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Golfreisen: Nah am Wasser gebaut

Welliger Sandboden, strammer Wind und gleich nebenan das Meer: Links-Plätze sind die raue Rückbesinnung auf die Anfänge des Golfs. Und Sehnsuchtsorte für die Spieler.

Von Alexandra Kraft

Kaninchen, überall Kaninchen. Erst hoppelt eins aus dem Busch. Dann ein zweites, drittes. Plötzlich sind es sieben, die gemeinsam tun, was Kaninchen am liebsten tun: fressen und schwarze Köttelchen abwerfen. Das dickste Kaninchen kratzt derweil ein Loch in den Rasen. Direkt neben der Fahne von Loch 18. "Süß", sagt Greenkeeper Ken Nice.

Er ist zuständig für Gras, Boden und Büsche auf den Golfplätzen des Bandon Dunes Golf Resort im amerikanischen Oregon. Mit beiden Händen in der Jeans schaut er hinüber. Und tut nichts. Jeder Greenkeeper auf einem normalen Golfplatz würde jetzt an Mord und Totschlag denken oder zumindest an Lebendfallen. Ken Nice sagt dagegen milde lächelnd: "Ich liebe Kaninchen." Und schiebt hinterher: "Manchmal kommen auch Rehe zum Fressen vorbei. Die mögen unser Gras."

Echt und Old-School

Bandon Dunes ist einfach anders. Kein mit Unmengen von Dünger und viel Wasser getrimmtes Golf-Wunderland. Sondern ein sogenannter Links-Kurs, ein Golfplatz, der auf dem sandigen Streifen zwischen Meer und Ackerland liegt. Zurück zum echten Spiel, so lautet das Motto des Links-Golfs. Das ist die Rückbesinnung auf die rauen und naturbelassenen Anfänge des Spiels. Herrlich Old-School. Und was Klopfer und Co. da produzieren, nannte man früher "Kaninchenrasen".

Denn Golf wurde lange vor dem Rasenmäher erfunden, Anfang des 15. Jahrhunderts in der Dünenlandschaft rund um das schottische Städtchen St. Andrews. Als Spielbahn diente der für Ackerbau und Viehzucht unbrauchbare Streifen Land, der das Meer mit den fruchtbaren Böden dahinter verband. Inklusive Sandkuhlen, Dünen und einer steifen Meeresbrise, die oft binnen Sekunden die Richtung ändert. Unberechenbar und unter Golfern ein Mythos. So gilt für viele heute noch das ursprüngliche Spiel auf Links-Kursen als das einzig wahre Golf. Und alles andere als zahmer Abklatsch.

Historische Plätze wie St. Andrews Old Course, Muirfield, Prestwick in Schottland oder Royal Birkdale in England und Ballybunion Old Club in Irland sind für Puristen Pilgerstätten. Wohl jeder ambitionierte Golfer auf der Suche nach spielerischen Herausforderungen träumt davon, einmal hier oder auf einem der modernen Links-Plätze wie im Bandon Dunes Golf Resort abzuschlagen. Links-Kurse werden immer beliebter, sind aber knapp. Nur 160 der etwa 32.000 Golfplätze weltweit befindet sich auf Links-Land. Und die Zahl wird kaum mehr steigen, denn der nötige Grund steht heute fast überall unter Naturschutz.

30 Meter über dem Meer

Das Bandon Dunes Resort ist eine der spektakulärsten Links-Anlagen der Welt. Es liegt an der westlichen Kante des amerikanischen Kontinents, im Niemandsland von Oregon. 30 Meter oberhalb des Meeres, an einer Steilküste, die vom Wind und den mannshohen Wellen des Pazifiks geformt wurde. Umgeben von Millionen Jahre alten Dünen.

Der Weg dorthin führt von Portland aus über einen fünfspurigen Highway, dann auf einen kleineren Freeway und schließlich auf einen schmalen Schotterweg. An dessen Ende: ein paar graue Gebäude mit Holzdächern, wie hingewürfelt zwischen alten Zedern. Hotel, Lodge, Apartments und Clubhäuser. Bandon-Dunes-Manager Hank Hickox sagt: "So wie früher in Schottland. Die perfekte Entschleunigung." Die Zimmer sind entsprechend knauserig eingerichtet. Ein Bett, ein Tisch und ein Sessel am Fenster, natürlich mit Blick auf das knapp fünf Quadratkilometer große Areal des Clubs. Die Luft schmeckt salzig, und außer dem Krachen der Wellen ist kaum ein Geräusch zu hören. "In Bandon kann man sich auf den Sport konzentrieren", sagt Hickox.

