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Nahaufnahme eines Sehnsuchtsorts: Warum Kanada das bessere Amerika ist

Kanada hat gewählt. Justin Trudeau bleibt voraussichtlich Premierminister dieser Nation, die sich stolz als Einwanderungsland bezeichnet. Vielen gilt Kanada als das bessere Amerika. Warum funktioniert hier, was anderswo scheitert?


Der Emerald Lake

Der Emerald Lake im Westen Kanadas. Nur aus Zufall entdeckte ihn ein Bergführer im Jahr 1882. Er stieß auf ihn, als er ein paar ausgerissene Pferde wieder einfing

Hier im Nordwesten gibt es keinen Abstand zwischen dem Ozean und den Bäumen, sie wachsen schon da, wo die Tide endet. Dieser Regenwald ist ein unvergesslicher Anblick, seine Anmut lockt einen hinein, man macht 20 Schritte vom Weg und verliert sich in einem grünen ­Labyrinth. Sean Young steht am Ufer und blickt auf das Meer und die Inseln am Horizont.

Jemand rief: Das ist doch eine Fototapete

Das Licht mag viel mit der Magie Haida Gwaiis zu tun haben. Der Archipel im äußersten Westen Kanadas gehört zu den regenreichsten Orten Nordamerikas. Wenn aber die Sonne scheint, dann strahlt sie oft durch ein Prisma von Wasserpartikeln, deshalb sieht man so häufig Regenbögen hier, deshalb wirkt dieser Ort so weltentrückt und verzaubert. Mystisch.

Sean Young ist 46 Jahre alt und Archäologe, er dreht nun dem Meer den Rücken zu und erzählt: "So habe ich neulich gestanden, als ich eine Videokonferenz hatte mit dem Natural History Museum in New York. Die Leute in New York sagten, ich solle bitte zur Seite gehen, hinter ­meiner rechten Schulter hätten sie einen Wal im Meer entdeckt. Jemand rief: Das ist doch eine Fototapete." 

Nein, das ist Kanada.

Ein Sehnsuchtsland für Naturbegeisterte, Großstadtzermürbte, Zivilisationsmüde. Zwischen Victoria auf der Pazifikseite und Halifax am Atlantik sind schier unendliche Variationen von Landschaften zu entdecken, im Westen die Regenwälder und die gletscherbedeckten Berge der ­Rocky Mountains, im Zentrum die Weite der Prärie, im Osten liebliche Hügellandschaften und schroffe Steilküsten. Landschaften, die mal an Schweden, mal an Hawaii, mal an Texas erinnern.

Und spätestens seit 2016, seit die Amerikaner ihren sehr speziellen Präsidenten gewählt haben, seit sich in vielen Ländern der rechtspopulistische Irrsinn breitmacht, während die Kanadier ihre offene Gesellschaft verteidigen, gilt das Land fast schon als liberales Utopia. Am 21. Oktober wurde gewählt. Die Liberalen um Ministerpräsident Justin Trudeau triumphieren erneut, allerdings nur knapp. Die Wahlen in Kanada finden in diesen Zeiten Beachtung wie kaum zuvor. Die Welt braucht mehr Kanada, erklärten gestandene Weltenlenker wie Obama und gefühlte Weltenlenker wie Bono. Doch was heißt das? Und wie geht das? 

Ihre Heimat nennen sie 'Inseln für die Menschen'

Der Blick hinter die Fototapete beginnt beim Archäologen Sean Young, dessen Vorfahren schon da waren, bevor es Kanada überhaupt gab. Gid Yahk’ii lautet sein Name in der Sprache des indigenen Stammes der Haida, er gehört zum Clan der Raben. Es gibt auch den Clan der Adler. Die Inseln sind seit Jahrtausenden ihre Heimat, sie nennen sie Haida Gwaii, "Inseln für die Menschen". 

Totenpfähle

Totempfähle sind Teil ihrer Jahrtausende alten Kultur 

Sean Young ist der Gralshüter ihrer Kultur, er katalogisiert alle Relikte, die seine Vorfahren jemals gefunden haben. Er steht jetzt vor einem gewaltigen Totempfahl und erzählt von der Philosophie der Haida: "Alle Lebewesen sind gleich, und alles hängt mit allem zusammen. Wenn es den Walen, den Lachsen und den Adlern nicht gut geht, geht es auch dem Menschen nicht gut." Im Sommer versucht er, viel Zeit in den alten Siedlungen seiner Vorfahren zu verbringen, sie liegen auf menschenleeren Inseln, heute durch den Nationalpark Gwaii Haanas geschützt. Dann ist er ein "Watchman", ein Wächter seiner Kultur, von der noch heute einige kunstvoll geschnitzte Totempfähle dem Wetter trotzen. Sie sind aus roter Zeder und über hundert Jahre alt, kaum noch sonst auf der Welt sind solche Zeugnisse zu finden.

