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Unglücksflieger 737 Max: Acht Euro pro Stunde: Boeing ließ Absturz-Software von Billiglöhnern programmieren

Weiterer Vertrauensverlust für Boeing: Der US-Flugzeugbauer soll Teile seiner Softwareentwicklung ins Billiglohnland Indien ausgelagert haben. Doch nicht nur die Boeing 737 Max bereitet Probleme, auch die 787- und 777X-Produktionen sind betroffen.

Boeing 737 Max

Vom Flugverbot betroffen: Die bei Seattle produzierten Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max stehen auf Parkplätzen und dürfen nicht ausgeliefert werden.

Getty Images

Noch immer gilt ein Startverbot für Boeings wichtigstes Flugzeug: die Boeing 737 Max. Nach den Abstürzen zweier Maschinen dieses Typs in Indonesien und Äthiopien mit 346 Toten steht insbesondere die neue Steuerungssoftware MCAS im Mittelpunkt der Ermittlungen.

Jetzt sorgt ein Bericht der Nachrichtenagentur "Bloomberg" um das Outsourcing der Softwareentwicklung des Flugzeugbauers aus Seattle für Aufregung: Schon vor Jahren hat das börsennotierte Unternehmen durch ein radikales Kostensenkungsprogramm auf hauseigene Programmierer verzichtet und die Entwicklung ins Ausland verlagert.

Bei Subunternehmen in Indien verdienen Hochschulabsolventen umgerechnet nur 8 Euro pro Stunde. Aufträge für die Software des Unglücksfliegers 737 Max gingen an die indische Entwicklerfirma HCL Technologies, wie aus Lebensläufen von Mitarbeitern hervorgeht.

"Das war umstritten, denn es wäre effizienter gewesen, wenn Boeing-Ingenieure den Code geschrieben hätten“, zitiert Bloomberg den ehemaligen Boeing-Angestellten Mark Rabin. Dadurch seien zahlreiche Korrekturschleifen erforderlich gewesen.

Neue Probleme mit überarbeiteter Software

Boeing wehrt sich gegen die neuen Vorwürfe. Man habe jahrzehntelange Erfahrung mit Partnerfirmen in aller Welt. "Unser wichtigstes Anliegen ist, immer sicherzustellen, dass unsere Produkte und Dienstleistungen sicher, von höchster Qualität und mit allen relevanten Vorschriften in Einklang sind." Das hört sich wie das Statement von Boeing-Chef Dennis Muilenberg nach dem zweiten 737-Max-Absturz im März 2019 an, als er die Devise ausgab, "ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen."

In Seattle konzentriert man sich im Moment auf eine Überarbeitung der Software für die Max-Modelle, die bereits im Simulator getestet wurde. Doch die US-Luftfahrtbehörde FAA hat in der vergangenen Woche ein mögliches neues Risiko in der Flugsteuerung der 737 Max festgestellt.

Boeing erklärte, dass die FAA beim Wiederzulassungsprozess des Unglücksfliegers nun zusätzliche Anforderungen stellt. Ein konkreter Zeitplan wurde nicht genannt. Das Prüfungsverfahren und die Software-Aktualisierung dürften sich aber noch bis Jahresende hinziehen.

Manipulierte Protokolle bei der Boeing 787

Nicht nur in Sachen Boeing 737 Max ermitteln FBI, Justiz- und Verkehrsministerium. Jetzt wurde bekannt, dass die US-Regierung auch Unstimmigkeiten am Boeing-Standort in South Carolina untersucht, wo die Boeing 787 produziert wird. Whistleblower hatten Behörden und Medien wie die "New York Times" und "Al Jazeera" über teils eklatante Schlampereien im Werk informiert.

Wie schlecht es um die Qualitätskontrolle dort steht, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 2015: Laut dem Sender "CBC" sei ein "Dreamliner" an Air Canada ausgeliefert worden, obwohl ein Treibstoffleck an einem der beiden Triebwerke noch nicht behoben war. Der Fluggesellschaft fiel das manipulierte Übergabeprotokoll erst zehn Monate später auf.

Auch die jüngste Neuentwicklung von Boeing, das Großraumflugzeug Boeing 777X, bereitet den Flugzeugbauern Probleme. Der Erstflug war eigentlich für das Frühjahr geplant. Doch eine Komponente im neuen riesigen Triebwerk GE9X zeigt vorzeitige Verschleißerscheinungen.

Vor Herbst 2019 wird der Prototyp nicht abheben und in die Flugerprobung gehen können. Eigentlich sollen Emirates, Qatar Airways und Lufthansa ihre ersten Exemplare 2020 erhalten.

Es gibt dieser Tage aber auch eine gute Nachricht aus Seattle: Auf einer Piste beim Werk Everett in Washington State unternahm die Boeing 777X erste Rollversuche. "Das ist das erste Mal, dass sich das Flugzeug aus eigener Kraft bewegt hat", kommentierte ein Testingenieur.

Quellen: "Bloomberg", "CBC" und "Seattle Times"

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