Experten streiten darüber, welche Anlagen sich offiziell "Links-Kurs" nennen dürfen. Die einen sagen, der Kurs müsse zwingend an einer Meeresküste liegen, das Routing traditionell "Out-In" sein. Also, die ersten neun Löcher entlang der Küste, die zweiten neun dann parallel im Land zurück. Alles Quatsch, meint die Opposition. Links-ähnliche Fläche gebe es auch im Landesinneren, etwa am Ufer von Seen, und es gehe in Wahrheit nur um die Art des Spiels.

"Der Platz ist Legende"

Jon Larson steht am ersten Abschlag des Pacific Dunes, eines der drei 18-Loch-Plätze des Resorts. Der Manager ist um zwei Uhr in der Nacht in Seattle losgefahren, damit er um neun Uhr als einer der Ersten auf dem Platz ist. Hinter ihm wartet ein Spieler, der für eine Runde extra aus Chicago eingeflogen ist. "Der Platz ist Legende in Amerika", sagt er. Der Wind lässt Larson schwanken, während er den Schwung übt. Sein Ball wird immer wieder vom Tee geblasen. "Das ist eben Links-Golf", sagt er lächelnd. Jeder Schlag ist ein Kampf gegen die Naturgewalt. "Wir hören erst auf, wenn die Fahnen aus den Löchern gepustet werden."

Golf ist in den USA Volkssport. Tiger Woods ein Megastar. 17.000 und damit über die Hälfte aller Golfplätze weltweit liegen in Nordamerika. Eine Hürde, wie die Platzreife, kennt man nicht. Jeder, der es sich zutraut, darf spielen. Viele fangen schon als Kind an. Die Greenfees sind meist erschwinglich. Elitärer Dünkel ist verpönt. So stehen auf dem Parkplatz von Bandon Dunes Porsche Boxster neben rostigen Toyota Corollas und Familienkutschen von GM. Der ehemalige Basketballstar Michael Jordan oder der frühere Tennisspieler Pete Sampras reihen sich alle paar Wochen, ohne großes Aufsehen, unter die wartenden Spieler an den Abschlägen. Der Dresscode ist amerikanisch cool: kurze Hose und Baseballkappe. Manchmal ist die allerdings von Gucci. Stürmt und regnet es, wird schon mal aus einem Müllsack eine Regenjacke.

Ein Links-Platz ist so gut wie nie unbespielbar. Bei Regen läuft das Wasser durch den porösen Sandboden gut ab. Der Untergrund wird weich und bremst die Bälle. Von Matsch keine Spur. Bei Dürre im Sommer sind die Fairways ausgetrocknet, hart und schnell, sodass der Ball auch bei guten Schlägen meterweit verrollen kann.

Der salzhaltige Sandboden ist mit kargem und braunem Gras bewachsen. Die Grenzen zwischen Green und Fairway sind kaum zu erkennen. Vom saftigen Grün eines normalen Platzes keine Spur. Nur selten wird gewässert. "Gerade so viel, dass das Gras den Sommer überlebt", sagt Greenkeeper Nice. Wie zu schottischen Urgolfzeiten haben die Architekten von Bandon Dunes und Pacific Dunes versucht, die Bahnen in die Natur zu integrieren. So wenig Sand wie möglich wurde bewegt, nur wenige Drainagen wurden verlegt. Damit möglichst wenig Schaden am empfindlichen Ökosystem angerichtet wird, beriet eine Biologin die Architekten.

So sieht heute alles beinahe aus wie früher. Es gibt kaum Bäume. Dafür stacheligen Ginster und zahllose Bodenwellen. Plus tiefe Sandbunker, in die man nur mit einer Leiter oder an einem Seil gelangt. Viele Bälle müssen blind gespielt werden, Erhebungen versperren den Blick. An einigen Stellen schlägt man in Richtung des Ozeans, und nur Zentimeter hinter dem Grün tut sich der Abgrund auf. "Ein guter Links-Spieler ist auch ein guter Bällesucher", sagt Grant Rogers, der sonnengegerbte Trainer von Bandon, grinsend.

Ganz anderes Herangehen

Nicht nur die Plätze sind anders, sondern auch die Art des Spiels. Der Cheftrainer sagt: "Um hier bestehen zu können, muss man kreativ sein." So etwas wie die ideale Linie gibt es nicht. Die wechselt mit der Witterung. Es gilt das Prinzip: Finde deinen Ball, hau drauf, so gut es geht, dann lauf weiter und schlag noch einmal. Möglichst schnell. Wer weiß, woher der Wind in der nächsten Minute weht.

