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Ärgernis Flugzeitenänderung: Airlines verschaukeln Passagiere

In diesem Sommer ändern Ferienflieger besonders häufig die Abflugtermine. Urlaubspläne werden so auf den Kopf gestellt. Gegen diese Unsitte gehen die Verbraucherzentralen gerichtlich vor - mit Erfolg.

Von Till Bartels

Die Ferien auf Kreta enden für Familie Brodersen mit einer Hiobsbotschaft. Zwei Tage vor der Rückreise nach Hamburg finden Sie eine Mitteilung ihres Reiseveranstalters im Hotelzimmer vor, dass ihre Pauschalreise früher endet. Statt abends sollen sie bereits am frühen Morgen die Koffer gepackt haben und mit dem Charterflieger ihre Heimreise antreten. Allerdings nur bis Hannover. Von dort geht es weiter mit dem Bus nach Hamburg.

Kurzfristige Flugplanänderungen gehören immer wieder zu den Ärgernissen bei Pauschalreisen. Veranstalter rechnen stets mit der Flexibilität ihrer Kunden: In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die in den Reisebestätigungen versteckt sind und kaum von einem Kunden durchgelesen werden, findet sich im Kleingedruckten der Hinweis: "Änderungen vorbehalten" oder "die Informationen durch Reisebüros sind unverbindlich". Doch in diesem Jahr sind besonders viele Urlauber von Flugzeitenänderungen der Charter-Airlines betroffen. Was der Hamburger Familie in Griechenland widerfuhr, ist kein Einzelfall.

Urlaubsplanungen platzen

"So schlimm war es noch nie", sagt Uli Mühlberger. Der Geschäftsführer von Vamos Eltern-Kind-Reisen in Hannover berichtet, dass in der Saison 2012 mehr als jeder zweite Flug seiner Kunden betroffen ist. Nicht nur Passagiere leiden unter den Terminverschiebungen der Airlines, sondern auch die Reisebüros und kleinere Veranstalter. Sie bekommen einfach per E-Mail die neuen Flugzeiten mitgeteilt und müssen daraufhin die Reisenden informieren, dass sich ihr Urlaub nicht nur um wenige Stunden, sondern teilweise um Tage verschiebt. Da zerplatzen lang gehegte Urlaubsträume: "Wir hören Tränen am Telefon", so Mühlberger.

Denn an den Reisen hängt oft noch eine Leihwagenbuchung. Und mitten in der Hochsaison lässt sich nur schwer ein zusätzliches Hotelzimmer organisieren, wenn sich die Rückreise nach hinten verschiebt. Zeitweilig muss Vamos zwei Mitarbeiter abstellen, die sich ausschließlich um die zeitaufwendigen Umbuchungen kümmern. In einigen Fällen ist es mit einer Umbuchung nicht getan: Dieselben Passagiere werden von den Airlines bis zu dreimal umgebucht, bevor sie ihre Reise antreten.

Auch bei Wikinger Reisen ist das Thema ein Ärgernis. "Die Änderungen sind teilweise nicht nachvollziehbar", sagt eine Pressesprecherin und nennt als Beispiel einen Air-Berlin-Flug von Köln nach Calvi auf Korsika, der "bei jedem unserer Termine zwischen zwei und vier Mal verschoben wurde".

Vor allem Ferienflüge sind betroffen

Eine deutliche Zunahme von Flugzeitenverschiebungen stellt auch die Flugabteilung von Travel-to-Nature fest. "Die meisten Zeitenänderungen haben wir mit Iberia", heißt es Anfrage von stern.de. Unterm Strich sind von den Änderungen besonders die Passagiere von Charterflügen zu Zielen rund ums Mittelmeer betroffen - egal ob der Ferienflieger Tuifly, Air Berlin oder Condor heißt.

Zu den häufigen Flugzeitenänderungen wollte sich Air Berlin nicht konkret äußern. "Da wir uns noch mitten im Sommerflugplan befinden, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keinen Vergleich zum Vorjahr ziehen", so eine Sprecherin. Doch die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft räumt ein, dass es aufgrund der nicht pünktlichen Fertigstellung des neuen Berliner Flughafens im Flugplan zu Änderungen kam.

