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Savognin: It's cube, man!

Alpen-Atmosphäre und Lounge-Charakter zum Wohlfühlen und das zu Preisen, bei denen auch der Geldbeutel "relaxed" bleibt. Im schweizerischen Savognin tut sich was.

Von Gernot Kramper

Savognin in Graubünden steht im Schatten der Aufmerksamkeit von St. Moritz und Davos. Luxuskarossen wie der Cayenne Turbo schrauben sich die Strasse weiter hoch zum Julier-Pass. Schieben sich zwischen Hauswänden der kleinen Ortschaften des Kurses Tinizong, Mulegns und Bivio und dem Fluss Julia vorbei. Rauf auf den Pass, dann ins Reich von Pelz und Bussis.

Nachts strahlt unterhalb der Hauptstrasse in Savognin ein leuchtender Kubus. Ein selbstbewusstes Zeichen, dass in die Zukunft weist. Während sich woanders die alte Knochen am wilden Glanz der sechziger Jahre erwärmen, ist direkt neben der Tigignas-Sesselbahn ein Hotel wie ein Raumschiff gelandet. Nicht das erste seiner Art, in Kärnten steht bereits ein noch größerer Doppel-Würfel, aber im beschaulichen Julier-Tal, wo ein Auto noch auf Ziegenherden warten muss, ist es eine Erscheinung aus einer anderen Galaxis. Doch der einheimische Bergler ist aufgeschlossen, bringt das Design-Hotel nicht nur wilde Lichteffekte ins Tal, sondern auch ein ganz anderes Publikum.

No more Alp-Romantic

Das erste Cube der Schweiz spielt souverän mit der Kunst, industrielle Fertigelemente ins edle Licht eines Design-Hotels zu rücken. Die Dominanz quadratischer Formen und warme Lichteffekte machen es zu einer Vision von Jugendherberge mit dem Schein des Post-Techno-Designs. Und das ist gut so, denn nur dadurch wird das Hotel erschwinglich. Beim Bau ging die Alpenseligkeit über Bord: Keine Karovorhänge und keine Holzschnörkeleien, kein Alpengegedudel und kein Volkstanz. Auch bleibt der Gast hier von Wellness-Esoterik mit Räucherstäbchen und Buddha-Weisheiten von Bademeistern verschont. Die Zimmer im Cube heißen "Boxen" und erinnern an die Mannschaftsquartiere auf Sternenkreuzern. Vendelin Cory, Tourismusdirektor von Savognin ist davon begeistert. "Für uns ist das ein ganz neuer Ansatz für die Ferien. Das ist in die Zukunft gerichtet, das Cube spricht die urbane Welt an. Wir sind sonst eine Familien Destination. Mit diesem Konzept gehen wir auf eine viel jüngere Zielgruppe zu." Idee und Philosophie der futuristischen Würfel mit direkten Pistenanschluß stammen von Rudolf Tucek der Vienna Hotels und Resorts aus Wien. Mit seiner Investorengruppe investierte er auch in Savognin. Weitere Cubes werden noch in den Alpen landen, immer in Zusammenarbeit mit den örtlichen Bergbahnen.

Rampen und Showroom

Sofort beeindruckt die Strenge der Innengestaltung. Anstatt der üblichen Treppen steigt eine Rampe quadratisch zu den Etagen hinauf. Bar und Rezeption sind 24-Stunden geöffnet. Im Erdgeschoß und auf den Zimmergeschossen warten großzügige "Chill-out-Lounges" - dafür fallen die Boxen relativ eng aus. Zumindest, wenn man zu viert im Vier-Mann-Zimmer logiert, macht man Urlaub im Kumpel-Nest. Mehr private Größe bieten die Suiten. Doch in der Vierer-Box zu viert kann ab 59 Franken pro Person mit Frühstück übernachtet werden. Spezial-Tarife sind noch erheblich billiger. Inklusive ist dabei die Benutzung unzähliger Angebote. Vom Wellnessbereich, dem Fitnessraum, (Schnupper-) Kursen im Hallenklettern, bis zum freien Zugang zur Diskothek. Sie erreicht ein Niveau, bei dem man normalerweise mit einem happigen Eintritt rechnen müsste. Für den Standort Schweiz bietet das Cube also Kampfpreise. Selbst Essen und Getränke sind überraschend günstig. Ein Drei-Gänge-Menü kostet im SB-Bereich etwa 25 Franken, ein Bier kommt selbst im Club auf 4,50 Franken. Hinzu kommt allerdings zwingend das - vergünstigte - Bergbahnticket, das jeder Cube-Gast egal ob Winter oder Sommer für jede Übernachtung abnehmen muss. Wer das Ticket gar nicht oder nicht jeden Tag benötigt, weil er Langläufer ist, ihm zuviel Sport ungesund erscheint oder er im Sommer auch auf die Berge hinauf laufen will, zahlt trotz der günstigen Hotel-Preise drauf. Für den Sportler gibt es dafür praktische Großzügigkeit. Am Abreisetag kann jeder Gast ohne weitere Kosten einen Gepäckraum und spezielle Lift-Duschen benutzen. Also einen weiteren Tag auf der Piste gewinnen. Dafür gibt es Selbstbedienungs-Waschmaschinen, statt eines teuren Wäsche-Service.

