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Unglücks-Jet: Boeing 737 Max: Maschinen am Boden, Konzern in der Krise

Ein Ende des Startverbots für die Boeing 737 Max rückt in immer weitere Ferne – die Folgen für den Flugzeugbauer sind dramatisch. 

Vom Flugverbot ist der US-Billigflieger Southwest besonders betroffen: 31 der bestellten 280 Boeing 737 Max sind bereits an die Airline ausgeliefert und müssen auf Flughäfen in Kalifornien geparkt werden.

Vom Flugverbot ist der US-Billigflieger Southwest besonders betroffen: 31 der bestellten 280 Boeing 737 Max sind bereits an die Airline ausgeliefert und müssen auf Flughäfen in Kalifornien geparkt werden.

AFP

Am Anfang standen zwei Flugzeugabstürze, Tod und Trauer, das jähe Ende von 346 Menschenleben beim Absturz von Lion- Air-Flug 610 im vergangenen Jahr und Ethiopian- Airlines-Flug 302 im März dieses Jahres. "Diese verlorenen Leben werden in den kommenden Jahren weiterhin schwer auf unseren Herzen und unserer Psyche lasten", lässt sich Boeing-Chef Dennis Muilenburg in einem Statement des Konzerns zitieren. Man konzentriere sich nun darauf, das Vertrauen der Passagiere zurückzugewinnen. Der Flugzeugbauer kündigte einen Fonds von 100 Millionen Dollar für die Hinterbliebenen an. Von "wohltätigen Spenden" ist die Rede.

Am Kern des Problems schlängelt sich Muilenburg, der noch im Juni auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget die Öffentlichkeit peinlich gemieden hat, aber vorbei: Den Namen seines Unglücksfliegers – "Boeing 737 Max" – erwähnt er mit keinem Wort. Dabei hat der Jet inzwischen das Potenzial, den altehrwürdigen Konzern in die tiefste Krise seiner Geschichte, wenn nicht in die Insolvenz zu treiben. Sollte es nicht gelingen, in absehbarer Zeit das globale Flugverbot für den Typ rückgängig zu machen, drohen gigantische Kosten.

Geparkte Jets für zwölf Milliarden Dollar

Längst steigt die Zahl der im Boeing-Werk Renton bei Seattle auf Halde stehenden Jets. Bisher hat das Werk über 40 Maschinen im Monat produziert, obwohl seit Mitte März keine mehr ausgeliefert werden konnte. Allein 100 neu produzierte Maschinen seien zur Zeit geparkt, meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Die ersten verstopfen bereits Rollwege, und auch auf einigen Mitarbeiterparkplätzen stehen 737 Max der TUI, bereits mit deutschen Registriercodes am Leitwerk. Einen Wert von zwölf Milliarden Dollar sollen die geparkten Flugzeuge laut Bloomberg haben. Doch der ist theoretisch: Flugzeuge, die nicht fliegen, sind für niemanden etwas wert.

Und dass die Boeing 737 Max schnell wieder abheben darf, ist alles andere als sicher: Die Flugsteuerungssoftware MCAS, die für die beiden Abstürze verantwortlich gemacht wird, ist immer noch nicht repariert. Gerade erst musste der Konzern zugeben, dass ein weiterer Fehler, den die US-Flugaufsichtsbehörde FAA bei Tests gefunden hat, nicht als "schwerwiegend", sondern tatsächlich als "katastrophal" einzustufen sei. Ein wichtiger Flugrechner wird durch die schon geänderte Software jetzt offenbar in bestimmten Situationen überlastet. Dann leitet er Steuerbefehle wohl nur noch widerwillig und mit einigen Sekunden Verzögerung an die Steuerflächen weiter. Zu spät, um auf Probleme zu reagieren.

Weniger Aufträge, neue Klagen

Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat dem Flugzeughersteller eine Liste mit fünf Problemfeldern zukommen Fluglassen. Neben den bereits bekannten Schwierigkeiten könnte es zu einer Fehlfunktion des Autopiloten kommen. In Notfallsituationen – zum Beispiel bei einer instabilen Fluglage – ließe sich der Autopilot nicht rasch genug abschalten. Dadurch entgehen der Cockpit- Crew wichtige Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden könnten.

Bei einem Hearing in Washington D.C. im Mai: Michael Stumo und Nadia Milleron verloren ihre Tochter Samya beim Absturz der Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines.

Bei einem Hearing in Washington D.C. im Mai: Michael Stumo und Nadia Milleron verloren ihre Tochter Samya beim Absturz der Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines.

AFP

Wann das weltweite Flugverbot für den Problemflieger aufgehoben wird, ist völlig offen. Betroffene europäische Fluggesellschaften wie Sun Express, Norwegian und Tuifly mussten für die Sommersaison Ersatzmaschinen organisieren. Boeing hält sich bedeckt, ob es mehr als nur ein Software- Update für die ausgelieferten und geparkten Jets geben wird. "Wichtig wird der FAA-Testflug im September, nach dessen Durchführung weitere Infos zum Zeitplan durch die Behörden erfolgen sollen", sagte ein Sprecher von Tuifly dem stern.

Bitter auch für Boeing: Inzwischen haben die ersten Airlines ihre Bestellungen der Boeing 737 Max rückgängig gemacht. So stornierte der Billigflieger Flyadeal aus Saudi-Arabien, der vergangenes Jahr eine Absichtserklärung über 50 Maschinen unterschrieben hatte, seinen Großauftrag. Als Ersatz werden 50 Exemplare des A320neo vom europäischen Konkurrenten Airbus zum Einsatz kommen.

Neben dem Umsatz- und Vertrauensverlust wird Boeing auch mit Schadenersatzklagen von den Opferfamilien konfrontiert. Eine Klage kommt von den Anwälten Michael Stumo und Nadia Milleron. Ihre Tochter Samya starb beim Absturz des Ethiopian-Airlines-Fluges 302 am 10. März. Die 24-jährige Amerikanerin arbeitete für ThinkWell, eine private Gesundheitsorganisation mit Sitz in Washington DC, und war auf dem Weg nach Nairobi.

Sie ist auch die Großnichte von Ralph Nader, dem bekannten US-Verbraucheranwalt und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten. In einem offenen Brief an Boeing kritisiert er das Management, das sich über anfängliche Warnungen der eigenen Ingenieure hinweggesetzt habe. Sein Fazit: "Die Boeing 737 Max darf nie wieder fliegen – sie hat einen aerodynamischen Konstruktionsfehler."

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