengewachsen zu einer Wüste aus Beton und Asphalt. Einst beschauliche Weiler verbreiten den Charme eines Autohofs mit monströsen Lebensmittelläden, dem obligatorischen Baumarkt nebst Gartencenter und Currywurst-Buden. Und Parkplätzen, die an amerikanische Vorstädte erinnern.

Reinhold Messner kann von seinem Schloss Sigmundskron, wo er sein "Messner Mountain Museum" betreibt, beobachten, wie sich die 100.000-Einwohner- Stadt Bozen, die drittgrößte der Alpen, immer weiter in die Obstfelder frisst, immer näher heran an die mächtigen Dolomitfelsen, die sich rechts und links erheben. Derzeit wird die Neubausiedlung "Casa Nova" gebaut, Wohnungen für 6000 Menschen. "In 20 Jahren reicht die Bebauung bis an die Etsch, dann ist hier alles voll", sagt Messner. Spätestens dann soll auch der Brennerbasistunnel fertig sein. Fachleute sagen, er könne Bozen zu einer Art Vorort von München machen, erreichbar in zweieinhalb Stunden - nahezu Tagespendlerdistanz. Morgens zur Arbeit nach Bayern, später zurück in die "Alpenstadt des Jahres 2009", die diese Auszeichnung vor allem für die Absicht erhalten hat, in den nächsten zehn Jahren nur noch so viel Kohlendioxid zu produzieren, wie im Stadtbereich durch natürliche Vorgänge gebunden wird.

Der Bauer ist Vergangenheit

Der Basistunnel ist Kern der Achse Berlin-Palermo. Eine weitere Achse soll der neue Frejus-Tunnel von Lyon nach Turin bilden, Herzstück der Verbindung Lissabon-Budapest-Kiew. Der schon fertiggestellte Lötschberg-Basistunnel, Teil der Neuen Eisenbahn-Transversale von Basel nach Genua, hat im Oberwallis zu einem Bauboom geführt, weil Zürich von dort aus jetzt in weniger als zwei Stunden erreichbar ist. Was passiert, wenn der neue Gotthardtunnel fertig ist, lässt sich bereits an den Grundstückspreisen in Como ablesen: Auch das Tessin wird zum Vorgarten Zürichs.

Natürlich möchte Bozen nicht zur Schlafstadt Münchens oder Mailands verkommen. Im Gegenteil: Man möchte profitieren von der Lage am Handelsweg, an der Schnittstelle zwischen Nord und Süd. Messner hat im Turm seines Schlosses ein großes Loch gelassen. Von einem ausrangierten Sessel eines Skilifts sieht man direkt auf den breiten Bergrücken des Schlern, flankiert von zwei Felsnadeln. "Das ist die Postkarte, die Leute im Kopf haben, wenn sie an die Alpen denken. Die meinen immer noch, hier steht der Bauer mit der Gabel auf dem Misthaufen und stinkt. Aber das gibt es nicht mehr", sagt Messner. Der Blick geht hinunter auf die Schnellstraße, auf der ein Auto nach dem anderen im Berg verschwindet. Der Lärm ist ohrenbetäubend. "Die Alpen waren früher ein Hindernis. Heute sind sie durchlöchert, nah dran an der Welt." Um in dieser Welt bestehen zu können, sagt Messner, müsse Bozen noch mehr an sie heranrücken.

Er hat nichts gegen den Ausbau des Flughafens, damit Touristen und Geschäftsleute einfliegen können, nichts gegen ein weiteres Wachstum der Stadt. "Ich bin dafür, dass man hier Hochhäuser baut. Warum nicht?", sagt er. "Es war ein großer Irrtum von mir, so zu tun, als dürften nur wir Älpler auf den Bergen herumkraxeln. Heute geht es nicht darum, ob noch ein Lift mehr gebaut wird. Es gilt, den Menschen hier ein Auskommen für ein zeitgemäßes Leben zu sichern." Die Landschaft drum herum aber müsse geschützt, die Landwirtschaft mit dem Tourismus verzahnt werden. "Die Landschaft ist unser Kapital. Das ist unser Öl. Und das ist nicht endlich, wenn wir es richtig anstellen."