Laufsteg der Boarder

Mit Luxus-Herbergen und ihren Status-Spielchen hat der Post-Industrial-Kubus nichts am Hut. Hier gelten andere Gesetze. Vor jeder Box befindet sich hinter halbtransparenten Wänden ein eigener Storage-Room für das High-Tech-Equipment. "Zeig du mir dein Board, dann zeig ich dir meins." Boards und Stiefel werden fett in der Showzone drapiert, die restliche Garderobe kommt in eine schnöde Kiste. Armani sollte man zu Hause lassen, hier trägt man Billabong. Puta Madre kommt gut, Jackett weniger.

Wie jugendlich das Publikum drauf sein kann, verrät die Hausordnung. Strikt ist dort der Betrieb von Gaskochern und Spiritusbrennern auf den Zimmern untersagt. Das Raufschleppen von Bierkästen wird nicht gern gesehen und die Fenster lassen sich nicht richtig öffnen. Zu groß die Gefahr, dass nachts ein Snowboarder unfreiwillig die Fassade hinab grindet. "Das sind Relikte aus dem ersten Cube in Kärnten", lacht Claudia Schneider, die General Managerin des Hotels. "Als ich da angefangen habe, dachte ich zuerst: Das gibt es doch gar nicht. Da wurde auf den Zimmern lecker getoastet und non-stop Party gemacht." Eine kleine Umstellung für die Berlinerin, die zuvor in klassischen Fünf-Sterne-Hotels gearbeitet hat. Hier braucht die Handy-Generation kein Telefon auf dem Zimmer, dafür gibt es einen Flachbildschirm mit breiter Kanalauswahl. Vom Preis- Leistungsverhältnis her ist das Cube eine wirkliche Empfehlung, die Altersgruppe macht den Urlaub bis Anfang 40 attraktiv. Mit Mitte Fünfzig sollte sich der Gast doch überlegen, was er im Jugendtempel verrichten will. Denn schon der Aufenthalt im Nachtclub ist obligatorisch. Erst mit der nötigen Bettschwere wummern einen die Bässe in den Schlaf. Schön beschienen vom bunten Licht der 1800-Watt-Strahler, die das Hotel illuminieren. Trotz heruntergelassener Jalousien flimmert stets eine Beleuchtung durch den Raum, als hätte man MTV angelassen.

Sport und Fun

Die zweite Säule neben der coolen Atmosphäre ist das Sportangebot, die Sesselbahn liegt fünfzig Meter neben dem Hotel. Wer will, braucht seine "Home Base" den ganzen Urlaub nicht zu verlassen. Direkt neben dem Cube wartet nämlich die nächste Wunderwaffe im Kampf um das neue Publikum: New Technologies Center (NTC) nennt sich der Verleih der neuen Generation. Hier gib es alles, was den Berg im Sommer oder Winter unsicher machen kann. Skifox, Snowcycle und Schlitten, mit martialischen Namen wie "CaptainAvalanche". Geschäftsführer Markus Comploj weiß, dass das kein Zufall ist. " Überall wo ein Cube-Hotel ist, kommt auch ein NTC hin. Das gehört vomKonzept her zusammen, wir sind für die Unterhaltung im Hotel zuständig. Die Hotelgäste bekommen bei uns auch spezielle Preise." NTC ist kein Händler, wo doch immer der Verkauf ein Hintergedanke ist, sondern reiner Dienstleister. "Wir wollen den Einstieg in den Wintersport leichter machen. Nicht einmal fünf Prozent der Europäer fahren Ski", erklärt Markus Comploj. "Wir wollen auch die anderen 95 Prozent in die Berge bringen. Und zwar ohne große Umwege. Einen Skifox kannst nach einer Viertelstunde beherrschen, fürs Skifahren brauchst du minimal fünf Tage." Die ganze Pracht kann man an der Mittelstation im Fun-Park nach Herzenslust ausprobieren. Auf die normale Piste dürfen nur Geräte, die ein Mindestmaß an Steuerungsfähigkeit beweisen. "Wir haben einen "Blue Day", ein Package mit Bahnkarte, ein Getränk gibt es dazu und jeder kann alles ausprobieren, was wir im Verleih haben. Ski, Board, Airboard, einfach alles, was er will ." Ein Blue Day kostet 92,5 Franken, das ist günstiger als ein Liftticket und der Verleih von Ski und Schuhen. Aber normale Ski und Boards gibt es zum Glück auch noch. Das Skigebiet an den Hängen von Piz Cartas und Piz Martegnas bietet sehr viel Schnee auf sehr breiten Pisten. Gern erzählt der Chef der Bahngesellschaft, Leo Jeker wie die schönste Piste, die vom Piz Cartas nach Radons, ihren Namen bekam. Als die Piste fertig war, wurde die erste Frau, die bergab fuhr, nach dem Namen gefragt. "Heidi", war die Antwort.

