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Reisebuch-Rezension: In drei Monaten durch 34 Bundesstaaten

Tausende von Meilen ist die Journalistin Bettina Gaus durch die USA gefahren, um ein Stimmungsbild des ländlichen Amerika einzufangen. Herausgekommen ist ein äußerst informatives, unterhaltsames und witziges Buch. Und vor allem: ganz nah dran an den Menschen und ihren Geschichten.

Von Ulrike Wiebrecht

Jeder glaubt Amerika zu kennen, ob Hollywood, McDonald‘s oder die Skyline von New York. Auch der, der noch nie in den Staaten war, hat jede Menge Bilder im Kopf. Aber ist es dort wirklich so? "Wie leben sie, was denken sie, was ist ihnen wichtig?", hat sich die taz-Korrespondentin gefragt, als sie sich auf den Weg gemacht hat. "Was wissen wir überhaupt über den Alltag eines Fischers in Oregon, einer Bäuerin in Wisconsin, einer Studentin in Arizona?"

Um das herauszufinden, hat sie 24.000 Kilometer im Auto zurückgelegt. Auf derselben Route, die ihr Vorbild, der kalifornische Schriftsteller John Steinbeck, 1960 gewählt hatte. Sie beginnt in New York. Von da aus geht es Richtung Norden, an der Grenze zu Kanada entlang bis zur Westküste, weiter in den Süden und über Texas, Louisiana, Georgia und South Carolina zurück zum Ausgangspunkt.

Zwischen Hass und Gastfreundschaft

Unterwegs spricht sie mit LKW-Fahrern, Ehepaaren, die in Trailer-Parks leben, weil sie sich keine feste Bleibe mehr leisten können, mit einer alleinerziehenden Mutter, die ihre Kinder bewusst ohne Auto und Fernsehen aufwachsen lässt, mit Michael White, der zugleich Makler und Pferdezüchter ist, den Patriot Act und jede Art von Genmanipulation ablehnt, sich aber keinesfalls von seinen Waffen trennen möchte. Der Bundesstaat Montana, der John Steinbeck zufolge "ein großes Stück Pracht und Herrlichkeit" ist, begrüßt sie in Gestalt der ehemaligen Lehrerin Karen Teeters, die in einem Besucherzentrum am Rande der Autobahn arbeitet. Ganz andere Erfahrungen macht sie mit George Reed. Der Repräsentant der Crow-Reservation mit 8000 Indianern schleudert ihr seinen ganzen Hass auf das weiße Amerika entgegen.

"Je wohlhabender ein Land oder eine Region ist, desto liberaler ist die Bevölkerung", stellt die Reporterin fest, als sie durch Neuengland fährt: Kalender mit bösen Schnappschüssen von Präsident George W. Bush und Schlüsselanhänger mit einem batteriebetriebenen Countdown bis zum Ende seiner Amtszeit gehören dort zum festen Sortiment von Buchhandlungen und Andenkenläden. Im reichen Connecticut entdeckt sie mehr Herrenhäuser "als es jemals Herren gegeben haben kann", das Schwulenparadies Provincetown ist im Lauf der Zeit so teuer geworden, dass sich dort normale Familien keine Wohnung mehr leisten können. Statt kleiner Kinder werden Hunde in Kinderwagen herumgefahren und mit exklusiven Hundekeksen verwöhnt.

Dann wieder entdeckt die Autorin Städte, die mit Abwanderung und dramatischen Schrumpfungsprozessen zu kämpfen haben. Der Stadt Cleveland sind seit 1950 über 450.000 Menschen davongelaufen. Noch schlimmer steht es um die Autostadt Detroit: "Von den Zurückgebliebenen lebt ein Drittel unter der Armutsgrenze. Ganze Viertel stehen leer. Die Stadt hat nicht einmal das Geld, die Ruinen abzureißen." Der Ort Leavenworth im Staat Washington, dem nach dem Niedergang ein ähnliches Schicksal drohte, hat sich dagegen als bayerischer Fremdenverkehrsort neu erfunden. Da begegnet Bettina Gaus Touristen, die im "Alpenrose Inn" oder im "Ritterhof" wohnen, Schweinshaxe essen und sich von der "Edelweiss Tanzgruppe" unterhalten lassen.

Und Kalifornien? "Die Ernüchterung in Kalifornien geht über die Erkenntnis hinaus, dass es ein Paradies auf Erden nicht gibt. Hier scheint gerade ein langer Traum zu Ende zu gehen." Nachdem die Einwohnerzahl seit 1960 von 15 auf 37 Millionen angewachsen ist, reichen die Wasservorräte nicht aus, die Energieversorgung ist infolge der Deregulierung von steigenden Preisen und dramatischen Engpässen gekennzeichnet. Dass das Haushaltsdefizit zugleich auf 16 Milliarden Dollar geklettert ist, kann Bettina Gaus an den unzähligen Schlaglöchern auf der Route 66 ablesen. Angenehm überraschen sie dagegen Idaho und Arizona: "Nicht die Orte, an die der Rest der Welt als Erstes denkt, wenn es um die Zukunft der Vereinigten Staaten und um die Frage nach dem Fortbestand der Führungsrolle der derzeit einzigen Weltmacht geht. Aber gerade dort habe ich Neugier, Engagement und eine große Bereitschaft zur persönlichen Anstrengung vorgefunden, die ich in Kalifornien vermisste."

Dienstleistungsland ohne Ladenschluss

Bettina Gaus sieht genau hin, analysiert scharfsinnig aus ihrer ganz persönlichen Perspektive heraus, spart dabei nicht mit Selbstironie und lässt den Leser teilnehmen, wenn sie das eine oder andere Vorurteil über Bord wirft. "Die USA sind eine perfekte Dienstleistungsgesellschaft ohne Ladenschluss? Kommt darauf an. Eine Reifenpanne zwischen tausendjährigen Mammutbäumen in strömendem Regen an einem Samstagvormittag relativiert diesen Blick." In vielen Motels erweist es sich als unmöglich, ins Ausland zu telefonieren, der Verkehr ist längst nicht so entspannt und aggressionsfrei wie allgemein angenommen. Da überholen sie Lastwagenfahrer selbst dann, wenn die Reisende mit 120 Stundenkilometern eine kurvige Straße entlang prescht. Und wer hätte gedacht, dass ein normaler Tankwart sich dafür interessiert, ob die deutsche Währungsunion nach dem Fall der Mauer nicht zu früh eingeführt worden wäre?

Am Ende ihrer Reise hat Bettina Gaus fast mehr Fragen als am Anfang. "Auch in Zeiten des Massentourismus wissen wir immer noch sehr wenig von der Welt", konstatiert sie. Immerhin kann sie das Fazit ziehen, dass die Bevölkerung der kleinen Städte und Dörfer Angst vor der Globalisierung, vor der Verarmung der Mittelschicht, vor dem sozialen Abstieg hat. "Wenn ich nur ein einziges Wort zur Verfügung hätte, um die herrschende Stimmung zu beschreiben, dann müsste ich nicht lange nachdenken: Verunsicherung."

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