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Kanada: Öko-Resort statt Skizirkus

Während in Whistler der Schnee in den vergangenen Wochen zusammengekratzt werden muss, damit die Sportelite die präparierten Berge hinunter brettern kann, türmt sich am anderen Ende des Landes im Charlevoix der Schnee. Cirque-du-Soleil-Mitbegründer Daniel Gauthier verwandelt das Skigebiet derzeit in ein Öko-Resort.

Von Nora Große Harmann

Auf dem Skiberg "Le Massif" ist einiges los. Steile Pisten, Pulverschnee, dazu der atemberaubende Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom: Die Québecer, die hier ihren Winterurlaub verbringen, wissen, dass das Skigebiet nahe dem frankokanadischen Künstlerort Baie-Saint-Paul einmalig ist. Im Sommer dagegen verirrt sich kaum jemand auf den 800 Meter hohen Berg, dessen steile Hänge direkt in den gewaltigen Fluss zu fallen scheinen.

Doch Daniel Gauthier wünscht sich für alle Jahreszeiten Hochbetrieb. Der Mitbegründer der kanadischen Zirkusgruppe Cirque du Soleil kaufte 2002 das fast bankrotte Skigebiet. Jetzt beginnen die Bauarbeiten für ein 150 Millionen Euro schweres Mega-Projekt: "Territoire Le Massif".

Bauen bis zur Baumgrenze

Bis 2014 will Gauthier die Gegend zwischen Le Massif und Baie-Saint-Paul in ein Vier-Jahreszeiten-Resort verwandeln - ein Urlaubsgebiet mit neuen Hotels, Spas, sanierten Skipisten und Outdoor-Aktivitäten. Dabei setzt der Unternehmer auf ökologischen Tourismus: "Die Hotels betreiben wir mit Solar- und geothermischer Energie", erklärt er. "Außerdem haben wir mit den Architekten vereinbart, dass keines der neuen Gebäude höher sein darf als die umstehenden Bäume."

Vor Gauthiers klimatisiertem Büro in Québec City dröhnen indes die Autos. Der Geschäftsmann sitzt an seinem Schreibtisch. Eifrig breitet er einen Bauplan vor sich aus. "Hier sollen bald ein paar Blockhütten stehen", sagt er und zeigt auf die Gegend in der Nähe des Berges. "Dort, wo das Vier-Sterne-Hotel in Baie-Saint-Paul gebaut wird, ist im Moment nur Acker und grüne Wiese." Inzwischen arbeitet Gauthier nicht mehr für den Cirque du Soleil, der in den achtziger Jahren als Straßenkünstlergruppe in Baie-Saint-Paul begann. Gauthier hat sich ganz seinem neuen Projekt verschrieben.

Anreise ohne Auto

Die Fläche, auf dem die Ferienanlage entstehen soll, umfasst circa 120 Quadratkilometer und liegt in der Charlevoix-Region zwischen dem Nest Petit-Rivière-Saint-Francois und Baie-Saint-Paul. Schon im 18. Jahrhundert galt das Charlevoix im Osten der frankokanadischen Provinz Québec als beliebte Urlaubsregion für wohlhabende englische Einwanderer, die ihre Sommer in der sonst so schwer erschließbaren Region verbrachten. Dank spektakulärer Küstenlandschaften, Karibuherden und der Wale im Sankt-Lorenz ist der Großteil der Region seit 1988 Unesco Biosphärenreservat.

Vor diesem Hintergrund, so Gauthier, plane er ein Urlaubsgebiet, das so "grün wie möglich" sei. Auch an die Reduzierung von CO₂-Ausstoß hat der Unternehmer gedacht - Flusstaxis und eine neue Touristenbahn soll die Reisenden von Québec City ins Resort kutschieren. "Wir wollen die Leute dazu bringen, ihr Auto zu Hause zu lassen", so Gauthier.

Ein Resort ohne Mauern und Zäune

Aber wie passt ein Resort in eine Gegend, deren Markenzeichen schlummernde Dörfer, alte Bauernhöfe und weiche Hügelketten sind, garniert mit einem tiefblauen, wilden Fluss und der von Städtern so geschätzten Stille? Daniel Gauthier will seine Ferienanlage in die bestehenden Strukturen integrieren. Der Unternehmer gestikuliert jedes Mal heftig, wenn das Wort "Resort" fällt und nennt sein Projekt ein "Anti-Resort". Für ihn bedeutet das: ein Resort ohne Mauern oder Zäune, ohne privatisierten Badestrand und giftgrünen Kunstrasen. Der Geschäftsmann bestreitet, dass sein Vorhaben zum Magneten für den Massentourismus würde. Gebaut würden lediglich 600 neue Zimmer, davon das Vier-Sterne-Hotel mit 150 Zimmern in Baie-Saint-Paul. Viel sei das nicht. "Außerdem haben wir hier doch genug Platz". Gefragt nach seiner persönlichen Motivation, vom Showbusiness in die Tourismusindustrie zu wechseln, lächelt Daniel Gauthier. "Der Cirque du Soleil hat seine Wurzeln im Charlevoix", sagt er. "Ich habe das Gefühl, ich muss der Region etwas zurückgeben."

Von dem 150 Millionen Euro, die das Projekt kosten soll, investiert Gauthier circa 42 Millionen aus eigener Tasche. Weitere sechs Millionen bezahlt der zweite Gründervater des Cirque du Soleils, Guy Laliberté. Der Rest kommt von Banken und der Regierung. Gauthier glaubt, dass die Region noch mehr touristisches Potential hat. Die Nähe der Berge zum Wasser. Dazu die höchste Felswand und der meiste Schnee östlich der Rockies. "Die Region hat europäisches Flair und trotzdem eine unberührte Natur - ich glaube, das zieht Touristen aus Frankreich, Italien oder Deutschland an", schwärmt er. "Doch bekannt ist der Ort fast nur unter Québecern."

Widerstand gegen das Öko-Projekt

Bei Bewohnern stößt das Projekt indes auf zwiespältige Reaktionen. "Die ländliche Atmosphäre wird verschwinden", prognostiziert Claude Rollin. Der 59-Jährige aus Montréal kommt seit 1982 ins Charlevoix, um zu malen. In Les Éboulements, einem Dorf unweit von Baie-Saint-Paul, hat der Künstler sein Atelier - eine verwitterte Bretterhütte, in der so viele bunte Landschaftsbilder hängen, dass die Hütte selbst als Kunstwerk gelten könnte. "Bis vor wenigen Jahren hattest du das Gefühl, hier ist die Zeit stehen geblieben", erzählt der Maler nostalgisch. "Dann kamen Kasino und kommerzielle Geschäfte. Als nächstes kommt Le Massif."

Charles Roberge, Ökologe und Vorsitzender des Biosphärenreservats, wohnt seit dreißig Jahren in der Gegend. Er ist begeistert vom Projekt. "Gauthiers Resort ist keine Ein-Mann-Show", findet er. Die Kommunen würden in die Planung mit einbezogen, außerdem schaffe das Resort neue Arbeitsplätze. "Das Projekt ist ein großer Gewinn für unsere Region."

Inzwischen haben die Bauarbeiten begonnen - schon im Sommer 2011 soll die Eisenbahn fahren. "Aber keine Panik", sagt Gauthier. "Wenn alles fertig ist, wird man nicht das Gefühl haben, es hätte sich viel verändert."

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