Ein einfaches Leben im Großformat

Young pflegt diese heiligen Orte, empfängt Touristen, die das Glück haben, es hierher geschafft zu haben, denn der Weg ist weit. Er führt ein Leben im Einklang mit der Natur, wie er sagt. Im Sommer ist dann wochenlang eine einfache Hütte sein Zuhause, nur ein Funkgerät ist sein Kontakt zur Außenwelt, er sammelt Beeren, jagt Rehe, fischt Lachse, beobachtet Weißkopfadler und geht den Schwarzbären aus dem Weg. Die meiste Zeit aber streift er durch den Regenwald, die milden Temperaturen der Pazifikküste erschaffen hier eine Umgebung, die Leben im Großformat möglich macht und Raum für die größten frei stehenden Lebewesen der Welt bietet. Fichten, Zedern und Kiefern sind Giganten ihrer Art. Die Haida behandeln sie voller Respekt: Sie entnehmen nur zwei Handbreit ihrer Rinde für ihre Flechthüte, ­damit die Bäume heilen können; sie entfernen die Rinde an Stellen, die man vom Weg aus nicht sehen kann, damit die Bäume ihre Würde behalten. 

Ein Bär macht Jagd auf Fisch

Mit Fisch fressen sich Bären im Herbst Fettreserven an

"In dieser lebensfreundlichen Umgebung hatten meine Vorfahren viel Freizeit, um Geschichten zu erzählen und Kunst zu erschaffen", sagt Young. Einige ihrer Rituale pflegen die Haida noch heute. Einer von Youngs Onkeln ist Häuptling eines Raben-Clans und hat für den nächsten Tag zum Potlatch-Fest geladen. "Er muss den ganzen Clan einladen, etwa 500 Leute. Für jeden muss er Geschenke bereitstellen und ein großes Festmahl veranstalten", erklärt Young. Das koste ihn umgerechnet 70.000 Euro. "Es ist nicht einfach, Häuptling zu sein." Aber so sei es bei den Haida: Ein Häuptling hat dafür Sorge zu tragen, dass es allen in seinem Clan gut geht. Und nicht nur seinem Clan. Wenn Mitglieder aus dem Adler-Clan kommen, werden sie auch nicht von der Festtafel abgewiesen.

In der Willkommenskultur der indigenen Völker Kanadas, in ihrer Fähigkeit, verschiedene Identitäten zu akzeptieren, sieht der kanadische Schriftsteller Charles Foran einen der prägenden Einflüsse auf die kanadische Gesellschaft von heute. So sei ein Miteinander erwachsen, eine besondere Toleranz und ein Zusammengehörigkeitsgefühl – stärker als in anderen westlichen Staaten. 

"Meine Sehnsucht nach Kanada ist groß"

Es muss etwas dran sein, jedenfalls sitzt die Kanadierin Jennifer McCartney an einem Spätsommermorgen in einem Café in Brooklyn und hat Heimweh. "Ich liebe New York, aber meine Sehnsucht nach Kanada ist groß", sagt sie. Was ihr fehlt? "Die Gemeinschaft. Wir Kanadier haben ein größeres Interesse am Gemeinwohl. Wir glauben daran, dass wir ununterbrochen daran arbeiten müssen, dass die Gesellschaft es allen ermöglicht, sich zu verbessern." Ihr Mann ist Amerikaner, er findet, dass es in der kanadischen Öffentlichkeit höflicher und respektvoller zugeht als in Amerika. Davon handeln auch die Kanada-Witze, die seit einiger Zeit zum festen Programm in den New Yorker Comedy Clubs gehören. Scherze wie: "Wie bringt man einen Kanadier dazu, sich zu entschuldigen? Man tritt ihm auf den Fuß." 

