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Costa Rica: Bananen und Fußball im Kopf

Deutschland zittert vor einem Land, das sonst als Bananenrepublik gilt: Costa Rica ist der erste Gegner bei der Fußball-Weltmeisterschaft. stern.de-Autorin Gesine Unverzagt hat sich in dem Karibik-Staat vom Fußballfieber mitreißen lassen.

"Woher kommt ihr?" "Aus Deutschland", antworte ich. "Drei zu eins", rufen sie mir entgegen, natürlich für Costa Rica und halten die entsprechende Fingerzahl in die Luft. Jeder Tico, so nennen sich die Bewohner Costa Ricas, fiebert dem WM-Eröffnungsspiel am 9. Juni in München entgegen, wo Deutschland sich gegen die Mannschaft des kleinen Karibik-Staates behaupten muss. Alle, so scheint es, fühlen sich für das Spiel verantwortlich und verbringen jede freie Minute mit Fußball kicken, sowohl in den Dörfern, als auch an den Stränden. Sieben Wochen vor dem Eröffnungsspiel habe ich mich auf eine Entdeckungsreise in das Land unseres ersten Gegners aufgemacht.

Costa Rica wird die Schweiz Mittelamerikas genannt, aber übereinstimmend ist eigentlich nur die Größe der beiden Länder. Stolz ist man jedoch darauf, dass hier Frauen eher das Wahlrecht hatten als in dem mitteleuropäischen Land. Die Ticos leben vom Export von Kaffee, Bananen, Rinder, Zucker und vom Tourismus. Amerikaner kommen gern in dieses Land, das seit 1949 eine stabile Demokratie hat. Das Niveau der sozialstaatlichen Leistungen ist hoch, es gibt kein Militär und die Analphabetenrate ist die niedrigste aller amerikanischen Staaten!

Dschungelerfahrung mit Jesus Christus

Ebenso wie die Schweiz hat jedoch auch Costa Rica eine beeindruckende Naturlandschaft. Dichtes Grün wuchert am Wegesrand, uralte Bäume, Riesenfarne und Pflanzen wie enorme Rhabarberblätter säumen den Weg. Regenschirm der Armen nennen die Ticos diese Pflanze. Tiefliegende Nebelschwaden tauchen plötzlich auf. Eine Wanderung in den dicht bewachsenen Regenwald mit seinen zahlreichen Wasserfällen kann gefährlich werden, denn der Wanderer verliert sehr schnell die Orientierung. Ich will in die Wipfel des Regenwaldes und zwar mit einer Seilbahn, die 40-70 Meter über dem Boden geräuschlos dahinschwebt. Von der Gondel der "Arial Tram" aus habe ich einen eindrucksvollen Blick auf den dichten Wald. Der hier arbeitende Biologe Juan erklärt mir die Vielfalt der Pflanzenwelt, macht mich auf seltene Vögel aufmerksam und zeigt mir wunderschöne Schmetterlinge. Eine Eidechse wird Jesus Christus genannt, weil sie auf ihren Hinterbeinen auf Wasser laufen kann." Der Ökotourismus ist gut für Costa Rica, dadurch wird weniger abgeholzt", meint der engagierte Juan.

Das kleine Land Costa Rica ist arm an Kulturschätzen, jedoch reich an Naturschönheiten wie dem Regenwald, der Vogelwelt mit den 859 Vogelarten, den Vulkanen und den Stränden. "Pura vida" ist die Devise für ein unbeschwertes Leben in einer prächtigen Natur. In den 40.000 Hektar großen Nationalpark Tortuguero gelangt man nur per Boot oder Flugzeug. Ich wähle das Boot. Die Fahrt auf dem Rio Tortuguero durch das Wasser-, Land- und Sumpfgebiet ist traumhaft. Auch hier ist das Ufer dicht bewachsen, in den Gipfeln spielen Brüllaffen, ein Tucan fliegt vor uns davon. Weiße Reiher stelzen im Wasser umher, belauert von fast unsichtbaren Kaimanen. Zikaden bilden mit ihrem Gesang den musikalischen Beitrag. Die Patchira Lodge besteht aus einfachen Holzhäusern mit Veranda. Die an der Decke träge sich drehenden Ventilatoren versuchen vergeblich die feuchte Hitze zu vertreiben.

