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Gstaad: Stars in der Hand Gottes

In Gstaad landen die Promis mit dem eigenen Jet und treiben ihren Ferrari auf die Alm. Die Schweizer nehmen den Trubel gelassen und machen den Käse genau so, wie es die Vorväter getan haben. Auch den von Roger Federers persönlicher Kuh, Juliette.

Von Marina Kramper

Gstaad im Saanenland im Kanton Bern ist fast jedem Reisenden ein Begriff wie St. Tropez oder Las Vegas. Mit dem Ort verbindet man das Bild eines gewissen Lifestyle, das sich nicht von ungefähr auch aus den Klatschspalten der Regenbogenpresse speist. Bei all diesen Berichten ist etwas Wahres dran, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Gstaad ist viel zu vielschichtig, um nur das Klischee des Promi-Kurortes zu erfüllen.

Tatsache ist, dass sich die Prominenten in Gstaad die Klinke in die Hand geben. Viele haben sich niedergelassen. Berni Ecclestone, der Paten der Formel eins, hat gleich das Hotel Olden in der Fußgängerzone von Gstaad gekauft. Pünktlich zwei Stunden nach der Siegerehrung in der Formel Eins fädelt er seinen Lear Jet auf dem nahe gelegenen ehemaligen Militärflugplatz Saanen durch die Berggipfel auf die Landebahn ein. Für die großen Privat- und Militär-Jets ist der 1946 eröffnete Flughafen heute zu klein, dafür weiß die Prominenz die in Sichtweite zu Gstaad-City gelegene Piste für die schnelle und diskrete Anreise zu schätzen.

Die Promi-Clubs

Überhaupt, die Prominenz! Kein Artikel über Gstaad, ohne diese Bevölkerungsgruppe zu nennen, die ehemals als die oberen Zehntausend eine Hierarchie beschrieben, die die Rangfolge vom Sonnenkönig abwärts bis in die Bel Etage der Großbürgervillen repräsentierte. Heutzutage wird diese Exklusivität durch Paradiesvögel im Stile einer Victoria Beckham bereichert. Das macht Sinn, weil die Töchter des Jetset in den Edel-Boutiquen von Gstaad Victoria Beckham Jeans kaufen können, um dann stilecht im "Hush" zu loungen. Dem Club, den der Sohn von Roger Moore sein eigen nennt.

Papa Roger hat sich mit großer Geste in die Gstaader Ortsgeschichte eingeschrieben: Die Bezirksregierung hatte beschlossen, den baufälligen Lift auf den Wassergrat nicht mehr zu erneuern. Shocking, liegt auf dem Wasserngrat der "eagle-club", einer der exklusivsten "clubs del mundo", wo selbst James Bond nicht an den Türstehern vorbei gekommen wäre. Roger Moore gehört zu den Auserwählten. Und sie beschlossen, den neuen Lift, der den Zugang zur Klubherrlichkeit bedeutet, dann eben selbst zu finanzieren.

Zwischen Piste und Parlament

Liz Taylor, Boris Becker, Günther Netzer und so weiter und so weiter. Man steigt in den großen Fünfsterne Hotels ab, wie z. B. dem Palace, dass mit seiner Schlossarchitektur 1913 eine optische Marke in Sachen Luxus setzte, oder besitzt ein Chalet. Ein klassischer Urlaubstag im Winter sieht so aus, dass man sich einen der privaten Skilehrer für die Dauer des Aufenthaltes bucht. Bethli Küng ist eine davon. Im Hauptberuf Skilehrerin oder Bezirksabgeordnete des Saanenlandes oder umgekehrt, war sie früher aktive Rennläuferin und stand im Olympiakader der Schweizer Nationalmannschaft. In einem Abschlusstraining für die Olympischen Spiele in Grenoble zerbrach ihr Traum innerhalb von Sekunden, sie verletzte sich so schwer, dass es mit der Karriere vorbei war. Heute macht sie, neben dem Dasein als private Skilehrerin Politik und setzt sich z. B. dafür ein, dass das ursprüngliche und sehr attraktive Saanen endlich eine Umgehungsstraße bekommt.

Bethli Küng wird regelmäßig und in familiärer Atmosphäre von den gleichen Familien gebucht. Morgens fährt sie dann mit der Dame des Hauses zum Skilanglauf an den Lauener See, danach werden die wilden Sprösslinge im Abfahrtslauf trainiert und im legendären "eagles club" fand sie schon Einlass. 300 Skilehrer insgesamt arbeiten im Saanenland und natürlich gibt es auch hier ganz normale Skikurse von Anfänger bis Tiefschnee.

Keine Bausünde - nirgends!

Gstaad selber wurde nicht für die Touristen gebaut, darum findet man im ganzen Tal keinen Beton. Die ersten Besucher kamen mit der Eisenbahn am Anfang des vorigen Jahrhunderts, weil in der Region viele Internate für die Kinder der reichen Dynastien gegründet wurden. Und wie so oft in den Alpen waren es die Engländer, die der Tearoom-Kultur zum Siegeszug verhalf.