Autorin Jennifer McCartney

Die Kanadierin Jennifer McCartney lebt in den USA. Vermisst dort aber den typisch kanadischen Gemeinsinn

Das Kanada in diesen Witzen ist nicht mehr die Heimat naiver, überhöflicher Hinterwäldler, sondern ein Land, dessen Zivilisiertheit man bewundert. Dazu hat natürlich auch Trump beigetragen. Wenige Stunden nach seiner Wahl brach die Internetseite der kanadischen Immigrationsbehörde zusammen. Und schon als die Republikaner ihn zu ihrem Kandidaten nominierten, stieg die Häufigkeit der Suchanfrage "Wie kann ich nach Kanada umziehen?" um 350 Prozent. "Ich kann das verstehen. Kanada ist ein toller Platz zum Leben", sagt Jennifer McCartney. "Die Gesundheitsversorgung ist kostenlos, die Kriminalitätsrate niedrig und die Lebenserwartung hoch. Als wir 50000 syrische Flüchtlinge aufgenommen haben, organisierten wir für sie Kurse im Kanufahren. Und in all den Umfragen nach den lebenswertesten Städten auf der Welt liegen Montreal, Vancouver oder Toronto immer vorn. Kanada ist das bessere Amerika."

McCartney hat ein Buch geschrieben für Amerikaner, die das genauso sehen: "So you want to move to Canada, eh?" Ihre Lieblingsgeschichte darin handelt von der Erfindung der kanadischen Flagge. 1965 entschied die Regierung, die alte Fahne mit dem Union Jack des Mutterlandes Großbritannien einzumotten, im französisch-sprachigen Quebec war sie nämlich nicht gerade populär. 3541 Vorschläge wurden eingereicht, 2136 davon enthielten Ahornblätter und 389 einen Biber. Und weil der Biber auf den Entwürfen eher wie eine Ratte aussah, entschied man sich für ein Ahornblatt. Der damalige Premier erklärte euphorisch: "Unter dieser Flagge möge unsere Jugend neue Loyalität finden zu Kanada, für einen Patriotismus, der nichts mit bösartigem oder engstirnigem Nationalismus zu tun hat." McCartney sagt, sie sei immer ein wenig gerührt, wenn sie diese Geschichte von der Flagge lese, von dieser Mission, für eine neue, offene Gesellschaft ein neues Symbol zu finden.

McCartney will nach Kanada auswandern

Jennifer McCartneys Mann hat ihr Buch gelesen, sehr gründlich sogar. Er ist gerade dabei, Einwanderungspapiere auszufüllen. Sie wollen bald umziehen. Nach Hamilton, Ontario, Kanada. Eine Stadt im Osten des Landes, unweit der Niagarafälle, deren kanadische Seite übrigens schöner sei als die amerikanische, sagt McCartney.

Kanada ist wohl die letzte Nation, die sich stolz als Einwanderungsland bezeichnet. Auch wenn die Hürden für Neubürger hoch sind. Wer hierher immigrieren will, muss Qualifikationen vorweisen, die Voraussetzungen sind streng. So will das Land seinen Wohlstand absichern. Dass Zuwanderung ein Lieblingsthema der kanadischen Regierungen ist, liegt nicht an ihrem Altruismus. Es sind schlicht ökonomische Zwänge. Als in den Neunzigern die Zuwanderung abnahm, sank mit ihr auch das Wachstum. Wohlstand und Immigration sind eng verknüpft in diesem Land, das einen Kontinent ausfüllt und dabei noch nicht einmal halb so viele Einwohner hat wie die Bundesrepublik. 

Blick über Montreal

Montreal ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Bevölkerung hier ist besonders divers

In kanadischen Buchläden wird gerade ein Titel zum Bestseller, der propagiert, dass das Land einen Zuwachs von 63 Millionen Menschen brauche. Denn dann, mit 100 Millionen Einwohnern, so die These, stünde dieses riesige Land ökonomisch besser da und bekäme eine noch diversere, dynamischere Bevölkerung. Eine internationale Studie ergab, dass 68 Prozent der Kanadier der Meinung sind, Immigranten seien ein Gewinn für das Land. Natürlich suchten in den letzten Jahren nicht so viele Flüchtlinge in Kanada Zuflucht wie in Europa. Doch bemerkenswert bleibt: In keinem anderen Land, das die Studie untersuchte, sahen so viele Leute Zuwanderung positiv wie in Kanada.

Mehr als 300.000 Menschen siedelten sich im vergangenen Jahr in Kanada an, und es tobt hier trotzdem keine hitzige ­Integrationsdebatte wie in Europa. Stattdessen ist Toronto stolz darauf, die wohl diverseste Stadt der Welt zu sein. Die Hälfte der Einwohner wurde außerhalb des Landes geboren. Montreal, Kanadas zweitgrößte Stadt, liegt nicht weit dahinter.

