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Terror-Hotel Taj Mahal Palace: Die Seele Mumbais lacht wieder

Der Prozess gegen den einzigen überlebenden Attentäter der Anschläge von Mumbai hat gerade begonnen. Derweil ist das im November schwer beschädigte Taj Mahal Palace-Hotel wieder Rückszugsort für Prominente und Mitglieder der feinen Gesellschaft geworden.

Von Swantje Strieder, Mumbai

Durch die belebte Lobby des vornehmen Taj Mahal Palace latscht ein junger Mann im Trainingsanzug, seine Gummischlappen klatschen auf dem Marmorfußboden. Sieht aus wie ein Tischtennisspieler oder Rocksänger aus dem Reich der Mitte. "Das ist doch Lang Lang," raunt Birgit Zorniger, stellvertretende Managerin des Taj Mahal Hotels in Mumbai uns gerade noch rechtzeitig zu, bevor sie den chinesischen Starpianisten herzlich begrüßt. "Haben Sie gut geschlafen, Mr. Lang? Kann ich noch irgendetwas für Sie tun vor dem Konzert?"

Warum sollten die Gäste nicht gut schlafen? Hier haben bereits Maharadschas und andere Majestäten, Politiker, Prinzen und Potentaten, Reeder-Milliardär Onassis, John Lennon und Yoko Ono, Prinz Charles, Margret Thatcher und Angela Merkel gut genächtigt. Und über tiefen Samtteppich auf der kaskadengleichen Freitreppe schritt einst ein kleiner kahlköpfiger Mann mit Stock und in weißen Stoffwindeln: Mahatma Gandhi, der 1947 mit dem späteren Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru die Unabhängigkeit von den Briten aushandelte. Das 105 Jahre alte Taj Hotel in der 18 Millionenstadt Mumbai, die früher einmal Bombay hieß, hat alles gesehen, von der Kolonialzeit bis zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht- und nun auch den blutigen Terror der Moderne.

Die Promis sind zurück

Aber Lang Lang in seinen Latschen zeigt, dass sie wieder zurück sind nach dem Attentat vom 26. November: Die Promis, Stars, Jetsetter und internationalen Künstler steigen wieder gerne in Mumbais altehrwürdiger Herberge ab. Die Islamisten haben ihr Ziel der Zerstörung zum Glück nicht erreicht. Noch hat die Welt die Bilder von um sich schießenden Terroristen in Designerjeans, vom brennenden Dachstuhl einer Institution und von panischen Menschen, die sich mit Bettlaken ins Freie hangeln, vor Augen. 31 Opfer forderte der blutige Terror allein im Taj Hotel, denen im Innenhof ein zarter bronzener Lebensbaum als religionsübergreifendes Symbol gewidmet ist. 179 Menschen starben in ganz Mumbai. In diesen Tagen wird Ajmir Amal Kasav, dem einzig überlebenden der zehn Terroristen der Prozess gemacht, doch die Finanzmetropole wird nur kurz innehalten, um dann weiter zu machen, was sie am besten kann: business as usual.

Tatsächlich hat sich auch das Taj als Phönix schon halb aus der erkalteten Asche erhoben. Am 21. Dezember, knapp vier Wochen nach dem Attentat, öffneten Mumbais geschundene Luxushotels, das Taj Mahal Palace und das Oberoi-Trident wenigstens teilweise ihre Pforten. In beiden hatten die Islamisten eine breite Blutspur hinterlassen. Besonders der alte Flügel des Taj Hotels, wo die Terroristen Feuer legten und Handgranaten warfen, wird noch über Monate renoviert werden müssen. Aber jedes Steinchen, jeder Lüster und jede Vertäfelung des sarazenisch-florentinisch anmutenden Baudenkmals soll wieder an seinen Platz kommen.

Die Seele Mumbais wird restauriert

Die Seele Mumbais, versprach der indische Großindustrielle Ratan Tata bereits am Tag nach den Anschlägen, solle in der selben Pracht restauriert werden, wie es sein Vorfahr Jamshedji Tata 1903 an der romantischen Bucht von Bombay erbaut hatte. Von ihm, dem reichen parsischen Unternehmer, erzählt man sich noch heute, dass ihm die Engländer einst den Zugang zum Watson's, einem Luxushotel in Bombay, verweigerten- "dogs and Indians not allowed" stand am Eingang. Wahr ist, dass das Taj Hotel bald die gleichrangigen Herbergen der britischen Kolonialherren an Schönheit und Eleganz übertraf. Und jetzt als Denkmal wieder auferstehen will.