Der Vulkan Arenal poltert noch

Am Morgen werde ich von den Brüllaffen geweckt, die ihrem Namen alle Ehre machen. Während einer Morgentour hinein in den Dschungel sind die Tiere besonders gut zu beobachten. Kolibris saugen mit schnellem Flügelschlag den Nektar aus den Blüten. Fulvio, unser Begleiter, zeigt mir einen winzigen, knallroten Giftpfeilfrosch, dessen Gift sofort tödlich wirkt. Es ist das Gift, das die Indios für ihre Giftpfeile verwendeten. Das Tabacón Resort befindet sich unterhalb des Vulkans Arenal. Hier kann man bei 39 Grad im warmen Wasser liegen mit Blick auf den gigantischen Arenal. Der Kegel ist nicht zu besteigen, denn der Vulkan ist seit 1968 wieder aktiv, das Poltern des Vulkans ist sogar zu hören. Als es dunkel wird, stehen wir ehrfürchtig vor der Naturgewalt, denn nun ist die rotglühende Lava zu sehen, die den Vulkankegel hinabrollt. Wir haben großes Glück, denn meistens ist der Vulkan hinter Wolken versteckt.

Ich setzte meine Fahrt fort, vorbei am riesigen Arenalsee, wegen der starken Winde der Geheimtipp für Windsurfer. Dann entdecken ich ein Schild am Straßenrand, "German Bakery" ist darauf zu lesen. Das Café gehört Thomas und Ellen, die vor neun Jahren aus dem Schwäbischen mit Sack und Pack hier gelandet sind. Neben Schweinebraten, Weißwürsten und Leberkäse gibt es selbstgebackenes, deutsches Brot. Auf der Panamerikana, die Straße die den ganzen Kontinent von Alaska bis nach Feuerland durchquert, gehts kurz in Richtung Norden, danach westlich auf die Halbinsel Nicoya, um die endlosen Strände am Pazifik kennenzulernen. Eine der traditionsreichsten Badeorte ist Tamarindo, in einer großen Bucht mit weißem Sandstrand gelegen. Wer durch Costa Rica fährt, muss feststellen, dass die Farbe türkis besonders beliebt ist. Die unansehnlichen Ortschaften, im Schachbrettmuster angelegt, bekommen durch die Farbe wenigsten ein bißchen Flair.

Zum Abschluss meiner Reise fahre ich auf eine Farm, völlig abseits gelegen und nur über endlosem Schotterweg zu erreichen. Die Zimmer in dem Buena Vista Resort sind einfach, die Lage grandios. Die Farm wird fast nur von Indios betrieben, die als Sabeneros, Cowboys, sich um das Vieh kümmern oder mit den Gästen Reiterausflüge unternehmen. Wer mutig ist sollte Copy probieren, wobei man aufgehängt an einer Rolle, die auf einem leicht abschüssigen Seil läuft, wie Tarzan von Baum zu Baum schwebt. Gebremst wird mit einem verstärkten Lederhandschuh direkt am Seil, an dem man hängt. Auch hier ist eine Wanderung durch den Regenwald ein Erlebnis, aber ebenfalls nur in Begleitung eines Guides. Unser Guide ist ein Indio und spricht nur wenig Englisch. Während einer Verschnaufpause unter einem 400-jährigen Feigenbaum nennt er seinen Namen: Lenin. Wer kann schon von sich behaupten eine Wanderung durch den Regenwald Costa Ricas mit Lenin gemacht zu haben!

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Gesine Unverzagt

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