Das bunte Universum von Montreal

Hier tritt Sherwin Tjia aus der Haustür und hinein in dieses bunte Universum, das er seine Heimatstadt nennt. Er geht den Boulevard St. Laurent hinunter, vorbei an jüdischen Imbissen, italienischen Pizzerien, arabischen Shawarma-Läden, griechischen Tavernen und nordafrikanischen Couscous-Restaurants. Mal steigt der Duft von frischen Croissants aus einer französischen Bäckerei in seine Nase, ein paar Schritte weite kribbelt eine Currywolke aus der Küche eines indischen Restaurants so heftig, dass er beinahe niesen muss. "Montreal hat mehr Restaurants pro Kopf als New York. Dauernd eröffnet ein neues, ein anderes macht dicht. Wir experimentieren hier viel, hier herrscht eine einzigartige Energie", sagt Sherwin Tjia.

Der Regenwald auf dem Archipel Haida Gwaii

Der Regenwald auf dem Archipel Haida Gwaii im ­äußersten Westen des Landes. Die Natur ist hier fast unberührt

Seine Eltern gehörten zur chinesischen Minderheit in Indonesien, sie suchten in den 60er Jahren Zuflucht in Kanada. Er erzählt, dass es schwer für sie war, hier anzukommen. Selbst diese Gesellschaft ist nicht frei von Rassismus, denn auch hier müssen sich Zuwanderer häufig genug mit schlecht bezahlten Jobs begnügen. Doch er selbst, sagt Tjia, sei dem kanadischen Staat dankbar dafür, dass der sich im Kinder­garten und in der Schule so sehr um Integration und um Chancengleichheit für alle Kinder bemühte. So wurde auch in ihm das typisch kanadische Urvertrauen in eine friedfertige Gesellschaft, in Ordnung und in prinzipiell gutes Handeln des Staates gepflanzt. 

Buchstabiere bitte "Flibbertigibbet"

Sherwin Tjia ist 45 Jahre alt, er zeichnet Comics und tobt sich in Montreals Kulturszene aus. Er tritt nun in eine Seitenstraße am Parc de Portugal. "Hier ist das Haus, in dem Leonard Cohen gewohnt hat, er hat im Untergeschoss eine Freundin von mir kostenlos wohnen lassen, sie ist Buddhistin, und er hat den Buddhismus ja immer unterstützt." Tjia hat auf seinem Weg viele Geschichten zu erzählen davon, wie aus Verschiedenheit Gemeinsamkeit entsteht. Und irre Späße. Er veranstaltet regelmäßig einen "Strip Spelling Bee Contest", einen Buchstabierwettbewerb mit Ausziehen. Tjia lässt dabei Kandidaten auf der Bühne Wortungetüme wie "Flibbertigibbet" (Plaudertasche) buchstabieren oder "Bouillabaisse" (die Fischsuppe). Wer falsch buchstabiert, muss ein Drittel seiner Kleidung fallen lassen, am Ende sitzen fast alle Kandidaten halb nackt da. Tjia macht es ihnen ja auch nicht leicht, und zwei Gewinner, der beste Stripper und der beste Buchstabierer, bekommen eine Flasche Rotwein und eine CD mit Katzengeschnurre in die Hand gedrückt. "So etwas entsteht nun einmal in Montreal", sagt er. 

Endlich hat Tjia den Laden seines Freundes Billy Mavreas erreicht. Comiczeichnungen hängen an den Wänden, Mavreas verkauft hier ausgewählte Werke von lokalen Künstlern, viele französischsprachige Comics, die von der Regionalregierung finanziell gefördert werden, und allerlei sorgsam kuratierten Krimskrams, wie er es nennt. 

Das Kongresszentrum in Montreal

Das Kongresszentrum in Montreal wurde in den Achtzigern eröffne

"Bonjour! Hi!", begrüßt er seine Kunden, die Standardbegrüßung in dieser zweisprachigen Stadt. In Montreal, und nur hier, treffen die Ursprünge von Kanadas zwei Kolonialgesellschaften so direkt aufeinander, die der Franzosen und die der Angelsachsen, hier reiben sie sich und verschmelzen. Deshalb sei die Verschiedenheit hier so normal, sagt Billy. Auf den Straßen hört man inzwischen nicht nur Französisch und Englisch, sondern auch Arabisch, Japanisch, Kantonchinesisch, Punjabi und Mandarin. So weit ist es auf dem Land um die Großstädte noch nicht, auch nicht mit der Toleranz. Die Regionalregierung in Quebec verbot Angestellten im öffentlichen Dienst vor Kurzem das Tragen von religiösen Symbolen bei der Arbeit, in Wirklichkeit richtet sich das Verbot vor allem gegen das Tragen von Kopftüchern.

