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Salvador da Bahia: Samba im Herzen und Rhythmus im Blut

Die sinnlichste Stadt Brasiliens verzaubert mit afrikanischem Flair und endlosen Traumstränden. stern.de-Mitarbeiterin Dagmar Gehm hat sich vom Rhythmus Salvador da Bahias berauschen lassen.

Von Dagmar Gehm

"Es war zu Beginn der Nacht, zum geheimnisvollen Beginn der Nacht in der Stadt Salvador da Bahia, wenn alles geschehen kann, ohne dass man sich darüber wundert", schrieb Jorge Amado, einer der bedeutendsten südamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, in "Nächte von Bahia". Salvador da Bahia ist die sinnlichste Stadt Brasiliens. Eine Stadt voller Magie.

Rund achtzig Prozent ihrer Bewohner sind Nachfahren afrikanischer Sklaven, die im ersten Sklavenumschlagplatz des neuen Kontinents schon 1558 zur Arbeit in den Zuckerrohrplantagen eingesetzt wurden. Die hügelige, Kopfstein gepflasterte Küstenstadt mit ihrem morbiden Charme schlägt jeden in seinen Bann, berauscht durch intensive Gerüche brasilianisch-afrikanischer Gerichte, bezaubert durch die brodelnde Lebensfreude ihrer Bewohner, überwältigt mit ihren barocken und kolonialen Prachtbauten, denen die salzige Luft vom Meer im Laufe der Jahrhunderte ihre eigene Prägung verliehen hat.

Ein afrikanischer Tanz als Ausdruck des Lebensgefühls

Trommeln schlagen den Rhythmus von Salvador da Bahia, an jeder Ecke, zu jeder Zeit. Der Pelourinho, Teil der Altstadt, wurde von 1991 bis 94 von der Unesco aufwändig restauriert und zum Weltkulturerbe deklariert. Junge Männer führen dort den akrobatischen Kampftanz Capoeira auf, einst von Sklaven erfunden und von ihren Herren aus Angst vor Angriffen verboten. Erst der brasilianische Präsident Getúlio Vargas erlaubte in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder, dass der Capoeira öffentlich getanzt werden durfte. Inzwischen ist er zum Kultsport avanciert und drückt das ganze Lebensgefühl der Bahianer aus. Traditionell werden die beiden akrobatischen Tänzer von bestimmten Instrumenten begleitet, darunter der Berimbau, ein Holzbogen mit einem Draht - neben der australischen Maultrommel das älteste Musikinstrument der Welt.

Der Pelourinho in der Oberstadt ist das Herz von Salvador. Sogar Michael Jackson hat vor dieser spektakulären Kulisse 1996 ein Video gedreht. Am oberen Ende, dem Terreiro de Jesus, wo einst die Sklaven an den Pranger gestellt wurden, stehen fünf Kirchen, darunter die Hauptkathedrale, die Basilica São Salvador, Sitz des Erzbischofs von Salvador. Vor seiner Restaurierung war der "Pelô", wie er liebevoll genannt wird, trotz der vielen Kirchen ein ziemlich verkommener Rotlichtbezirk, ein Widerspruch, der in Brasilien niemandem aufstößt. Genauso wenig, wie europäische, indianische und afrikanische Kulturen nahtlos ineinander verzahnen und der religiöse Kult "Candomblé" noch heute voller Inbrunst praktiziert wird. Selbst Touristen geraten in den verführerischen Sog aus Glauben und Aberglauben und lassen sich zumindest ein Glück bringendes "Bonfim"-Bändchen um das Handgelenk binden.

Ein bemerkenswertes Beispiel für das hautnahe Eintauchen in das "lebendige Museum" Salvador da Bahia ist das Fünf-Sterne-Hotel "Convento do Carmo", in einem von den Karmelitern 1562 erbauten Kloster mitten in der Altstadt. Wenn man die Augen schließt und sich die Gäste in Badehose und Bikini am Pool des angenehm kühlen Innenhofs wegdenkt, glaubt man noch die wispernden Stimmen der Mönche zu hören, die einst durch die Arkadenbögen huschten.

