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Flugausfälle Tuifly und Air Berlin: Tuifly wimmelt Kunden ab - so kriegen Sie aber doch Ihre Entschädigung

Kunden von Tuifly mussten in den letzten Tagen doppelt leiden: Die meisten Flüge fielen aus. Dann verkündete der Ferienflieger, dass Fluggäste kein Anrecht auf Flugentschädigung haben. Experten für Passagierrechte sehen das anders.

Tuifly - Flüge gestrichen

Die Crews meldeten sich krank: Flugzeuge von Tuifly und Air Berlin blieben Anfang Oktober an Boden, wie hier am Flughafen in Hannover.

Tausende Passagiere blieben stehen und sind die Leidtragenden: Am Freitag strich 108 Flüge, am Samstag 118 Verbindungen. Auch Kunden von Air Berlin waren von den massiven Flugausfällen betroffen. Denn ein Drittel der Tuifly-Flotte ist für die zweitgrößte Airline Deutschlands unterwegs.

Wegen fehlender Crews, die sich kurzfristig krank gemeldet hatten, blieben die Jets des weitgehend am Boden - und das gerade zu Beginn der Herbstferien in fünf deutschen Bundesländern. Zwar gelang es beiden Gesellschaften mit zusätzlich angemieteten Flugzeugen und Besatzungen einige Flüge durchzuführen, dennoch erreichten die meisten Passagiere nicht wie geplant ihr Reiseziel. Es kam zu tage- und stundenlangen Verspätungen.

Laut der EU-Fluggastrechteverordnung stehen Passagieren bei der Annullierung oder der Verspätung eines Fluges ab zwei bis vier Stunden zwischen 250 und 600 Euro je nach Flugdistanz zu. Doch diese Ausgleichzahlung entfällt, wenn es sich um höhere Gewalt handelt oder "außergewöhnliche Umstände" vorliegen. Darunter fallen zum Beispiel temporäre Sperrungen des Luftraums, die Beschädigung einer Maschine durch Vogelschlag, Streiks oder unnormale Wetterbedingungen - nicht jedoch ein plötzlich auftretender technischer Defekt.

Interne Probleme sind keine höhere Gewalt

Noch während viele Urlauber an Flughäfen letzte Woche festhängen, teilte Tuifly der Presse mit, dass betroffene Passagiere kein Anrecht auf hätten. "Entschädigungs- beziehungsweise Schadensersatzansprüche der Kunden entstehen daraus nicht", hieß es. "Die massenhaften und äußerst kurzfristigen Krankmeldungen sind ein außergewöhnlicher und nicht vermeidbarer Umstand im Sinne von höherer Gewalt."

"Das ist nicht korrekt," sagt dagegen Konstantin Loebner, Geschäftsführer des Start-up-Unternehmens Wirkaufendeinenflug.de. " und Tuifly haben ihre Mitarbeiter scheinbar schlecht behandelt, weswegen eine Konsequenz absehbar war." Ähnlich sehen die Rechtslage auch andere Fluggastportale, die gegen eine prozentuale Beteiligung von bis zu 40 Prozent die Entschädigungen eintreiben.

"Nach außen hin hat es Tuifly aber erst mal mit individuellen Krankmeldungen zu tun. Und nicht mit einem Arbeitskampf. Gewerkschaftsvertreter haben ja auch bereits erklärt, dass sie so eine subversive Form des Arbeitskampfes nicht unterstützen", teilt compensation2go.com mit. "Tuifly macht es sich also etwas zu leicht, wenn die Krankmeldungen pauschal mit einem Streik gleichgesetzt werden und deshalb nicht gezahlt wird."

Zu demselben Urteil kommt auch der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover: "Interne Probleme wie bei Tuifly und Air Berlin sind keine außergewöhnlichen Umstände oder höhere Gewalt."

Kompensationszahlungen von 10 Millionen Euro

Nach Angaben der beiden Fluggesellschaften hat sich die Lage seit Sonntag entspannt. "Wir starten mit allen geplanten Flügen", sagte ein Tuifly-Sprecher. "Vereinzelt kann es noch zu Verzögerungen kommen. Die Zahl der Krankmeldungen gehe weiter zurück. Inzwischen wittern Verbraucherportale ein großes Geschäft durch die Flugausfälle und Verspätungen bei Tuifly und Air Berlin, die in den letzten Tagen entstanden sind. Schätzungen gehen davon aus, dass Passagiere ein Recht auf Kompensationszahlungen von insgesamt 10 Millionen Euro haben.

“Die Ausfälle bei den Airlines sind selbst verschuldet. Mit ihrer Kommunikationspolitik haben sie ihre Mitarbeiter offenbar so verschreckt, dass die jetzt nicht zur Arbeit erscheinen", sagte Markus Tressel, grüner Bundestagsabgeordneter und tourismuspolitischer Sprecher der Grünen. "Ich kann den Betroffenen nur raten, ihr Recht geltend zu machen. Dazu gehören Betreuungs- und auch finanzielle Ausgleichsleistungen der Airlines", so Tressel.

Noch ist die Rechtslage nicht eindeutig geklärt, da Gerichte bisher über keinen vergleichbaren Fall entschieden haben. Den geschädigten Kunden bleibt daher nur der mühselige Rechtsweg, den aber Fluggastportale beschreiten werden. Bei der Durchsetzung von Ansprüchen versuchen Fluglinien immer wieder ihre Kunden abzuwimmeln. Insbesondere Billigflieger zahlen erst nach Druck von Anwälten.

Einen herben Rückschlag für den Verbraucherschutz müssen Kunden von Ryanair kürzlich hinnehmen. Die Iren haben ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen unter Ziffer 15.4 ein "Abtretungsverbot" aufgenommen: "Die Abtretung von Ausgleichs,- Schadensersatz- und Rückerstattungsansprüchen gegen uns ist ausschließlich an natürliche Personen zulässig". Mit anderen Worten: Ryanair zahlt nicht, wenn betroffene Fluggäste ihre Rechte an Fluggastportale abgetreten haben.


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