Planlos und hilflos

Bislang ist zu vieles schiefgegangen. Der Aufbruch der Region in die Zukunft gleicht dem einer schlecht ausgerüsteten Expedition, planlos und hilflos den Unbilden ausgesetzt. Immer mehr Älpler pendeln täglich in die Metropolen oder Touristenzentren, weil sie zu Hause keine Arbeit mehr finden. Sie verursachen heute 80 Prozent des gesamten Verkehrs im Alpenraum, Tendenz steigend. Alpenschützer kehren diese Zahl gern unter den Tisch. Dass die kernigen Typen aus dem Werbeprospekt mit ihren 300 PS starken Allradkarossen zum Brötchenholen fahren, passt nicht zum Image der naturverbundenen Einheimischen. Sie sind eben nicht alle in der Bergwacht, sondern leben zumeist in gesichtslosen Dörfern. Tagsüber tote Hose, abends TV. Sonst geht da nicht mehr viel.

Dort, wo es nie ein Konzept für die Zukunft gab, lässt sich der Tod nicht mehr aufhalten. Ein Drittel aller Gemeinden in den Alpen verliert seit 1870 permanent Einwohner, zum Teil dramatisch. In den französischen Seealpen oder in den italienischen Regionen Piemont und Friaul gibt es etliche Dörfer, in denen gerade mal zwei Alte zurückgeblieben sind. Die wenigen, die in den entlegenen Tälern noch das Land bestellen, kämpfen mit Verwilderung. Mit Füchsen, Wölfen und Bären, die Felder und Ställe räubern. Büsche überwuchern ehemalige Weiden, die traditionelle Kulturlandschaft geht verloren. Touristen verirren sich in diese Einöde höchstens zum Überlebenstraining.

Nicht einmal die Puristen unter den Naturliebhabern haben Freude an dieser Entwicklung. Durch die Verbuschung steigt die Gefahr von Lawinen und Muren, weil ungemähte Wiesen eine Rutschbahn bilden. Die Vielfalt der Landschaften und Tierarten geht verloren, vor den Felsgipfeln findet sich immer seltener die bunte Blumenwiese. Große Gebiete werden unbegehbar, und in den wenigen besiedelten Regionen dazwischen herrscht zusehends Uniformität. Das hat Folgen für den ganzen Kontinent. "Europa hat immer von der kleinräumigen Vielfalt gelebt und so eine gemeinsame Hochkultur in unterschiedlichen Ausprägungen entwickelt. Das führt zu Innovation", sagt Bätzing. "Wenn das wegfällt, wird Europa steril und wird die im globalisierten Wettbewerb nötigen, spezifischen Lösungen nicht mehr finden. Dann geht Europa kaputt."

Hat ein Dorf erst einmal weniger als 700 Bewohner, dann kommt jede Rettung zu spät. Peter Rieder, emeritierter Professor für Agrarökonomie, hat diese Zahl als magische Untergrenze errechnet. 20 Jahre lang war Rieder Präsident einer Stiftung zur Rettung der Berggemeinde Vrin in Graubünden, nur etwa eine halbe Stunde entfernt von den Wintersportorten Flims-Laax. Das Dorf verliert seit einem Jahrhundert Einwohner. Mehr und mehr reiche Städter hatten sich in leer stehenden Bauernhäusern und umgebauten Ställen ihre Feriendomizile eingerichtet. Die Stiftung sammelt Spenden und Geld beim Staat, mit denen der preisgekrönte Architekt Gion Caminada Gebäude renovierte, eine Gemeindehalle baute. Die Einwohnerzahl sank weiter. Jetzt sind es noch 200. Rieder hat gerade sein Stiftungsamt niedergelegt: "Man kann den Prozess mit allem Geld der Welt nicht aufhalten", sagt er. "Die Leute fliehen ja freiwillig."

Trügerische Romantik

In dunklen Ställen sieht man alte Männer werkeln. In der Schule lärmt kein Kind, Friedhofsruhe rund um die neu erbaute Mehrzweckhalle. Der Postbote chauffiert eine Handvoll Wanderer weiter hinauf ins Tal. An der Bäckerei hängt ein Zettel: "Dienstag ab 9.30 Uhr geschlossen." Eine der zwei Kneipen macht über Mittag zu. Rieder spricht von sozialer Verarmung. "Selbst wenn die Natur noch so schön ist: Wer möchte schon allein darin leben?"

