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"No-Go-Areas": Am sichersten ist's zuhause

Ist Berlin wirklich unsicherer als New York, Paris oder London? stern.de hat die gängigsten Reiseführer nach "No-Go-Areas" durchforstet. Und siehe da - es gibt sie fast überall.

Von Jens Maier

„Sicherheit ist eine Frage der Vorsicht“, heißt es im Kapstadt-Reiseführer „Vis-A-Vis“ trefflich formuliert. Denn wer eine fremde Stadt bereist, setzt sich unweigerlich Gefahren aus. Reiseführer haben die Aufgabe, ihre Leser vor eben diesen Gefahren zu warnen, auch wenn das Risiko am Ende noch so gering ist. Das ist in Reiseführern über Deutschland nicht anders. Trotzdem ist die Aufregung über die Warnung vor so genannten „No-Go-Areas“ in Berlins Vororten groß. „Vermeiden Sie die östlichen Vororte, wenn Sie homosexuell oder nicht-deutsch aussehen“, heißt es beispielsweise im englischen Reiseführer „Time out Berlin“. Wer sich die Mühe macht, und die Reiseführer anderer Metropolen durchforstet, wird aber bald feststellen, dass es Risiken in jeder noch so sicher geglaubten Großstadt gibt.

stern.de hat einschlägige Reiseführer zu beliebten Reisezielen der Deutschen nach so genannten „No-Go-Areas“ durchforstet (siehe rechts). Und siehe da, selbst in Wien, eine der sichersten Großstädte Europas, findet sich eine Warnung: Besucher sollen nachts den Drogenumschlagplatz Karlsplatz meiden. Ähnliches findet sich auch in London, Paris und natürlich in New York. Es gibt praktisch keinen Reiseführer der im Kapitel Sicherheit nicht vor irgendeiner Gefahr warnt.

Vom Taschendiebstahl bis zum bewaffneten Überfall

Die Qualität der Warnungen variiert allerdings stark. Während in Kapstadt bei einem „Carjacking“ schon auch mal jemand erschossen werde, wird in Rom lediglich vor trickreichen Taschendieben gewarnt. Vor allem aber in der Nacht gibt es in fast allen Großstädten Warnungen vor bestimmten Gegenden, die auch bedrohlich für Leib und Leben werden könnten. Vor „Räubern und Vergewaltigern“ wird in „schlecht beleuchteten, einsamen Gegenden, wie Seitenstraßen, Parks und unbewachten Bahnhöfen“ zum Beispiel in London gewarnt.

Die Aufregung um so genannte „No-Go-Areas“ in Berlin kann somit nur daraus resultieren, dass explizit vor fremdenfeindlichen Übergriffen gewarnt wird. Warnungen vor rassistischen Übergriffen sind in anderen Städten recht selten. Sicherheitstipps für Ausländer mit anderer Hautfarbe sucht man in den meisten Reiseführern vergebens. Lediglich Schwule und Lesben werden selbst in Metropolen vor Übergriffen gewarnt. Im religiösen Griechenland sei es für Homosexuelle beispielsweise mehr als angebracht, sich diskret zu verhalten. Aber auch außerhalb des Londoner Zentrums sollten Homo-Pärchen sich mit „Händchen halten“ etwas zurückhalten. Gewarnt wird auch vor einigen ländlichen Gegenden in den USA, wo es absolut „keine Toleranz“ gegenüber Schwulen gebe.

Absolute Sicherheit gibt es nicht

„Berlin zählt zu den sichersten und tolerantesten Städten Europas“ bestätigt der „Lonely Planet“ seinen Lesern. Nicht ohne natürlich dazu aufzurufen, die Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, die in nahezu allen Großstädten gelten. Ein gewisses Restrisiko Opfer einer Straftat zu werden besteht auf jeder Reise, in jedem Land, in jeder Stadt der Erde. Das gehört zum allgemeinen Lebensrisiko. Wer dies ausschließen möchte, muss sich zu Hause einschließen. Und selbst in der heimischen Wohnung soll schon manch einer überfallen worden sein.

New York

„New York, und vor allem Manhattan, ist heute nicht mehr wirklich gefährlicher als Berlin“, stellt der „Marco Polo“-Reiseführer fest. Gewarnt wird lediglich vor Parks nach Einbruch der Dunkelheit und unbelebten Straßen. Der Visa-A-Vis-Reiseführer warnt vor „Gegenden, in die man vor allem nachts nicht gehen sollte“. Riskant seien demnach die „Lower East Side, Chinatown, Gegenden westlich des Broadway und generell die Region nördlich der 82nd Street“. Der Financial District sei nach Büroschluss wie ausgestorben und in einigen Straßen TriBeCas und SoHos sei es nachts „durchaus riskant alleine rumzulaufen“. Der „Lonely Planet“ warnt vor allem vorm Central Park den Touristen bei Nacht „weiträumig meiden“ sollten.

