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Kritik an Produktion: Boeings Krise geht weiter - Mitarbeiter enthüllen Sicherheitsmängel beim Dreamliner

Hat Boeing auch Probleme bei der Produktion des Langstreckenjets 787? Eine Zeitung berichtet von gravierenden Qualitätsmängeln im Werk Charleston. Eine Airline verzichtet bereits auf die Abnahme dort gefertigter "Dreamliner".

14 Maschinen verlassen jeden Monat die Werkshallen: Die Produktion der Boeing 787,  auch "Dreamliner" genannt, erfolgt in den USA an zwei Standorten. 

14 Maschinen verlassen jeden Monat die Werkshallen: Die Produktion der Boeing 787,  auch "Dreamliner" genannt, erfolgt in den USA an zwei Standorten. 

Seit fast zehn Jahren ist sie flügge: die Boeing 787. Das auch "Dreamliner "genannte Flugzeug war die erste komplette Neuentwicklung eines Langstreckenflugzeuges von Boeing seit 15 Jahren. Der zweistrahlige Jet gehört zu den Verkaufsschlagern und wird an zwei Standorten im Nordwesten und an der Ostküste der USA produziert: in Everett im Bundesstaat Washington und in Charleston in South Carolina.

Jetzt sickerten pikante Informationen über die mangelhafte Fertigungsqualität des erst 2011 eröffneten Boeing-Werkes in South Carolina an die Öffentlichkeit. Wie die "New York Times" schreibt, gibt es bei der Endmontage des Dreamliner massive Sicherheitsbedenken. Angeblich seien Metallspäne nicht ordentlich beseitigt, defekte Teile installiert und nicht mehr benötigte Werkzeuge von Arbeitern in den neuen Maschinen zurückgelassen worden.

Dabei beruft sich die "New York Times" in ihrer Sonntagsausgabe auf Hunderte Seiten von internen Unterlagen des Unternehmens, auf interne E-Mails sowie auf Gesprächen mit mehr als einem Dutzend Mitarbeitern. "Die Beschäftigten haben fast ein Dutzend Whistleblower-Anträge und Sicherheitsbeschwerden bei den Aufsichtsbehörden gemeldet" und den "Druck beschrieben, Verstöße nicht zu melden." Die Probleme mit den Metallspänen bestätigte sogar ein Sprecher der US-Luftfahrtbehörde FAA. Denn die scharfen Metallteile können die Isolationsschicht von Kabeln beschädigen.

"Auf dem höchsten Qualitätsniveau seiner Geschichte"

Die Sicherheitsbedenken müssen Fachkreisen schon länger bekannt sein. Die bei Abnahmen von neuen Flugzeugen als äußerst penibel verschriene Fluggesellschaft Qatar Airways akzeptiert seit 2014 keine mehr im Werk South Carolina produzierten Jets vom Typ Boeing 787. Die arabische Fluggesellschaft gehört mit ihren bereits 30 in Dienst gestellten Dreamlinern zu den besten Kunden dieses Flugzeugtyps.

Boeing weist die erhobenen Vorwürfe zurück. Der Artikel zeichne ein "verzerrtes und fehlerhaftes Bild", sagt Kevin McAllister, der Leiter von Boeings Verkehrsflugzeugsparte. "Das Unternehmen produziere im Werk in South Carolina auf dem höchsten Qualitätsniveau seiner Geschichte."

Zwischen den Zeilen liest sich dieser Satz wie ein Zugeständnis, dass es zuvor um das Fertigungsniveau in Charleston nicht gerade zum Besten gestellt war.

Das Dementi erinnert auch an die erste Reaktion von Boeing-Chef Dennis Muilenberg, kurz nach dem Absturz einer Boeing 737 MAX 8 von Ethiopian Airlines Anfang März. In seiner Erklärung hieß es damals, "ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen." Das zynische Statement ist inzwischen im Pressebereich des Flugzeugherstellers gelöscht worden.

Mehr als nur Kinderkrankheiten: Boeing 787

Die Hiobs-Botschaften aus dem Werk in South Carolina kommen für Boeing zur Unzeit. Denn nach den Abstürzen zweier fast fabrikneuer Boeing 737 MAX 8 innerhalb weniger Monate, wurde dieser Maschentyp mit einem weltweiten Startverbot belegt. Ein Software-Update soll Besserung schaffen. Die drei Monate umfassende Testphase für die Wiederzulassung der 737 MAX soll am 29. April beginnen. Das bedeutet: Vor August werden die 737 MAX kaum wieder regulär fliegen dürfen.

Im Juni 2011 auf dem Flughafen Berlin-Tegel: Erster Deutschland-Besuch einer Boeing 787

Im Juni 2011 auf dem Flughafen Berlin-Tegel: Erster Deutschland-Besuch einer Boeing 787


Von einem generellen Flugverbot war auch der Dreamliner betroffen. Der Start des neu konzipierten Flugzeuges verlief alles andere als reibungslos. Immer wieder mussten der Erstflug und auch die Auslieferung an die Fluggesellschaften verschoben werden. Später häuften sich im Liniendienst die Zwischenfälle: Anfang Januar 2013 führten mehrere Batteriebrände sogar zu einem kompletten Flugverbot. Für Boeing und die Betreiber wurde der Dreamliner zum Albtraum. Erst nach einem Vierteljahr Zwangspause durften die Maschinen wieder abheben.

Für Boeing ist die 787 ein ökonomisch wichtiges und stark nachgefragtes Flugzeug. Mehr als 1400 Exemplare sind bestellt, mehr als 800 Maschinen bereits ausgeliefert. Die Produktionsrate konnte der Flugzeughersteller in den beiden Werken enorm hochfahren – von zwölf auf 14 Stück pro Monat seit Anfang 2019. Doch anscheinend auf Kosten der Qualität. Gleichzeit hat Boeing nach eigenen Angaben etwa hundert Stellen in der Qualitätskontrolle in North Charleston gestrichen.

Quelle: "New York Times"

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