Heute ist Gstaad über Einschränkungen erhaben. Man findet Reiche neben dem Mittelstand und Luxus Hotels neben gemütlichen Almen und Gasthöfen. Die Schweizer Gastgeber achten streng darauf, dass ein Miteinander der verschiedenen Schichten gelebt wird. Die Prominenten sind da, aber kein Gastwirt, kein Hotelier würde es wagen, die Yellow-Press zu informieren. Der gelassene Umgang überträgt sich auf die Gäste. Wer beim Anblick eines Stars rote Flecken bekommt und mit gezücktem Block zum Autogramm drängelt, ist in Gstaad nicht richtig. Die Schweizer vermitteln ein enormes "Wir-Gefühl" und da verbitten sich solche Peinlichkeiten.

Schweizer Selbstverständlichkeiten

Dieser Sinn fürs soziale Miteinander unterscheidet die Schweiz von anderen mitteleuropäischen Hightech-Staaten. Jeder findet seinen Platz und wird als ein Teil des Gesamtkosmos "Helvetien" betrachtet. Der Alpenbauer, der je nach Hochlage mehr oder weniger Kühe auf mehr oder weniger Land besitzt. In Deutschland bildet er einen aussterbenden Berufsstand, über den der kultivierte Stadtmensch die Nase rümpft und ihm Stallgeruch attestiert. Der Schweizer Steuerzahler hingegen sieht ihn als "Pfleger der Natur" und diese Natur ist der Urgrund aller Tourismusaktivitäten. Zu ihm schickt die Hoteliersfrau aus Gstaad die Topmanager während eines Seminars und lässt sie Ziegen melken. So lernen sie fühlend, dass die Welt nicht nur aus Zahlen besteht.

Die Kuh der Nummer Eins

Das Verbundensein bildet für das gut funktionierende Tourismusland das Basislager. Dieses Ineinandergreifen der Kulturen macht die Schweiz heutzutage, während überall die großen Zusammenhänge verloren gehen, zu einem Urlaubsland mit echter "back to Basics"-Erdung. 7000 Kühe weiden im Saanenland und liefern die unvergleichliche Milch, die den Grundstoff für den Saanen-Hobelkäse liefert. Die Käsespezialität der Region! Eine der braunen Simmentaler Kühe heißt Juliette und gehört dem Nummer-Eins-Tennisspieler Roger Federer, der sie für den Gewinn des Allianz Suisse Open 2003 von den schlauen Saanentalern geschenkt bekam. Sie weidet ihre Kräuter auf dem Vorder-Eggli und, so sagt man, bekommt ab und zu Besuch.

Goldene Jugend auf der Alm

Der Käse, das Gold der Region, enthält so genannte Omega-3-Fettsäuren. Diese senken den Cholesterinspiegel und mindern so das Herzinfarktrisiko. So findet der Käse auch seinen Einzug in die Gesundheitskuren. Im Saanenland kommt er als Hobelkäse daher und wird gleich oben auf den Almen hergestellt. Dominique Matti, Bruder des Alpin-Fahrers Bernhard Matti, ist einer der begnadeten Käsehersteller, der den Beruf vom Großvater gelernt hat.

Er und seine Freundin Vanessa, ein attraktives Paar, das mit Hund und Handy oberhalb von Gstaad auf der Wispile im Sommerdomizil ihrem Beruf nachgeht, bieten echte tradierte Handwerkskunst. Zwei Berner Alpkäse von zehn Kilo pro Tag sind die Ausbeute, die im Keller zwischen gelagert und dann nach unten in die Molkerei Gstaad gebracht werden, wo sie Inhaber Hanspeter Reust zu Ende reifen lässt und sich fachkundig um die Vermarktung kümmert. Bei aller alpenländischen Idylle ist es eine rauchige und anstrengende Tätigkeit, bis der Käse bei 53 Grad Milchtemperatur aus dem Kupferkessel geboren und geborgen werden kann.

Abdruck von ganz oben

Dominique Matti weiß, dass der liebe Gott das Saanenland mit der Hand gemacht hat. Wie die Fünf Finger einer Hand umlagern die Täler die kleine Ebene von Gstaad und Saanen. Umgeben sind sie von mittleren Bergketten, an denen auch die zahlreichen Skilifte die Schneefreunde nach oben bringen. Die großen Dreitausender winken dauerbeschneit aus der Ferne. Diese geografische Besonderheit gibt dem Saanenland etwas Unverwechselbares. Trotz aller Berghöhen erlebt man eine Offenheit, die, so ist man sich einig, sich auch in den Mentalitäten der Einwohner wieder findet.