London

Im „Visa-A-Vis“-Reiseführer des Verlages Dorling Kindersley heißt es: „London ist eine Großstadt und hat von daher mit vielen Problemen zu kämpfen.“ Gewarnt wird vor allem vor der Gefahr von „terroristischen Anschlägen“. „Bombenalarm“ gebe es zwar immer wieder, trotzdem dürfe man ihn nicht „auf die leichte Schulter nehmen“. Geringer wird hingegen die Gefahr eingeschätzt Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. „Selbst in heruntergekommenen und weniger feinen Gegenden ist das Risiko, einem Taschendieb oder Handtaschenräuber zum Opfer zu fallen, nicht sehr hoch“, schreiben die Redakteure. Gleichzeitig wird aber vor „Räubern und Vergewaltigern“ gewarnt, die „schlecht beleuchtete, einsame Gegenden, wie Seitenstraßen, Parks und unbewachte Bahnhöfe“ bevorzugten. Die deutsche Ausgabe des „Lonely Planet“ warnt Frauen vor „gelegentlichen Pfiffen und unerwünschtem Körperkontakt in der U-Bahn“. Außerdem werden Reisende ermahnt, die „Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, die in nahezu allen Großstädten gelten“. Eine Warnung vor bestimmten Gebieten oder Regionen wird aber in keinem der beiden Führer ausgesprochen. Eine Warnung an Ausländer mit anderer Hautfarbe sucht man vergebens. Lediglich Schwule und Lesben sollten sich außerhalb des Londoner Zentrums mit „Händchen halten“ etwas zurückhalten.

Paris

In Paris seien „Überfalle ein kleineres Probleme als in anderen großen Städten“ bescheinigt die englische Ausgabe des Reiseführers „Eyewitness Top 10 Paris“ der französischen Hauptstadt. Gewarnt wird trotzdem vor unbelebten Straßen am Abend. Meiden solle man vor allem lange Unterführungen zwischen Metro-Stationen in der Nacht, besonders an den Stationen „Les Halles“ und St. Lazare. Die englische Ausgabe des „Lonely Planet“ warnt vor dem Betreten gleich mehrerer U-Bahn-Stationen in der Nacht: „Les Halles“, „Chateu Rouge“, „Gare du Nord“, „Strasbourg St-Denis“, „Reamur Sebastopol“ und „Montparnasse Bienvenue“. Taschendiebstähle seien darüber hinaus ein Problem überall dort, wo große Menschenansammlungen zu finden seien.

Wien

In der österreichischen Hauptstadt rechnen Touristen im Allgemeinen kaum mit Gefahren - zu Recht. Im Vergleich zu anderen Großstädten ist Wien sehr sicher. Trotzdem warnt der „Visa-A-Vis“-Reiseführer Besucher seine Leser vor dem Karlsplatz. Er sei „vor allem nacht, wenn Dealer und Kunden sich hier treffen, eher unsicher und unangenehm“. Außerdem seien die Fahrgäste in den letzten Zügen der U-Bahn „manchmal etwas laut“. „Vorsichtig“ solle man weiterhin nachts im Prater sein. Er sei „bekannt für Taschendiebe“, zuweilen gebe es Raufereien.

Kapstadt

„Sicherheit ist eine Frage der Vorsicht“ formuliert der „Vis-A-Vis“-Reiseführer treffsicher und beschreibt damit die Situation in Südafrika, wo 2010 die nächste Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. In Kapstadt seien vor allem die „Townships“ gefährlich und man solle sie nur in Gruppen besuchen. Der „Lonely Planet“ bestätigt, dass „Paranoia“ unangebracht sei, Besucher aber eine gesunde Vorsicht walten lassen sollen. Dies sei vor allem am „Sea Point“ und „ruhigen Gegenden im Stadtzentrum“ angebracht, zum Beispiel dem „Company’s Garden“. Nachts wird von Spaziergängen am Strand und an der „Waterfront“ abgeraten, und auch am Tage sei ein wachsames Auge geboten. Vor allem aber sei „Carjacking“ ein Problem. „Leute seien erschossen worden, um deren Auto zu klauen“, lautet die drastische Warnung. Deshalb sollte man Türen und Fenster stets geschlossen halten und solle sich nicht davon abhalten lassen bei Gefahr auch mal bei Rot über die Ampel zu fahren. „Vorsicht ist vor allem im Malaienviertel geboten, und dort besonders in der Nacht“, warnt „Iwanowski’s Reiseführer“. Auch die Innenstadt solle man vorsichtshalber in der Nacht nicht alleine durchwandern.

Miami

Der Polyglott Reiseführer warnt in Miami vor allem vor dem Gebiet rund um den Flughafen. Das reicht soweit, dass Touristen ihren Flug so legen sollen, „dass sie nicht nachts ankommen“. „Miami hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in den USA“ warnt auch der „Vis-A-Vis“-Reiseführer, auch wenn Touristen selten „Opfer“ seien. „In manche Viertel sollten Sie keinesfalls ihren Fuß setzen“, wird näher ausgeführt: Liberty City und Overtown, die beide zwischen dem Flughafen und Downtown liegen. Der „Lonely Planet“ warnt vor „Liberty City“ und „Little Haiti“, auch der „Biscyne Blvd“ sei nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr sicher.

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