HOME

In der Savanne Afrikas: Wildes Namibia: Da ist was im Busch

Wer ins Okonjima Nature Reserve im Herzen Namibias reist, kann Leoparden und Geparden aus der Nähe sehen. Und sich anstecken lassen von der Leidenschaft einer tierverrückten Familie.

Von Nikola Haaks

Im Hochsitz: Ein Leopard hat sich in die Krone eines Baumes zurückgezogen.

Im Hochsitz: Ein Leopard hat sich in die Krone eines Baumes zurückgezogen.

Getty Images

Man könnte denken, wir wären irre. Oder die letzten Menschen auf der Suche nach Leben auf einem fremden Planeten. Craig Brown, 30 Jahre alt, der so kernig aussieht, wie man sich einen Ranger vorstellt, sitzt vorn im offenen Jeep und hält eine mehrarmige Antenne in die Luft. Ab und zu sind knarzende Geräusche zu hören. "Das ist gut", murmelt er bei jedem Laut, während er mit der anderen Hand den Jeep durch den Busch im Okonjima Nature Reserve steuert, zweieinhalb Autostunden nördlich von Namibias Hauptstadt Windhoek.

Wir sind auf der Suche nach Leoparden. Genauer gesagt, nach einer Leopardenmutter namens Electra und ihrem Baby. Sie trägt einen Sender, und je lauter das Geräusch, desto näher kommen wir ihr. Knaaarzzz. Dann wieder Stille. Craig ist überzeugt davon, dass wir sie hier zwischen dichten Akazienbüschen und hohem Gras finden. Während er sich euphorisch gibt, macht sich bei uns Skepsis breit. Jeder, der schon mal eine Safari in Afrika gemacht hat, weiß, wie selten man Leoparden in freier Wildbahn sieht. Kaum ein Tier, das so scheu ist und sich so gut tarnt wie diese Raubkatzen.

Ranger Craig Brown auf der Suche nach Raubkatzen.

Ranger Craig Brown auf der Suche nach Raubkatzen.


Die Stille wird durch das erneute Rumoren aus Richtung der Antenne unterbrochen. Hört sich eindeutig nach Erfolg an. Aber wo? Noch sehen wir nichts. "Schaut mal", flüstert Craig, "dort unten." Und tatsächlich, da sitzen sie am Boden unter einem Akazienbaum: Electra und ihr Baby. Es ist ungefähr drei Monate alt und so süß, wie ein Tierjunges nur sein kann. Das kleine Leopardenkind steht auf und klettert vor unseren Augen auf einen Baum. Es rekelt sich, streckt sich, hängt sich wie ein Artist in eine Astgabel und guckt neugierig in unseren Jeep hinab. Eine Szene wie diese sieht man aus dieser Nähe höchstens mal in einer Tierdokumentation auf Arte.

Der Bestand von Leoparden nimmt ab

Zurzeit leben 38 Leoparden und sechs Geparden in dem 20.000 Hektar großen Okonjima Nature Reserve. Neben zwei Lodges, einer Bush-Suite, einer Villa und einem Zeltplatz ist hier auch die AfriCat Foundation zu Hause. Die Stiftung behandelt verletzte oder traumatisierte Leoparden und päppelt sie wieder auf. Der Bestand ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Denn im Gegensatz zu Löwen, die in Namibia eigentlich nur in Nationalparks leben, können sich Leoparden im Land weitgehend frei bewegen. Das hat zur Folge, dass immer mehr Farmer ihre Zäune erhöhen, Fallen aufstellen oder die Tiere erschießen, um das Vieh zu schützen.

Am Lagerfeuer lassen Besucher den Tag ausklingen

Am Lagerfeuer lassen Besucher den Tag ausklingen

Die AfriCat Foundation kümmert sich vor allem um die Leoparden, die aus den Fallen der Landwirte gerettet werden können. Die meisten der Raubkatzen werden zunächst in einem kleineren Gehege beobachtet, gegebenenfalls in der Klinik der Stiftung genauer untersucht und behandelt, bevor sie mit einem Sender in einem Halsband ausgestattet und wieder in das Reservat entlassen werden.

Eine Lodge mit Mission

Okonjima ist eine Lodge mit einer Mission, mit den Einnahmen wird die AfriCat Foundation finanziert. Zwar könnte man hier auch wunderbar Zeit verbringen, ohne sich für Leoparden zu interessieren. Doch es fällt schwer, ihrer Faszination nicht zu verfallen. Und spätestens, wenn man auf den alten Fotos im Informationszentrum der Stiftung einen Mann sieht, der einem Hatari-Film entsprungen sein könnte und mit einem Leoparden schmust wie mit einer Hauskatze, wird man neugierig.

Wayne Hansen ist Gründer der AfriCat Foundation und Eigentümer von Okonjima. Der heute 54-Jährige ist hier mit seinen beiden Schwestern aufgewachsen. Schon früh hatten die Hansens ein Faible für Wildtiere. Ein Affe namens Elvis gehörte zur Familie; als Kind spielte Wayne mit Leoparden im Garten, später lebte er sogar mit einem Leoparden zusammen. Und selbst als die Raubkatze ihn nach einer längeren Urlaubsreise plötzlich angriff, hat das Waynes Liebe nicht gemindert.

Unterwegs im Okonjima Nature Reserve: Zwei Antilopen messen ihre Kräfte.

Unterwegs im Okonjima Nature Reserve: Zwei Antilopen messen ihre Kräfte.

Mit den Frauen in seinem Leben war es hingegen nicht ganz so einfach, aber das ist eine andere Geschichte. Nur so viel: Es ist bestimmt herausfordernd, mit einem Mann zusammenzuleben, der nachts am liebsten allein im Busch schläft – wenn er überhaupt zur Ruhe kommt.

Während der Ranger Craig über Waynes ungewöhnliches Leben redet, lenkt er den Jeep auf der Schotterpiste zurück zur Bush- Suite, unserem Zuhause für heute Nacht. Die Villa wird vorwiegend von Honeymoon- Paaren gebucht. Von der weitläufigen Terrasse schauen die Gäste über einen kleinen Pool auf die Savanne und auf ein beleuchtetes Wasserloch. Zwei Oryxantilopen machen in einiger Entfernung ihren Abendspaziergang, im Hintergrund zeichnet sich die Bergsilhouette ab.

Warzenschweine am Wasserloch

"Ihr könnt alles von Afrika abschütteln, aber nicht den Staub", sagt Selma, eine Kollegin von Craig, als wir mit sandigen Klamotten von unserer Tour zurückkommen.

Die Sonne geht bald unter, Selma hat das Holz auf der offenen Feuerstelle angezündet. Wir nehmen in den Campingstühlen Platz, Craig holt seine Gitarre raus und fängt an zu spielen. Wir essen, trinken Wein, sitzen lange am Feuer und können uns nicht sattsehen an den Antilopen, Warzenschweinen, Springböcken und Stachelschweinen, die zum Wasserloch kommen.

Es fällt schwer, sich von diesem Anblick loszureißen und ins Bett zu gehen. Wie oft im Leben erfahren wir solche Momente, in denen wir uns der Natur so nahe fühlen? Und zugleich ahnen, wie sehr wir uns im Alltag von ihr entfernt haben? Zum Glück haben die Schlafzimmer Zeltwände, die man hochrollen kann, um mit dem Grillen- Zirpen, dem würzigen Geruch der Savanne und einem leichten Windhauch um die Nase einzuschlafen.

+++ Lesen Sie auch: "Kolmanskop in Nambia - Eine deutsche Geisterstadt mitten in der Wüste" +++

Wissenscommunity