Kanada - der erste postnationale Staat

Die Regierung Trudeau hingegen erkennt die Realitäten an. Der Premierminister erklärte in einem Interview mit der "New York Times", dass Kanada der erste postnationale Staat werden könnte. Er sagte: "Es gibt keinen Identitätskern, keine Mehrheitsgesellschaft in Kanada." Das klingt ungeheuerlich für Europäer, die noch immer krampfhaft nach einer Leitkultur in ihren Gesellschaften suchen. Für die Mehrheit der Kanadier war an dieser Bemerkung hingegen nichts Besonderes. Eine der größten Schriftstellerinnen des Landes, Mavis Gallant, definierte einmal einen Kanadier als "jemanden, der eine logische Begründung dafür hat, dass er glaubt, einer zu sein". Ein Nationalcharakter lässt sich daraus nur schwer ableiten.

Und doch sehen nun viele Kanadier den Sonderweg ihres Landes das erste Mal gefährdet, ausgerechnet jetzt, im Umfeld der Wahlen, wachsen ihre Sorgen. Sie sehen Anzeichen dafür, dass sich Intoleranz breitmacht: das Kopftuchverbot in Quebec, die Gründung der rechtspopulistischen Partei People's Party of Canada im vergan­genen Jahr, ein Anstieg von rechtsradikal motivierten Straftaten.

Sie blicken in die USA und nach Europa und fragen sich, ob der populistische Wahn auch sie erwischen könnte. Ob Kanadas Glaube an Toleranz, breiten Konsens und Pluralismus es immunisiert gegen den globalen Trend einer Politik, die polarisiert und Uneinigkeit stiftet. Und Premierminister Justin Trudeau trägt gerade nicht viel dazu bei, ihnen die Ängste zu nehmen.

O’Hara-Byrne ging mit Justin Trudeau zur Uni

"Ich kenne Justin gut, sagt Ben O’Hara-Byrne. Er sitzt bei einem Bier in einer Kneipe am Hafen von Victoria auf Vancouver Island, ganz im Westen des Landes. Am Nachbartisch beschreiben deutsche Touristen jeden Wal, den sie auf einer Bootstour gesehen haben, und sie haben ziemlich viele gesehen. Wenige Hundert Meter entfernt startet ein Wasserflugzeug zum malerischen Küstenort Tofino, in dem Trudeau gern seine Urlaube verbringt. Ben O’Hara-Byrne nippt an seinem Bier. Dann sagt er: "Besser: Ich glaubte, Justin Trudeau gut zu kennen." 

Ben O’Hara-Byrne

Ben O’Hara-Byrne ist Fernsehmoderator und ein alter Studienfreund von Premierminister Justin Trudeau

O’Hara-Byrne ist in den Neunzigern zusammen mit ihm in Montreal zur Uni gegangen, seitdem haben sie sich nie aus den Augen verloren, Trudeau ging in die Politik, O’Hara-Byrne beobachtete ihn als Parlamentsreporter. Auch heute noch plaudern die beiden, wenn sie sich begegnen, der eine nun Premierminister, der andere Fernsehmoderator. "Er ist immer noch derselbe liebenswerte Typ, den ich kenne, aber seit er an der Macht ist, versucht er, eine Rolle zu finden, in die er nicht immer hineinpasst. Im Ausland mag das nicht auffallen, hier in Kanada schon." Als Trudeau vor ein paar Wochen in Victoria einen Wahlkampfstopp machte, interviewte O’Hara-Byrne viele Leute, und nicht wenige waren enttäuscht von ihrem Premierminister. "Sie sagten mir, er sei nicht die Person, die sie erhofft hatten."

"Warum stellen Frauen 50 Prozent Ihres Kabinetts?"

Dabei war die Ära Trudeau vor vier Jahren so hoffnungsvoll gestartet, allein das erste Foto seines Kabinetts, die Hälfte der Mitglieder Frauen, eine Ikone des emanzipatorischen Fortschritts. Ein Reporter fragte damals: "Warum stellen Frauen 50 Prozent Ihres Kabinetts?" Trudeau antwortete nur: "Weil wir 2015 haben." Er versprach Sozial- und Wohnungsprogramme, und als die ersten syrischen Flüchtlinge kamen, begrüßte er sie persönlich. Ein kanadischer Kinderchor sang ein arabisches Volkslied. In der Umweltpolitik schwang er sich mit ehrgeizigen Zielen zum globalen Vorreiter auf: Null-Emission im Jahr 2050, zwei Milliarden gepflanzte Bäume in einer Dekade. 