"Noch ist der Dachstuhl offen," sagt Birgit Zorniger und streift energisch ihr grünes Seidenkostüm glatt, "aber bis zum Monsun im Juni, der hier in Mumbai heftig ist, kriegen wir das hin!" Seit sechs Jahren ist die resolute Schwäbin, die 14 Jahre im Parkhotel, New Yorks erster Adresse arbeitete, als einzige Ausländerin im Management des Taj. Eine Entscheidung, die sie auch in den Stunden des 26. Novembers nie bereut hat, auch wenn es Arbeit rund um die Uhr bedeutet. "Kein Training der Welt hätte uns je auf das vorbereiten können, was wir in jenen Tagen durchgemacht haben," so Zornigers Chef, Direktor Karambir S. Kang, den das Schicksal besonders hart betroffen hat.

Im 6. Stock, wo die Dienstwohnung von Hoteldirektor Karambir S. Kang lag, wüteten die Terroristen. Hier erschossen sie die Frau des General Managers und seine beiden kleinen Söhne, als diese vor dem Feuer und den Handgranaten fliehen wollten. Wie geht man mit der Trauer und Betroffenheit um in einem Luxushotel, dessen Angestellte doch nur das Wohl und Glück ihrer Gäste vor Augen haben sollten? Rund 1100 der 1700 Angestellten sind bisher an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, und wenn das Taj-Hotel erst wieder auf Hochtouren läuft, werden sie vollzählig sein: "Superloyale Mitarbeiter, oft in der zweiten oder dritten Generation," lobt die deutsche Managerin, "die fühlen sich als große Taj-Familie."

Fragen zur Vergangenheit werden ignoriert

Viele der Angestellten haben ihr Leben riskiert, um die Gäste oder Kollegen zu retten, doch erzählen wollen und dürfen die stillen Helden nichts. Alle Interview-Fragen zum Terror hat sich die Geschäftsführung verbeten, Birgit Zorniger hält sich daran. "Unsere Philosophie ist es, immer nur nach vorne zu schauen," sagt sie, als wir auf den angenehm altmodisch knarzenden Korbsesseln an der Poolside-Bar Platz nehmen, wo schon Maharadschas und andere illustre Gäste ihren Punch schlürften. Der leuchtend blaue Swimmingpool liegt so friedlich da wie immer, doch wenn ihr Blick zum ausgebrannten Dachstuhl gleitet, muss Birgit Zorniger schlucken. Und redet lieber über frisch bezogene Fauteuils nach der Verwüstung in der Lobby und den Umbau der Suiten. Nach dem Attentat wurde die Sicherheit verstärkt. Das Taj musste sich Vorwürfe gefallen lassen, die Besucherkontrolle allzu lax gehandhabt zu haben. Aber auch die Promis nehmen es heute gelassen, dass sie nicht mehr diskret in der Limousine vorfahren dürfen und außer den beliebten turbanbekränzten Türstehern gleich zwei weniger romantische Metalldetektoren passieren müssen.

Hochzeitsgesellschaften tanzen wieder

"Alle 268 Zimmer im Taj Tower, dem neuen Flügel, sind voll belegt", sagt Birgit Zorniger stolz. Für viele Stammgäste ist der 23-stöckige Betonturm mit seiner Zementkrone nur ein stilloses Behelfsquartier, während die rund 240 getäfelten Altbauzimmer und Suiten schon vorgebucht sind fürs nächste Jahr. Die Bombayer sind hingegen glücklich, dass die Restaurant-Klassiker wie das japanische "Wasabi", der "Golden Dragon" und der "Zodiac Grill", wo die Köche die Gäste in der Terrornacht im Küchenschrank versteckten, wieder geöffnet haben. Im "Shamiani" sitzen die feinen Damen der Parsi-Gesellschaft beim Nachmittagstee wie eh und je. Internationale Geschäftsleute, leger im kurzärmeligen Polohemd, halten wieder ihre Meetings im Golden Room 1 und 2 ab, starren auf die Overhead-Projektoren und rühren im Espresso, den ihnen ein Heer von gut gelaunten Kellnern serviert. Das leise Hämmern und Klopfen im Obergeschoß nehmen sie als Zeichen von Normalität hin.

Sogar die berühmten Hochzeitsempfänge von Mumbais feiner Gesellschaft, wo ein Meer von leuchtenden bunten Seidensaris durch den frisch von Schuss- und Schmauchspuren restaurierten Crystal Room wogt, finden wieder statt. "Im Taj fühlt man sich wieder zu hause," hat eine feine ältere Parsin, die zwischen Hamburg und Mumbai pendelt, jüngst gesagt. Mumbais schönstes Wohnzimmer hat seine gold bemalten Flügeltüren schon einen guten Spalt weit geöffnet.

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