Der brasilianische Bob Marley

Von der Oberstadt fahren zwei Aufzüge direkt in das pralle Leben am Hafen: Der Elevador Lacerda und ein alter Schrägaufzug von 1889. Auch hier ist überall Musik die treibende Kraft der Bahianer. Carlinhos Brown, der "brasilianische Bob Marley", gibt Straßenkindern in seiner Musikschule "Pracatum Candeal" mit Computer-, Literatur- und Englischkursen eine Zukunft und führt sie mit Kursen über afrikanische Kultur gleichzeitig zu ihren Wurzeln zurück. "Kinder, die ihre Träume verloren hatten", sagt Carlinhos. Der dunkelhäutige Rastaman hat noch mehr vor. Nicht weit vom "Mercado Modelo", einem herrlich voll gestopften Markt mit Souvenirläden und einem Terrassenlokal mit Blick über den Hafen, will Carlinhos einen historischen Komplex in eine kulturelle Begegnungsstätte umbauen, zu einem Museum voller Instrumente weltbekannter Musiker.

Wenn Carlinhos Brown durch die angrenzende Favela geht, unterbrechen junge Fußballer ihr Spiel, um ihn mit ausgestreckten Armen und Victory-Zeichen zu begrüßen. Als ihren Star, als einen von ihnen, der von ganz unten kam und es geschafft hat. Einer der an allen Ecken brennt.

Unterstützung bei seinen Sozialprojekten erhält der Brasilianer auch von "Iberostar Hotels & Resorts", die am Sandstrand von Praia do Forte, etwa eine Stunde vom Flughafen entfernt, 2006 ein all-inclusive-Resort für gehobene Ansprüche gebaut haben. Denn nur wenige Urlauber verbringen ihre gesamte Zeit nur in der Stadt Salvador - zu verlockend sind die Endlos-Traumstrände in 50 bis 70 Kilometer Entfernung. Auf der anderen Seite unternehmen Badegäste Ein- oder Mehrtagesausflüge in die nahe gelegene Stadt. Etliche Reiseveranstalter bieten sogar die Idealkombination von Stadt und Strand an.

Gebäude dürfen nicht höher sein als die Kokospalmen am Strand

Lange Jahre waren rund 7000 Hektar Strand und Urwald fest in der Hand des Deutschen Klaus Peters, der hier als erster den "ökologischen Tourismus" einführte. Seitdem dürfen Gebäude nicht höher sein als die Kokospalmen, auch das bis dahin bei den Einheimischen beliebte Einsammeln von Eiern der Meeresschildkröten wurde verboten. Denn nur eine Schildkröte kommt durch. Nur eine von tausend, die sich auf den Weg gemacht haben mitten in der Nacht, dorthin, wo der Horizont ganz hell schimmert. Nur eine trägt die ganze Verantwortung für das Überleben ihrer Art. Für die gesamte, vom Aussterben bedrohte Spezies. Die übrigen 999 haben keine Chance. Viel zu groß ist der Ozean, viel zu hungrig Fische und Haie, viel zu schwach ihre Kräfte.

Die Strände bei Praia do Forte sind das bedeutendste Gebiet Südamerikas für Wasserschildkröten. Fünf der sieben weltweiten Arten kommen nach Brasilien, davon vier an die Nordostküste in Bahia. Rund 600 Nester ziehen sich entlang einer Strecke von nur drei Kilometern. Nachts vergräbt die Schildkröte bis 130 Eier fünfzig Zentimeter tief im Sand, wo sie zwischen 45 und 60 Tage lang ausgebrütet werden. Mitten an einem Touristenstrand, wo tagsüber Urlauber aus aller Welt durch den heißen Sand laufen, wo Kinder Burgen bauen und Teenager Volleyball spielen.