Auch in Soglio herrscht Alarm, einem Schweizer Paradedorf knapp 50 Kilometer südlich von St. Moritz mit Steinhäusern, die auf kaum einem eidgenössischen Kalender fehlen. Ein Ort, von dem Künstler schwärmen, er liege "an der Schwelle zum Paradies". Er liegt eher an der Schwelle zum Jenseits. Touristen tapern durch die Gassen, so ergriffen von der Beschaulichkeit, dass sie sich nur flüsternd unterhalten. Von den Souvenirs, die sie in diesem Freilichtmuseum kaufen, können nur wenige leben. Carla Giovanelli hat ihren Laden konsequent zwölf Stunden geöffnet, auch im Winter, sieben Tage die Woche, obwohl an manchen kein Kunde kommt. Wirtschaftlich ist das eine Katastrophe. "Aber man darf die Psyche nicht vergessen", sagt die 52-Jährige. Bätzing spricht von ungeheurer Depression, die sich in diesen sterbenden Dörfern breitmacht. "Die Menschen haben das Gefühl, sie seien nichts mehr wert."

Mit 25 seiner Studenten wandert der Professor auf dem ersten Gletscherlehrpfad der Welt die zwei Kilometer hinauf, die sich der Morteratschgletscher im Oberengadin seit 1870 zurückgezogen hat. "Durch den Klimawandel lauern ganz neue Gefahren in den Alpen", erklärt er. Seen geschmolzenen Gletschereises könnten ganze Dörfer mitreißen, sollten sie ausbrechen. Uferböschungen müssen erhöht werden, weil die Niederschläge künftig extremer ausfallen und mit immer größerer Wucht ins Tal stürzen, je weniger Gletscher- und Schneeflächen das Wasser binden.

Am Schafberg über Pontresina wurden für rund fünf Millionen Euro Dämme gebaut, weil durch den zurückgehenden Permafrost Murenabgänge das ehemalige Bergsteigerdorf bedrohen. Wenn das Eis schmilzt, setzt es eingeschlossenes Geröll frei, das oberhalb der Vegetationsgrenze keinen natürlichen Halt mehr hat. "Wenn man nichts in den Schutz investiert, wird es aus volkswirtschaftlichen Gründen künftig nicht mehr machbar sein, die Alpen als Lebens- und Wirtschaftsraum zu erhalten", sagt Bätzing.

Avenir Suisse, ein Schweizer Unternehmerverband, spricht schon von einer alpinen Brache, in die staatliches Geld zu stecken sich nicht mehr lohne. "Künftig werden nur noch kleinere Inseln im Alpenraum bewohnt und bewirtschaftet werden", sagt Bätzing. Wie im Oberengadin, wo Dörfer bis zu 80 Prozent als Zweitwohnsitz genutzt werden. Die Äcker und Weiden bewirtschaften entfernt wohnende Bauern. Neue Wege ermöglichen selbst in steilsten Lagen den Einsatz von Maschinen. Und die Milch von der Alpe fließt in einer Pipeline hinab ins Dorf, wie es die Biobauern von Vals in Graubünden vorexerzieren.

Auch der Fremdenverkehr sieht sich gezwungen, neue Wege zu gehen. Touristikzentren verwandeln sich zu Fun-Parks. Internationale Marketingexperten feilen an Konzepten, holen Elton John zum Abschluss der Skisaison nach Ischgl, inszenieren auf dem Rettenbachferner in Sölden Theaterstücke, bei denen Überschallflugzeuge mitwirken. Alles, um Kunden zu locken für den ganz normalen Wahnsinn. Base-Jumping, Oldtimer-Rallye, Nachtrodeln, Gletscher-Biken. Perfekt serviertes Fastfood für Erlebnishungrige, die auch zum Rafting wie am Fließband in die Schluchten des Inn verfrachtet werden. Hauptsache, Spaß. Und kein Zeitverlust. In Innsbruck entschweben Alpinisten seit vergangenem Jahr direkt vom Kongresshaus an der Hofburg mit der Gondel Richtung Berg. Und damit man den Trip zum Jungfraujoch künftig in einem halben Tag abhaken kann, sollte dort eine neue Bahn gebaut werden.

Neue Zielgruppen

Noch kommen die meisten aus Deutschland. Auf lange Sicht versprechen auch Indien, China und Nordamerika gute Geschäfte. Vor allem die Schweiz sieht dort ihre Zukunft. Österreich setzt zunächst auf Osteuropa. Aus Sölden im Ötztal reiste die Fremdenverkehrsdirektion mit 20 PR-Fachleuten nach Moskau, um im Snowdome mit Dirndl und Obstler für ihr Tirol zu werben. Sie trafen auf interessiertes Publikum.