Doch auch die Zugereisten schätzen das Saanenland für seine Fülle sportlicher Möglichkeiten. So bieten sich die Saane und die Simme an, beides Gebirgsbäche, die von Gletscherwasser zu idealen Rafting Flüssen verwirbelt werden: Das Wasser ist kalt, aber nicht tief. Die "swiss adventure company" im nahe gelegenen Boltingen bietet alle Outdoorevents, die im Hochgebirge möglich sind. Beim Rafting und Canyoning bis zum Flying-Fox-Trail steigt der Adrenalinspiegel. Beim Floßbauen und Bootsfahren geht es ruhiger zu. Die Truppe der adventure company, die in einem an der Straße gelegenen Gasthof ihr Domizil fanden, verkörpert Abenteuerlust pur. Australier, Schotten. Amerikaner, Franzosen und natürlich Schweizer leiten die Touren und Events mit Witz und Einfühlungsvermögen.

Liebe zur Qualität

Überhaupt präsentiert sich das Saanenland von einer aktiven Seite. Auf jeder der bewirtschafteten Almen, die sowohl erstiegen wie auch mit der Gondel zu erreichen sind, gibt es abenteuerliche Kinderspielplätze. Einige haben, wie z. B. auf dem Wispile, wo man außerdem im Heulager, im Indianertipi oder im Hüttenzimmer übernachten kann, einen kleinen Zoo, wo die Kinder Lamas und störrische Esel zu Bett bringen können.

Ein "360 Grad rundum"-Blick über das Tal und ein ausgezeichnetes Abendmahl runden den Hüttenabend ab, der dann beginnt, wenn die letzte Gondelfahrt die übrigen Touristen zurück ins Tal gebracht und der Berg einem fast alleine gehört. Inhaber Roland Beer, der selber kocht, legt viel Wert auf Produkte aus der Region. Das Brot am Morgen ist noch warm vom Backen, der Honig selbst geschleudert und Milch und Käse kommen von eigenen Bergalmen. Ein Genuss, der fast vergessen macht, dass hier oben jedes Lebensmittel dreimal angefasst wurde, bevor es verstaut werden konnte, denn selbstverständlich kommen die Produkte mit der Gondel in die Hütte.

Bergstation Rellerli, auf der anderen Seite des Tales gelegen und von Fleur Kessels und Christian Oberson bewirtschaftet, hat gleich mehrere Abenteuerangebote rund um die Hütte installiert. Bungy-Trampolin, Abfahrt-Karts mit großen Gummireifen und eine Sommerrodelbahn sind auch für ältere Kids spannend.

Zeit für die Familie

Christiane Matti, Inhaberin des direkt am Eggli- Skilift gelegenen Traditionshotels "Arc-en Ciel" hat für die kinderfreundlichen Ausstattungen eine Erklärung. Auch ihr Hotel, seit 1960 im Familienbesitz, setzt auf individualreisende Familien mit Kindern. So besitzt das Hotel nicht nur ein großes Spielzimmer sondern auch eine kleine Bahn mit Elektroautos, die von der großen Terrasse aus gut zu überblicken ist. Die Eltern, die in Gstaad Urlaub machen, so weiß Frau Matti, arbeiten zu Hause oft viel und lange. In den Ferien will man sich ganz der Familie widmen und das geht halt besser, wenn die Kinder ihre Abenteuerlust befriedigen können. Schön, dass Kinder bis neun Jahre gratis mit allen Bergbahnen fahren können und in vielen Hotels im Zimmer der eltern kostenlos übernachten können.

Bezahlbares Promi-Tal

Aber kann man sich Gstaad leisten, wenn der Paps kein Promi-Prinz ist? Durchaus, denn in Wirklichkeit stellen die Lamborghinis und Bentleys nicht den ganzen Parkplatz voll. In Gstaad selbst gibt es natürlich nichts geschenkt. Für das Eis an der Fußgängerzone bekommt man in günstigeren Ländern ein Mittagsmenü. Aber kann man dort beobachten, wie ein entnervter Scheich den Kinderwagen schiebt, während seine verschleierte Schönheit wie ein aufgeregter Vogel von Boutique zu Boutique flattert? Über dem verhüllten Arm die Edel-Tüten sündhaftester Dessous.

Preislich kann das Urlaubsvergnügen in beliebige Höhen enteilen. Ein wirklicher Billig-Urlaub ist ein Ding der Unmöglichkeit, wie meist in der Schweiz existiert das untere Segment einfach nicht. Wer sich von der Lage in einem Seitental angezogen fühlt, sollte das Hotel Bären in Gsteig versuchen. 250 Jahre wird der Gasthof am Fuße der beiden Pässe Col de Pillon und Sanetsch. Modernste Wellness-Ausstattung gibt es nicht, dafür ein historisches Gebäude, die freundlichen Gastleute Blanca und Marcel Burri-Bättig. Und wunderbare, ländliche Schweizer Küche. Schicke Gäste aus Gstaad treffen in der Gaststube mit Bergseigern und Bauern zusammen. Weil 2006 ein Jubel-Jahr im Bären ist, gibt es Übernachtung, Bergsteigerfrühstück und Menü am Abend für sympathische 70 Franken. Das sind 45 Euro. Wer sagt es denn.

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