HOME

Macau: Las Vegas war gestern

Heute spielt das Glück in Macau. Doch trotz Casinos und Riesenhotels hat sich die Insel südwestlich von Hongkong ihren Zauber aus der Kolonialzeit bewahrt.

Von Jan-Philipp Sendker

Manuel Pena ist kein Mann großer Worte. Er sitzt im "Long Va", einem Teehaus in der Innenstadt Macaus, zieht seine buschigen Augenbrauen hoch, verschränkt die Arme vor der Brust und schweigt. Es ist heiß und feucht, unter der Decke brummen die Ventilatoren. Eine Klimaanlage gibt es nicht. Als junger Mann kam der heute 50-Jährige aus Lissabon in die damalige portugiesische Kolonie, höchstens ein paar Monate wollte er bleiben. Fast 30 Jahre sind daraus geworden. Und er verspürt nicht die geringste Lust, diese Stadt je wieder zu verlassen. Das Spielerparadies an der Mündung des Perlflusses südwestlich von Hongkong ist zu seiner Heimat geworden. "Macau", sagt er endlich, "ist schön und ruhig. Die Menschen hier genießen ihr Leben. Das gefällt mir."

Er zeigt auf die Gäste im Lokal. Viele von ihnen kommen täglich. Lesen Zeitung, trinken Tee und verspeisen nebenbei ein paar dampfende Dim Sum. Manche haben die eigene Teekanne im Regal stehen. An den Wänden hängen Kalligrafien und Bilder von Kunden, die mit ihren Werken die Zeche bezahlt haben. Noch bis vor Kurzem brachten alte Männer ihre Vögel mit und hängten die Käfige an die Wand. Aus Furcht vor der Vogelgrippe ist das nun verboten. "Sonst", sagt Manuel, "hat sich seit 30 Jahren fast nichts verändert."

Manuel geht auf den Markt, wo er für das Mittagsmenü seines portugiesischen Restaurants einkaufen will. In den Garküchen brutzelt heißes Fett, es riecht nach gebratener Ente, Zwiebeln und Koriander. An den Obstständen liegen Mangos, Lychees, Kirschen, Bananen und die stacheligen Durianfrüchte, deren penetranter Geruch durch die gesamte Markthalle zieht. Manuel steuert auf seinen Fischhändler zu. Die Verkäuferin begrüßt ihn mit einem Lachen. Sie kennen sich seit Jahren. Der Restaurantbesitzer sucht ein Dutzend Seebrassen aus, feilscht auf Kantonesisch, bis er zufrieden nickt. "Der Fisch hier ist hervorragend", flüstert er, als bestünde die Gefahr, ein zu lautes Lob könnte den Preis in die Höhe treiben.

Ein Hotel mit 3000 Suiten

Auf dem Weg zu seinem Lokal auf der vorgelagerten Insel Taipa macht er einen Abstecher über den Cotai-Strip, eine künstlich geschaffene Landverbindung zwischen Taipa und Coloane. Dort ragt eine gigantische Wand aus Glas, Stahl und Beton in den Himmel: das "Venetian Macao", ein Hotel mit 3000 Suiten. Zur Anlage gehören Casino, Theater, Kongresszentrum und eine Shopping Mall. Insgesamt ein Komplex, wie man ihn in dieser Größe auf der Welt kein zweites Mal findet. Auch eine Venedig-Imitation mit Markusplatz, Rialtobrücke und Canal Grande gibt es.

Rund um das "Venetian" rammen Maschinen Stahlträger in die Erde - es ist die größte Baustelle Asiens. Hier entstehen mehr als 10.000 Hotelzimmer, Casinos, ein Vergnügungspark, Filmstudios, eine "City of Dreams". Das kleine gemütliche Teehaus "Long Va" und der traditionelle Markt sind von hier knapp zwei Kilometer entfernt.

Es ist gerade diese Existenz von Parallelwelten auf engstem Raum, die den Reiz von Macau ausmacht. Nur wenige Orte auf der Welt sind dichter besiedelt. Fast eine halbe Million Menschen drängelt sich auf 28 Quadratkilometern, eine Bevölkerungsdichte fast doppelt so hoch wie in New York City. Die Wirtschaft wächst jährlich um 20 Prozent, die Skyline verändert sich im Monatsrhythmus. Die Zahl der Hotelzimmer wird sich in den kommenden zwei Jahren von 13.000 auf fast 40.000 verdreifachen. Das sind fast so viel wie in Hamburg und München zusammen.