Denn fern der schmelzenden Gletscher, der schwindenden Bergdörfer und der verbauten Täler zieht noch immer der Mythos, den einst der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau begründete, als er im 18. Jahrhundert das Alpenerlebnis so beschrieb: "Es scheint (...), dass man sich den Regionen des Äthers nähert, die Seele etwas von ihrer ursprünglichen Reinheit zurückerlangt. Man ist ernst ohne Melancholie, still, ohne Gleichgültigkeit, zufrieden: zu sein und zu denken. Alle allzu lebhaften Wünsche stumpfen sich ab, sie verlieren diese scharfe Spitze, welche sie schmerzhaft macht, sie lassen nur im Grunde des Herzens eine leichte und süße Bewegung zurück."

Auch im Nahen Osten wächst das Interesse an den Alpen - als Standort für Investitionen. Fast wie zu Zeiten der Belle Epoque, da Adlige und das Großkapital Ferienpaläste in die Bergwelt pflanzten. Man spricht von einer neuen alpinen Gründerzeit. Allein in der Schweiz sind 21 Projekte in Planung oder bereits im Bau. Die Rekordmarke setzt der ägyptische Investor Samih Sawiri, der in Andermatt eine Milliarde Dollar in einen Ferienkomplex mit 3000 Betten und eigenem Golfplatz steckt.

Luxus und Wellness

Noch ist die Stimmung gut. "Man wird künftig in die Alpen reisen wie sonst auf die Malediven", frohlockt der Basler Tourismusforscher Christian Hunziker. In Feriendörfer der Luxuskategorie, geeignet auch für Seminartourismus, natürlich mit Wellness drinnen und draußen, gesichert, gestylt, je nach Bedarf beheizt, gekühlt oder beschneit, immer bemüht, die Nachfrage aufs ganze Jahr zu verteilen.

Ferienorte rüsten auf. Sölden hat allein in den vergangenen zwei Jahren 45 Millionen Euro für Gondeln und Beschneiungsanlagen ausgegeben. Bergbahnbesitzer Jack Lang nennt das eine "Investition in die Schneekompetenz". Er werde "auch in Zukunft darauf setzen und daran arbeiten, sie weiter auszubauen". Schließlich wird von den Gletschern in den Ostalpen in 50 Jahren kaum mehr etwas übrig sein, obwohl sie im Sommer aufwendig mit Planen vor der Sonne geschützt und im Winter beschneit werden. Pläne zur Fusion mit dem Gebiet des benachbarten Pitztals liegen bereit. "Wenn die Pitztaler das Okay geben, müssen wir nur den Hebel umlegen", sagt Lang und hofft, es möge bald geschehen. Denn es gilt, sich zu behaupten gegen Giganten wie die in Paris an der Börse notierte Compagnie des Alpes.

In den französischen und Schweizer Alpen besitzt das Konsortium bereits 17 große Skistationen, dazu riesige Resorts, von denen das Wohl und Wehe ganzer Täler abhängt. Das Unternehmen streckt seine Fühler in den gesamten Alpenraum aus: Wo kann man Betriebe übernehmen? Wo bestehende vergrößern? Um sich solcher Konkurrenz zu erwehren, schließen sich kleinere Gebiete zusammen, setzen auf Ausbau.

Große Investitionen

Alpenweit sind derzeit 120 große Liftanlagen projektiert. St. Anton möchte die Seilbahnverbindung vom Arlberg bis hinüber nach Kappl im Paznautal schlagen. Und nebenan, im Kaunertal, soll ein Gletscherlift Österreich mit Italien verbinden. Das 420-Einwohner-Dorf Obergurgl, das damitsein Prädikat als Biosphärenreservat aufs Spiel setzt, hat 75 Millionen in neue Lifte, Bergrestaurants und Hotels investiert. Dolomitisuperski, der größte Skiverbund der Welt, bietet 450 Lifte und knapp 1200 Pistenkilometer. Zugleich wächst in den Dörfern die Angst, mit solchen Mammutprojekten in die Abhängigkeit von Multis zu geraten, deren Manager in der fernen Konzernzentrale über das Schicksal ganzer Täler befinden.

Die autonome Provinz Bozen hat Geld genug für Planspiele anderer Art. Im futuristischen Glasbau des Forschungsinstituts Europäische Akademie (Eurac) arbeiten Wissenschaftler aller Fachrichtungen an Studien, geben Empfehlungen für Flächennutzung, Industrieansiedlung - oder auch für den Bau eines Bio-Heizkraftwerks. Das hat die Bauern der Region per Glasfaserkabel vernetzt, um präzise ihren Verbrauch zu ermitteln, und hat ihnen damit gleichzeitig die weite Welt des Internets eröffnet. Der Bozener Innovation Park, ein Management-Pool, assistiert Unternehmen in der Gründungsphase, hilft Kleinbetrieben, sich gemeinsam für Großaufträge zu bewerben. Bereits vor elf Jahren wurde die Stadt zum Universitätssitz. Kluge Köpfe versuchen, kluge Köpfe am Ort zu halten.