Viele Golfer-Grundsätze sind außer Kraft gesetzt. Wo sonst schlägt man mit einem Putter einen Ball vom Fairway auf das Grün? Ein guter Schlag ist keine Garantie, schnell voranzukommen. Mutige Entscheidungen und gewagte Schläge sind gefragt. Zielgolf, den Ball im hohen Bogen und mit viel bremsendem Spin auf einen Punkt zu spielen, funktioniert nicht. Stattdessen sogenanntes Ground Game - der Ball wird flach am Boden entlang gespielt, damit ihn der Wind nicht erwischt. Der "Bump and run"-Schlag - schlagen und rollen lassen - ist überlebenswichtig.

"Es gibt tausend Wege, um ans Ziel zu kommen“, meint Trainer Rogers. „Dass ist so schön anders als diese Park-Golfplätze mit ihrer Laboratmosphäre." Versprungene Bälle sind normal. Ständig hört man Spieler "Oh, nein!" rufen. Wieder ein Ball danebengegangen. Wer sich über Landungen im hohen Gras des Roughs ärgert, sollte zu Hause bleiben. Und grandiose Runden finden schnell ihr jähes Ende im tiefen Sand eines Bunkers. Eine Runde im Bandon Resort ist körperliche Arbeit. Golfautos, mit denen man zum nächsten Abschlag fahren kann, gibt es nicht. Jede Runde ist ein anstrengender Fußmarsch - 18 Löcher schnellen Schritts, inklusive schwerer Schlägertasche. Das sind mindestens viereinhalb Stunden.

Caddies als Alleskönner

Einziges Zugeständnis an die Gäste: Im Resort arbeiten etwa 350 Caddies, die gegen Gebühr die Taschen schleppen. "Wir rekrutieren nur die Besten", sagt Ken Brooke, der die Caddie-Abteilung leitet. Dafür reist er zehn Monate im Jahr kreuz und quer durch Amerika. Lockt mit Stipendien, hohen Trinkgeldern und kostenlosem Mittagessen die Nachwuchskräfte in die Einsamkeit. Caddies sind nicht nur Lastesel, sondern wichtige Vertrauenspersonen, Trainer, Berater. Sie kennen die Plätze, wissen um jede Welle und Ecke. Geben Tipps, zeigen Kniffe, warnen vor Hindernissen. Außerdem ermutigen sie, wenn nötig. "Und sie halten im richtigen Moment die Klappe", sagt Brooke.

Schon vor der Eröffnung 1999 wurde Bandon Dunes vom Magazin "Golfweek", der amerikanischen Bibel für Golfer, als einer der 100 besten Plätze geführt. Ein Novum. Inzwischen sind unzählige Preise und Auszeichnungen dazugekommen. Manager Hickox zeigt lässig auf die Wand hinter seinem Schreibtisch, die über und über mit Medaillen und Urkunden dekoriert ist. "Das ist nur eine kleine Auswahl", sagt er. "Der ganze Keller hängt damit voll."

Teurer Spielplatz

Der gute Ruf zahlt sich aus. Pro Jahr reisen etwa 120.000 Spieler aus der ganzen Welt nach Oregon. Inzwischen ist sogar ein Buch erschienen: "Dream Golf - The Making of Bandon Dunes". Es erzählt die Geschichte des Grußkarten-Millionärs Mike Keiser aus Chicago, der von seinen Finanzberatern aufgefordert wurde, sein Geld auf neue Geschäftsfelder zu verteilen. Keiser, selbst Golfer, hatte eigene Pläne. Er träumte schon lange davon, für sich und seine Freunde einen Golfplatz zu bauen. Durch Zufall stieß er auf das brachliegende Stück Land in Oregon, kaufte es für 2,4 Millionen Dollar und ließ von dem schottischen Architekten David McLay Kidd einen Platz ganz nach seinen Vorstellungen errichten: Bandon Dunes. "Keiser war besessen von der Idee, einen Links-Kurs zu bekommen, so wie er ihn in St. Andrews gesehen hatte", erzählt Hickox. Die Fachleute erklärten den Geschäftsmann für verrückt. Ein Irrtum, wie man heute weiß.

Fünf Stunden nach dem Start kommt Jon Larson, der Manager aus Seattle, am 18. Loch von Pacific Dunes an. Er liegt zwei Schläge vor seinem Kumpel. Die Luft ist mit einem feinen Wassernebel erfüllt. Man kann kaum bis zur nächsten Kurve sehen. "Langsam tun die Füße weh und eine Cola könnte ich jetzt gut gebrauchen", sagt er. Am Abschlag schnauft Larson noch einmal durch, dann schlägt er ab. Sein Ball landet erst auf dem Fairway, rollt mit Schwung weiter - und saust dann ungebremst in einen zwei Meter tiefen Bunker. "Mist", meckert Larson. Sein Mitspieler ballt die Finger zur Faust und jubelt: "Ich liebe Links-Golf."

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