Top oder bankrott

Leo Jeker sieht aus, wie man sich den Bündner Bergler vorstellt. Kräftige graue Haare, markante und menschenfreundliche Züge. Seine Fingernägel sindschartig abgeschliffen. Direktoren-Hände, die noch zupacken. Beim Thema Wintersport war Savognin immer ganz vorn mit dabei. Gelacht habe man, als er1978 die damals größte und modernste Schneeanlage Europas gebaut hat. "Kunstschnee, so ein Quatsch das brauchen wir nicht", musste man sich nichtnur Unterländern anhören, sondern auch aus anderen Skigebieten. Manche meinten gar, der Frevel sei dem Herrn nicht recht. Bedächtig schaut Jeker von seinem Kaffee hoch, sagt leise. "Wenn wir es nicht gemacht hätten, dann wären wir jetzt im Armenhaus." Unbeschwerter Wintersport ist ein knochenhartes Geschäft, wer nicht vorne dabei ist, ist schneller "weg vom Fenster", als ihm lieb sein kann. Das Cube ist Jeker eine Herzensangelegenheit. "Wir müssen die Berge attraktiv machen für die Jugendlichen. Wir können nicht hinter dem Sommer-Spaß am Strand zurückstehen, da können und müssen wir mitziehen." Ein Hotel wie das Cube verteilt eben nicht die vorhandenen Stammgäste nur auf neue Betten um, es erschließt ganz neue Gruppen. Und es sollen noch mehr kommen, Unterhalb der Heidi-Piste liegen jetzt nur ein paar Hütten. Dort soll ein Luxus-Ressort entstehen, mit eigener ganzjährig geöffneter Autozufahrt - allerdings nur für übernachtende Ressort-Gäste - und Anbindung ans Skigebiet. Dann hätte man es "Destinationen" wie Davos und St. Moritz einmal gezeigt.

Bodenständig planen

Jeker greift, nachdem der Raumkreuzer "Cube" angedockt hat, nach den fernen Sternen des Top-Tourismus, steht aber mit beiden Beinen fest auf der Alm. "Bei uns haben die Landwirte immer den Tourismus unterstützt, die Hälfte des Gebietes gehört auch der Alp-Kooperative." Schwierigkeiten gäbe es da nie, denn ohne Tourismus wäre das Tal bankrott. Auch für die normalen Gäste wird viel getan, das fängt nicht zuletzt beim Geld an. "Man kann kein Familienort sein, wenn man nicht auch Familienpreise anbietet." Auf ein besonderes Bonbon stößt man erst im Kleingedruckten. In Savognin gelten besondere Altersgrenzen. Bis 6 Jahren fahren Kinder frei, bis zu 16 Jahren zum Kindertarif bis 20 Jahren, gelten sie als Jugendliche. Hinzu kommen Vergünstigungen für Familien, darunter auch für Alleinerziehende.

Keine Angst vor der Zukunft

Praktisch denkt man auch beim Thema "Klimaerwärmung". Angst haben, giltnicht. "Das ist eine Herausforderung", sagt Jeker. Für das Skigebiet heißt sie, "wir müssen höher hinauf. Und schon jetzt müssen wir die kalten Nordhänge für die nächste Generation sichern." Wird es überall wärmer, könnten die Bergeregionen attraktiver werden, dann nämlich, wenn es vielen zu heiß wird in der Badewanne Mittelmeer

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