Selbst manchen kleinen Orten gelingt mit mutigen Konzepten die Zukunftssicherung. Als in der Walsergemeinde Vals Anfang der 90er Jahre das Kurbad abgewirtschaftet hatte, war das Dorf vom Entsiedlungsvirus befallen. Vals scheute vor großen Investitionen in den Neubau der Therme nicht zurück - und auch nicht vor dem eigenwilligen Design des Architekten Peter Zumthor. Sein Werk machte Furore, zieht Besucher aus aller Welt an. Die Auslastung liegt bei 85 Prozent. Dass Zumthor Gneis aus dem heimischen Steinbruch verarbeitete, bescherte eine neue Quelle für Arbeit und Einkommen. Der Steinbruch, geführt von den in den USA diplomierten Söhnen des Gründers, liefert seither in alle Welt. Und nachdem nun auch noch Coca-Cola die Valser Mineralquellen AG übernommen hat und mit seiner Markenmacht den Absatz beflügelt, ist Vals gesund.

"Tradition und Moderne kombinieren"

"Es waren immer Technik und Innovationen von außen, die in den Bergdörfern das Überleben sicherten", sagt Professor Rieder. "Mit dem heimischen Bäcker, Schreiner oder Metzger allein geht das nicht." Es gebe - "Gott sei Dank" - zahlreiche Initiativgruppen, die umdenken. Die nicht mehr jedem geknickten Grashalm nachtrauern, nicht jeden Fortschritt verweigern. Verklärung und Musealisierung mache die Alpen kaputt, sagt auch Bätzing. "Manchmal muss man Blockaden im Kopf lösen, Tradition und Moderne miteinander kombinieren." Geschehen soll das unter dem Dach der Internationalen Alpenschutzkommission. Individuell für jedes Tal und doch zur Stärkung der gesamten Region. "Gemeinsam den Widerstand gegen den Prozess der allgemeinen Entwertung erhöhen", wie Bätzing sagt.

So wie in Innervillgraten, im ehemaligen Armenhaus Österreichs. Dort wollte Bauernsohn Josef Schett bereits vor 30 Jahren nicht tatenlos zusehen, wie immer mehr Junge der Heimat den Rücken kehrten, "um sich irgendwo im Tourismusgewerbe ausbeuten zu lassen". Schetts Glück war, dass ihm eine Studie der Universität Innsbruck in die Hände fiel. Mit Schafen, hieß es da, sei was zu holen. Er verkaufte seine Kühe, legte sich Schafe zu, fuhr mit einer Abordnung Frauen in die Schweiz, um zu lernen, wie man Käse macht. Heute gibt es über 1000 Schafe im Tal, Schett verarbeitet ein Drittel der Schafwolle ganz Österreichs und ist inzwischen der größte Arbeitgeber im Tal.

Selbst seine Gegner sind heute froh, dass er vor Jahrzehnten einen Stausee verhinderte, der das halbe Tal geflutet hätte. So wurde Innervillgraten nicht nur zum Beispiel für die Zukunft der Alpen, sondern blieb auch ein Modell ihrer Vergangenheit. "Zu uns kommen auch viele Kitzbüheler, um eine Welt zu erleben, wie sie in ihren Kindheitserinnerungen existiert und die sie vielleicht noch vor 30 Jahren erlebt haben." Oben, auf der zum Dorf gehörigen Oberstaller-Alm, genießen sie das schlichte Leben.

Hier gönnt sich jetzt auch Josef Schett nach einem Sonntag im Büro Bier und Wurst. Seine Frau schrubbt den Boden. Er bemüht sich um die Genehmigung, die Hütten künftig auch im Winter vermieten zu können. Ein Gemeinschaftsstall mit Melkmaschine für die verbliebene Almwirtschaft ist in Planung. Denn auch hier oben sterben die Alten langsam aus. Neulich erst kam die 85-jährige Maria ins Pflegeheim. Noch gibt es den Kuhhirten Hans Rainer. Gerade zurück vom ausgedehnten Frühschoppen im Dorf, das Gesicht unterm Lodenhut leicht gerötet, treibt er die Kühe in den Stall. Bis zum nächsten Sonntag, bis zum nächsten Kirchgang und zum nächsten Wirtshausbesuch wird er wieder hier oben bleiben, beim Vieh. Er ist zufrieden mit seinem Leben, er ist gesund, aber auch er ist schon 75.

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