Südländische Gelassenheit

Und dann gibt es da die historische Altstadt: unberührt und von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Macau ist auch nach mehr als 450 Jahren portugiesischer Kolonialherrschaft eine chinesische Stadt geblieben, in der allerdings südländische Gelassenheit und mediterraner Charme tiefe Spuren hinterlassen haben. Und Macau ist die neue Welthauptstadt für Zocker und Glücksspieler. Las Vegas war gestern.

Macau hat das amerikanische Vorbild, gemessen an Umsatz und Gewinn, längst überflügelt. Aber das ist erst der Anfang. Die Zahl der Besucher hat sich in den vergangenen acht Jahren bereits von 7 auf 25 Millionen mehr als verdreifacht. Die meisten Touristen sind Chinesen. Sie machen mit ihrer Spielleidenschaft die Casinos zu den profitabelsten der Welt. An einem Tisch wird hier dreimal so viel verdient wie in Las Vegas.

Im zweitgrößten Casino der Welt, dem "Sands", hätten zwölf Jumbo-Jets Platz. Auf einer Bühne hüpfen russische Tänzerinnen, die kaum beachtet werden. Am Tresen der Bar sitzen ein paar Westler. Statt Whiskey oder Cocktails reichen Kellnerinnen Tee im Plastikbecher. Chinesen gehen nicht in ein Casino, um sich zu amüsieren. Sie spielen nicht zur Unterhaltung oder aus Spaß, sie spielen um ihre Zukunft, ihr Leben. Ihnen dabei zuzusehen ist unterhaltsam wie ein Theaterbesuch.

Sie jubeln nicht, sie lachen nicht

Die Menschen an den Baccara-, Roulette-, Black-Jack- oder Würfelspieltischen verfolgen jede Aktion mit äußerster Konzentration. Sie jubeln nicht, sie lachen nicht, sie beobachten, machen sich Notizen, platzieren ihre Wetten. Nur gelegentlich hallen Schreie und Anfeuerungsrufe durch die Halle. Bei manchen Spielern verraten schlecht sitzende Kleidung und abgetragene Schuhe, dass sie vom Land kommen. Andere zeigen durch Boss-Anzüge oder Prada-Taschen, dass sie zur rasant wachsenden Mittelschicht gehören. Garantiert mit am Tisch sind Parteikader, die ihre Schmiergelder verwetten, so wie jener Genosse aus Chongqing, der in Macau kürzlich 24 Millionen US-Dollar verspielte.

Nur wenige Gehminuten trennen das Casino vom Largo do Senado, dem Zentrum des alten Macau. Der Platz ist umringt von liebevoll restaurierten Prachtbauten, deren Schönheit davon zeugt, welch blühender Handelsplatz die Stadt einst war. Passanten bummeln unter schattigen Arkaden, sitzen auf Bänken oder Brunnenrändern und genießen italienisches Eis.

Am anderen Ende der Altstadt liegt ein kleiner Volkspark im China-Stil. Ältere Damen machen hier ihre Tai-Chi-Übungen, während einige Chinesen in Hausanzügen schlurfend ihre Runden drehen. Von einem Ficus-Baum hängen dicke Luftwurzeln herab wie Lianen im Dschungel. Männer hocken mit Vogelkäfigen auf Bänken und lauschen andächtig dem Gezwitscher ihrer Lieblinge.

Am Abend treffen wir Manuel in seinem Restaurant, das auch irgendwo in der Altstadt von Lissabon liegen könnte. Es ist klein, eng und gemütlich: die Wände aus rotem Backstein, in den Regalen alte Portweine, neben der Tür eine große Fahne von Sporting Lissabon. Gekocht wird nichts Asiatisches, keine Fusions-Küche, sondern ausschließlich portugiesische Hausmannskost, die köstlich schmeckt. Hat Manuel keine Angst, dass der Bauboom und die vielen Touristen den Rest dieses Idylls aus der Stadt treiben?

Er schüttelt den Kopf. "Nein, beides ist gut fürs Geschäft. Aber es berührt uns nicht wirklich."

print

Wissenscommunity