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Antarktis: Das Weiß-Blaue Wunder

Die Eispanzer der Arktis und Antarktis sind die Klimaanlage unseres Planeten. Doch diese faszinierenden und menschenfeindlichen Paradiese werden als Erste von der steigenden Erderwärmung bedroht. Das Schicksal der Welt entscheidet sich an ihren Polen.

Von Sabine Franz

Die blau leuchtenden Wände der riesigen Eisberge, das dumpfe Knarzen des Packeises, Eiskristalle, die wie Frostblumen blühen, und Nächte, die nur von Mond, Sternen und dem Polarlicht erleuchtet werden. "Wer einmal in diese Welt eingetaucht ist, den lässt sie nicht mehr los," schwärmt Arved Fuchs. Den 54-jährigen Polarforscher zieht es seit 30 Jahren immer wieder an beide Pole - in die Arktis im Norden und die Antarktis im Süden der Weltkugel.

Arved Fuchs kennt auch die Gefahren: Unwirtlich zeigt sich die Welt an beiden Polen. Menschenfeindlich. Wird die Haut ungeschützt Temperaturen extremer Minusgrade ausgesetzt, stirbt sie nach wenigen Sekunden ab. Wind fegt mit bis zu 300 Stundenkilometern übers Eis. Endlose Polarnächte haben so manchem Besucher schon den Verstand geraubt. Nicht umsonst starteten manche Expeditionen im 19. Jahrhundert mit Zwangsjacken im Gepäck.

In der Arktis schmilzt das Eis

Diese raue, wilde Welt droht zu verschwinden. Der Klimawandel lässt Gletscher und Polareis in der Arktis schmelzen und den Meeresspiegel steigen. Seit Ende der 70er hat sich die arktische Fläche um ein Fünftel verringert. Nur noch drei Millionen Quadratkilometer waren es laut Esa (Europäische Weltraumorganisation) im vergangenen Jahr. Und das große Schmelzen geht weiter.

2040, so Prognosen, könnte die Arktis im Sommer eisfrei sein. Die Nordwestpassage, der eigentlich ganzjährig zugefrorene Seeweg zwischen Europa und Asien, war es erstmals in diesem Jahr. Auch Arved Fuchs, soeben zurückgekehrt von einer Spitzbergen-Expedition, berichtet von einer Eisfläche viermal so groß wie Deutschland, die es seit diesem Sommer nicht mehr gibt.

Welche Folgen das für die Erde haben wird, darüber sind sich Wissenschaftler noch nicht einig. Im Internationalen Polarjahr 2007/08 haben sie jedenfalls ihre Forschung an beiden Polen intensiviert. Doch während das Eis schmilzt, wird der politische Streit um die Region immer heftiger.

Streit um die Rohstoffe in der Arktis

Fünf Anrainerstaaten, die USA, Kanada, Dänemark, Russland und Norwegen, beanspruchen Teile des Nordpolarmeers für sich - wegen wirtschaftlich vielversprechender Schiffsrouten, der Fischfanggründe und der Bodenschätze Erdöl und Erdgas. Die Russen waren die Ersten, die Mondlandung spielten und im Sommer dieses Jahres in über 4000 Meter Tiefe ihre Flagge in den Meeresboden rammten. Die Ersten am Pol waren sie nicht.

Vor fast hundert Jahren hatte der Amerikaner Robert Peary zu Fuß die 765 Kilometer der Eiswüste durchquert und am 6. April 1909 den Nordpol erreicht. Heute findet man den Weg dorthin nicht mehr mit dem Kompass, sondern mit GPS-Empfänger. Denn der magnetische Pol wandert pro Jahr rund 40 Kilometer Richtung Sibirien. 2050 wird er in Russland ankommen.

Auch das Leben für Mensch und Tier in der Arktis hat sich verändert. Zwar wird es im Winter noch immer bis zu minus 40 Grad kalt, und im Sommer verwandelt sich das Festland bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in eine Polarwüste, in der nur Flechten, Moose und kleine Blumen gedeihen. Doch seit einigen Jahren wachsen an Grönlands Südküste zaghaft Kartoffeln und Gemüse, wie zuletzt vor 500 Jahren. Zweimal im Jahr wird Heu geerntet. Aber für die Eisbären wird die Robbenjagd schwerer, da das Packeis wegschmilzt. Manches dieser größten Landraubtiere der Erde ertrinkt, weil es selbst nach bis zu hundert Kilometern Schwimmen keine rettende Eisscholle findet.

Die Antarktis kühlt ab

Ganz anders das Bild auf der anderen Seite der Weltkugel: Je wärmer es im Norden wird, desto mehr kühlt der Süden, die Antarktis, ab. Das liegt an der sogenannten Klimaschaukel, die beide Pole verbindet. Minus 60 Grad Celsius misst das Thermometer im Winter, der Rekord liegt bei 89 Grad unter null. Im Sommer wird es kaum wärmer als frostige 35 Minusgrade. Selbst dann bleibt dieser Kontinent, vierzig Mal so groß wie Deutschland, fast vollständig von Eis bedeckt. Im Landesinneren lebt kein Tier, das Insektengröße übertrifft. An den Küsten aber tummeln sich Pinguine, Robben und Vögel. Landraubtiere brauchen sie nicht zu fürchten, Eisbären gibt es hier keine.

Unter dem gewaltigen Packeis verbirgt sich eine faszinierende Unterwasserwelt: Fische, Spinnen, Asseln, Schwämme - alles in Übergröße und durch den verlangsamten Stoffwechsel teils im Methusalem-Alter. Rekordfund: ein 10.000 Jahre alter Schwamm. 17.000 Arten werden auf dem Meeresgrund der Antarktis vermutet, die Nordsee bringt es gerade mal auf 1000.

Noch ist das Gleichgewicht hier intakt. Bei ihrer Fotosynthese binden Meeresalgen jährlich zehnmal so viel CO2, wie wir Menschen beim Verheizen von Öl, Gas und Kohle freisetzen. Während in der Arktis zirka vier Millionen Menschen, vor allem Ureinwohner, leben, sind es in der Antarktis nur rund 4000 Menschen, die sich im Sommer auf Forschungsstationen aufhalten. Per Antarktisvertrag, den 46 Staaten unterschrieben haben, darf in dieser Region nur geforscht werden. Wer den Wissenschaftlern in einer Forschungsstation über die Schulter schauen möchte, kann das bequem im Internet auf YouTube machen. Immer beliebter werden auch Kreuzfahrten in die Region.

20.000 Antarktis-Touristen fallen pro Jahr ins ewige Eis ein, allen voran Amerikaner, gefolgt von Deutschen. Im Winter verlassen die meisten Forscher die Eiswüste. Wer hier in den 24-stündigen Polarnächten lebt, droht am Polar-T3-Syndrom zu erkranken. Ein Mangel am Hormon Thyroxin kann Bewusstseinsstörungen und Depressionen auslösen. Ansonsten wird das zwischenmenschliche Zusammensein erleichtert: Weil Kälte das Bakterienwachstum hemmt, entstehen keine Körpergerüche wie Schweiß. Trotzdem war Kuscheln lange verpönt.

Noch in den 60er Jahren forderte man, die Antarktis solle ein "frauenfreier, friedlicher Kontinent" für Männer bleiben. Inzwischen ist die Emanzipation auch an dieses Ende der Welt vorgedrungen. Eine der ersten Frauen, die in der Antarktis überwinterte, war allerdings eine Nonne.

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