Die Gründe für allgemeine Flugzeitenänderung sind unterschiedlicher Natur. In einigen Fällen disponiert die Flugsicherung lang geplante Startzeiten um. Nach Angaben der Airlines können auch Technikprobleme an Maschinen oder der Wechsel auf einen anderen Flugzeugtyp die Ursache für kurzfristige Änderungen sein. "Ein weiterer Grund sind auch schlechte Buchungszahlen", sagt Thorsten Hardtmann vom Flugbuchungsportal Flugladen.de. Es sei ein offenes Geheimnis in der Branche, dass Airlines aus wirtschaftlichen Gründen bei zu wenig Buchungen Flüge zusammengelegen oder streichen. "Die Airlines werden gnadenlos auf Effizienz getrimmt", sagt auch Mühlberger. Das geht zu Lasten der Passagiere, die dann Umwege, Zwischenstopps oder längere Busfahrten in Kauf nehmen müssen. So kann aus einem bequemen Nonstop-Flug nach Teneriffa eine komplizierte Umsteigeverbindung via Madrid werden.

Frühbucher sind die Dummen

Auf die Flugzeitenangaben der Reiseveranstalter im Katalog oder auf der Website ist nicht immer Verlass. Gerade wer eine Verbindung ein halbes Jahr im Voraus bucht, muss mit Änderungen rechnen, sogar bei Linienflügen. So hatte zum Beispiel Silvia Poll einen Flug mit ihrem Kind zu einem teuren Tarif von Hamburg nach Barcelona für den Spätnachmittag des letzten Schultages gebucht. Doch kurzfristig wurde der Abflug um über acht Stunden in die frühen Morgenstunden vorverlegt - eine Zumutung, zumal die Schule auf eine Genehmigung für die Befreiung der Kinder vom Unterricht beharrte.

Gegen die willkürliche Praxis der Flugzeitenänderung gehen jetzt die Verbraucherschützer per Gerichtsverfahren vor. Flugverschiebungen seien nur in engen Grenzen zulässig. Denn die pauschalen Änderungsvorbehalte widersprechen der EU-Rechtsprechung, sagt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), der gegen Alltours und Schauinsland-Reisen Klage eingereicht hat - mit Erfolg.

Voraussichtliche Reisezeiten sind verbindlich

Beide Veranstalter kassierten vor Gericht eine Niederlage. Klauseln wie "Änderung von Flugzeiten, Streckenführung und Zwischenlandungen vorbehalten" sind unzulässig, entschieden die Landgerichte in Düsseldorf und Hannover. Solche Formulierungen benachteiligen die Kunden und seien irreführend, so die Richter. Inzwischen wurden 15 Reiseveranstalter und Airlines abgemahnt. Darunter ist auch der Marktführer Tui, der im Frühjahr einem Verfahren der VZBV unterlag, doch Berufung eingelegt hat. Für den Rechtsanwalt Paul Degott ist der Gang durch die höheren Instanzen bis zum Bundesgerichtshof nur "ein Versuch der Veranstalter, Zeit zu gewinnen", sagt der auf Reiserecht spezialisierte Anwalt im Tourismus-Fachblatt "FVW".

"Verbraucher benötigen Verlässlichkeit, gerade bei Reisen und im Urlaub", fordert VZBV-Vorstand Gerd Billen. Wenn erst lange nach der Buchung in den Reiseunterlagen Nachtflüge angekündigt oder durch einen späteren Flug Urlaubszeit verloren geht, handelt es sich um eine starke Beeinträchtigung. Wären die geänderten Zeiten früher bekannt gewesen, hätte mancher womöglich eine Reise gar nicht gebucht. Sollten die Urteile rechtskräftig werden, können Reisende im Falle einer Flugzeitenänderung bald ihren Reisepreis mindern, zukünftig Schadensersatz verlangen oder von der Reise zurücktreten.

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