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Reiseland Äthiopien: Obelisken, Pioniere und Paviane

Unser Bild Äthiopiens ist von den Hilfsaktionen des Schauspielers Karlheinz Böhm geprägt. Kaum einer kennt das Reiseziel im Nordosten Afrikas, die Wiege einer alten Kultur mit vielen Welterbestätten der Unesco. Jetzt wird in Axum ein 1937 nach Rom verschleppter Obelisk wieder enthüllt.

Von Andreas Spaeth

Die Mittagssonne taucht den "may hedja", den Stelenpark, in grelles Licht. Obwohl die Sonne jetzt am höchsten steht, ist es nicht wirklich heiß. Denn die heilige Stadt Axum im Norden Äthiopiens liegt 2150 Meter über dem Meeresspiegel. Keine Spur von drückender afrikanischer Hitze. Axum, die Hauptstadt des ersten äthiopischen Königreiches, lässt sich wie auch die meisten Regionen des Landes bei angenehmen Klima bereisen.

Wie Ameisen sehen die zwei Dutzend Arbeiter aus, die sich in luftiger Höhe auf einem Metallgerüst zu schaffen machen. Etage um Etage umschließt die Metallkonstruktion einen steinernen Obelisken aus, wie man ihn aus Ägypten oder von der Place de la Concorde in Paris kennt. Dabei liegt einer der wichtigsten Herkunftsorte der kunstvoll gestalteten Stelen aus hartem Granit in Axum. Hier enstand der Obelisk vermutllich zwischen dem 100 und 300 n. Chr. "Die Stelen sind ein Wahrzeichen Äthiopiens und Ausdruck der frühen axumitischen Hochkultur. Die meisten sind etwa 1700 Jahre alt", erklärt Fitsum Gezahegne einer Gruppe deutscher Besucher.

Der Fremdenführer aus der tausend Kilometer entfernten Hauptstadt Addis Abeba kommt oft nach Axum, einer der Höhepunkte auf der historischen Reisreoute durch den Norden des noch für Touristen fast unbekannten Landes. Jüngste Ausgrabungen haben ergeben, dass die Stelen zu Grabbauten gehören. Damit sind sie nicht mit ägyptischen Obelisken zu vergleichen, die paarweise vor Tempeln errichtet wurden und mit dem Sonnenkult in Zusammenhang standen.

Die Vorstellung vom Grab als dem Haus des Toten führte in Axum zur Herstellung von Stockwerksstelen, die an kleine Wolkenkratzer erinnern - komplett mit Andeutungen von Balken, Türen und Fenstern. Die größte Stele ist einer der massivsten bearbeiteten Monolithen der Welt überhaupt. Sie kippte wahrscheinlich bereits während der Aufstellung um und liegt seit Jahrhunderten bestens erhalten in mehreren Teilen am Boden. "Die war ursprünglich mal über 33 Meter hoch und 520 Tonnen schwer", erzählt Fitsum Gezahegne.

Von der Piazza di Porta Capena nach Axum

Doch spielt in diesem Tagen im Stelenpark von Axum nicht die Archäologie, sondern die aktuelle Politik die Hauptrolle. In den ersten Wochen des neuen Jahres soll nach 72 Jahren die Stele Nr. 2 feierlich wieder ihren über Jahrhunderte angestammten Platz in Äthiopien einnehmen. "Das ist eine lange Geschichte", sagt Fitsum. "Die italienischen Faschisten verschifften den Obelisken 1937 nach Rom. Dort stand er bis 2004 an der Piazza di Porta Capena vor dem ehemaligen Kolonialministerium". Seit dem Ende der italienischen Besetzung Äthiopiens 1941 liefen komplizierte Verhandlungen über die Rückgabe der 24 Meter hohen und 170 Tonnen schwere Steinsäule.

Seit 1980 zählt Axum zum Weltkulturerbe der Unesco, die auch die Rückführung des Kulturdenkmals vermittelte. Nach Beseitigung vieler Hürden wurde das Monument 2005 in drei Teilen per Frachtflugzeug aus Italien direkt nach Axum geflogen und über eigens verstärkte Brücken an seinen Stammplatz gebracht. Eine politisch durchaus heikle Mission, ist doch Italien als ehemalige Besatzungsmacht in Äthiopien bis heute äußerst unbeliebt.

Die Regierung in Rom ließ sich die Rückführung und Restaurierung vier Millionen US-Dollar kosten. "Die Stele wurde Äthiopien mit Gewalt genommen, für uns aber steht sie als Symbol des Friedens. Darum war es auch so wichtig, dass sie auf friedvolle Weise zurückkehrt", sagt Tadele Bital Kibrat, einer der Verantwortlichen für die Wiedererrichtung in Axum. Noch bevor die baldige Enthüllung bevorsteht, bietet sich Besuchern von der Terrasse des benachbarten Yeha-Hotels hoch über dem Stelenpark ein beeindruckender Anblick auf den Obelisken.

Unesco-Welterbestätten in Äthiopien

Nicht nur in Axum, wo sich in der Kathedrale das für die äthiopisch-orthodoxen Christen wichtigste Heiligtum des Landes befindet, - die Heilige Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Gebote - staunen weit gereiste Weltenbummler. Gerade der Norden des ostafrikanischen Landes bietet mehrere Attraktionen des Weltkulturerbes auf engem Raum. Ganz oben stehen dabei die elf Felsenkirchen von Lalibela, die im 12. Jahrhundert n. Chr. in die Felsen gemeißelt wurden. Ästhetisch und baulich am eindruckvollsten ist die Bete Gyorgis, die Georgs-Kirche, die im Grundriss einer Kreuzkuppelkirche errichtet wurde.

Tief beeindruckt stehen Besucher an der rund elf Meter tiefen Aushöhlung des Felsens, aus dem die von außen kaum sichtbare Kirche herausgemeißelt wurde. Drinnen sind die Priester schon an Besucher gewöhnt, zeigen gern ihre Heiligtümer. Trotz der Dunkelheit tragen sie gleich mehrere Sonnenbrillen, um sich gegen das Blitzlichtgewitter der Touristen zu schützen.

Neben den Kirchen mit Gemälden, die über tausend Jahre alt sind, bunten religiösen Feierlichkeiten und Festungen wie jene aus dem 17. Jahrhundert in Gondar, hat Äthiopien faszinierende Landschaften und Natur zu bieten: das von tiefen Schluchten durchzogene Simien-Gebirge mit über 4000 Meter hohen Bergketten und den endemischen Gelada-Paviane im äthiopischen Hochland.

Zwar ist die Infrastruktur bei den Unterkünften außerhalb der Hauptstadt noch stark verbesserungswürdig, aber noch dürfen sich Touristen als Pioniere fühlen. Ausgerechnet ein Gutmensch wie Karlheinz Böhm und seine Aktion "Menschen für Menschen" ist heute für das Land eine schwere Bürde, hat es doch Jahrzehnte alte Bilder hungernder Menschen fest in den Köpfen vieler Europäer verankert. "Wir haben ein ernsthaftes Image-Problem", weiß auch Tourismusminister Mohamud Derir und gibt zu: "Tourismus steckt bei uns erst in den Anfängen". Was auch eine Chance ist.

Weitere Infos
Reisen nach Äthiopien werden als Studienreisen angeboten. Beim Veranstalter Meier's Weltreisen kostet eine 18-tägige Rundtour in den Norden inklusive Flug mit Ethiopian Airlines ab Frankfurt 3449 Euro.
Tourismus-Website Äthiopiens: www.tourismethiopia.org

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