Justin Trudeau hat sich unmissverständlich zu Donald Trumps rassistischen Twitter-Attacken geäußert.

"Mit der Zeit sind zwei Dinge einfach zu groß geworden: seine Erwartungen an das Amt. Und die Erwartungen der Leute an ihn. Aber er ist kein zweiter Obama. Dazu fehlt es ihm an intellektueller Weitsicht", sagt O’Hara-Byrne. Während Trudeau noch immer eine gute Figur auf internationaler Bühne macht und in den USA seit seinem Amtsantritt jeden Winter ein neuer Fotokalender "Justin Trudeau – My Canadian Boyfriend" verkauft wird, verstört er in Kanada seit Monaten selbst seine Anhänger.

Trudeau gilt plötzlich als scheinheilig

Zuletzt vor zwei Wochen, als das "Time Magazine" ein Foto veröffentlichte, das Trudeau mit brauner Schminke im Gesicht zeigt. So war er 2001 zu einem Kostümball erschienen. Trudeau entschuldigte sich umgehend, erklärte, sein Verhalten sei rassistisch gewesen. Ben O’Hara-Byrne beteuert, er habe seinen Studienfreund nie so kostümiert gesehen, er sagt, dieses Foto erschüttere ihn. "Er wirkt nun scheinheilig. Wenn es darum ging, anderen Intoleranz vorzuhalten, war er immer schnell zur Stelle." Jetzt gelte er als jemand, der in seinen Reden hehre Ziele verkünde, aber selbst nicht danach handle.

O’Hara-Byrne spricht das aus, was viele seiner Landsleute gerade beschäftigt: Während der Premier wortreich die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien anprangert, liefert Kanada dorthin Panzer. Trudeau argumentiert mit alten Verträgen. Und während er Greta Thunberg trifft und sich als Klimaschützer stilisiert, treibt er den Bau einer Pipeline von den Ölsandfeldern der Provinz Alberta zu den Raffinerien an der Küste voran. Natürlich geht es dem Premier um Arbeitsplätze. Dazu belastet Trudeau auch noch ein Skandal: Sein Büro soll versucht haben, auf das Justizministerium einzuwirken, als es gegen eine Firma aus Trudeaus Wahlkreis ermittelte. Eine Ethikkommission untersucht sein Verhalten. 

"Wir sind kein Wunderland"

"Justin macht grundsätzlich eine gute Politik und hat deshalb in den Umfragen lange weit vorn gelegen, nach den Skandalen sieht es jetzt aber nach einem engen Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem konservativen Konkurrenten aus", sagt O’Hara. Er sollte recht behalten. "Kanadische Politik ändert sich nicht grundlegend. Rechtspopulisten haben keine Chance. Wir sind ein langweiliges Land, aber das ist ja gut heutzutage. Selbst wenn die Konservativen die Wahlen gewinnen, wird sich nicht viel ändern. Sie sind keine Spinner wie die Republikaner in den USA." 

Kanufahrer in den Rocky Mountains

Kanufahrer in den Rocky Mountains

Muss man sich also keine Sorgen machen um das liberale Wunderland?

"Wir sind kein Wunderland. Während sich die Welt in den letzten Jahren um uns herum änderte, haben wir Kanadier einfach so weitergemacht wie immer", sagt O’Hara in der Kneipe in Victoria.

Gut 800 Kilometer und eine gefühlte Welt entfernt packt Sean Young aus dem Clan der Raben an einem Nachmittag seine Sachen zusammen und fährt zu seinem Vater; der hat Lachse gefangen. Sie räuchern die Fische eine Stunde lang in der Räucherhütte, hängen sie für einen Tag nach draußen und lassen sie von Sonne und salzigem Wind trocknen, so wie es ihre Großväter und Urgroßväter schon getan haben. Ihre Ahnen, die ihnen nicht nur dieses Wissen weitergegeben haben, sondern auch diese Weisheit für alle Menschen in diesem riesigen Land Kanada: Alle Lebewesen sind gleich, und alles hängt mit allem zusammen.
 

Diese Geschichte stammt aus dem stern, Ausgabe 42/2019. Anlässlich der Parlamentswahlen in Kanada stellen wir sie auch unseren Online-Lesern zur Verfügung.

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