"Wir haben mit der Gemeinde und den Hotels ein Abkommen geschlossen, dass die Touristen über die Schildkröten aufgeklärt werden. Außerdem sind die Nester gekennzeichnet und werden jede Nacht von Biologen gecheckt", sagt Eric Bonhomme, Wissenschaftler am "Projeto Tamar", dem Schildkröten-Schutzprojekt am Leuchtturm von Praia do Forte. Seit 27 Jahren können dort die archaischen Tiere auch in einigen Schaubecken beobachtet werden. Am spannendsten wird es aber immer dann, wenn die Meeresbiologen nachts den frisch geschlüpften Babys Starthilfe geben in ihr ureigenes Element - das Meer.

Hotelbau wegen Schildkröten verlegt

Wegen der Schildkröten, sagt Heike Genschow, Geschäftsführerin der Iberostar-Kette, hat man den Bau des Hotels extra um etliche Kilometer verschoben. Ob allerdings die Gäste weiterer geplanter 1500 Betten und einiger Villen auf dem Golfplatz zum Überleben der geschützten Art unbedingt förderlich sind, wird die Zukunft zeigen.

Praia do Forte - in den achtziger Jahren noch ein verschlafenes Fischernest - hat sich inzwischen nach Búzios zum zweitteuersten Badeort Brasiliens entwickelt. Zum chicen open-air-Shoppingzentrum mit Straßenzügen voller netter, kleiner Geschäfte - nur Einheimische wohnen hier kaum noch, für sie ist der Ort längst nicht mehr bezahlbar. Für Hotelplaner sind die endlosen, Palmen gesäumten Sandstrände rund um Praia do Forte eine lukrative Investition in die Zukunft, bieten sie doch alles, was das Urlauberherz weltweit begehrt: Dünen, die warmen Wellen des Atlantiks, der hier relativ ruhig an die Küste schwappt, Riffe und einen 18-Loch-Golfplatz direkt am Meer.

Deutsche Skulpturen in der Pampa Bahias

Auch als Ausgangspunkt für Ausflüge nach Salvador und weitere Ziele im Staat von Bahia ist die Lage ideal. Einer der spannendsten Tagestouren führt in die Zwillingsstädte Cachoeira und São Félix, durch eine alte Eisenbahnbrücke getrennt. Auch hier haben Deutsche Zeichen gesetzt - der Hamburger Heinz Hansen etwa, der seine Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg in Form von Bildern und Skulpturen verarbeitet hat, die jetzt in der Fundaçao Hansen zu besichtigen sind. Und Garaldo Dannemann, 1851 als Gerhard in Bremen geboren, erster Bürgermeister der Zwillingsstädte und Gründer einer Fabrik für Zigarren und Zigarillos, von Frauen per Hand gerollt. Sie dürfen während der Arbeit die eigenen Produkte rauchen, doch nur wenige nutzen das Privileg.

Hier, im Hinterland von Brasiliens Nordosten, leben die Menschen hauptsächlich von der Landwirtschaft. Auf einem kleinen Bauernhof mahlt Donha Maria noch per Hand Maniokwurzeln zu Mehl und kocht Marmelade frisch von den Schoten des Tamarindenbaums. Mit Pferden reiten die Bauern von den Dörfern zu den Märkten, um ihre Produkte zu verkaufen. Reines Kakaopulver etwa, das auch auf einem Besuch einer Kakaoplantage erhältlich ist.

Die meisten Häuser im Hinterland werden noch so wie vor hunderten von Jahren gebaut. Mit einer einzigen Tür und einem einzigen Fenster. Mehr war den Sklaven aus Afrika früher nicht erlaubt. Ihre freien Nachfahren sind auch heute noch damit zufrieden. In Bahia, dem afrikanischsten Staat von Brasilien.

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