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Helge Timmerberg: "Die Exotik liegt immer woanders"

Der Abenteurer, Journalist und Reiseschriftsteller Helge Timmerberg über Deutschland und die Welt. Ein Interview über den Sinn des Reisens.

Berlin-Schöneberg, in der Bar "Reza" am Nollendorfplatz: Helge Timmerberg trägt Khaki, trinkt Kaffee und raucht. Hier hatte der Globetrotter pünktlich am letzten Tag seiner Tour "In 80 Tagen um die Welt" seinen "Rucksack vor den Tresen geworfen". Die Wette war gewonnen.

Doch anders als bei Phileas Fogg in Jules Vernes Original ging es bei Timmerbergs Reisegeschichte nicht um Tempo, sondern um Verzögerung: "Ich habe es tatsächlich geschafft, nicht früher zurückzukommen."

Herr Timmerberg, in Ihrem letzten Buch schneidet die 15. Stadt ihrer Welttour, nämlich Berlin, von der sie aus auch gestartet sind, am besten ab. Da hätten Sie ja auch gleich hier bleiben können. Warum reisen Menschen überhaupt?

Man will etwas verlassen und woanders ankommen. Das Versprechen eines Fliegers ist doch, jemanden innerhalb von acht Stunden in ein komplett anderes Leben zu bringen. Wie bei Aladins Wunderlampe: Hier regnet es, alles erscheint trüb, und dort, wo man aussteigt, scheint die Sonne und lachen die Leute. Ulkig ist dann natürlich, wenn man in einem Reisebüro in Kalkutta auf Plakate vom traumhaften Schwarzwald trifft. Die Exotik liegt immer woanders.

Und für Sie selbst?

Heute finde ich Bad Salzuflen exotisch; da war ich vor Kurzem wegen eines Bandscheibenvorfalls. Palmen machen mich längst nicht mehr so an wie früher. Aber bei schönem Wetter an der Hamburger Alster, da freue ich mich genauso wie am Südchinesischen Meer.

Sie entdecken die deutsche Heimat?

Früher fand ich es überall besser als hier. Jetzt dreht sich das plötzlich. Deutschland hat sich ja auch sehr verändert: Als ich vor 40 Jahren nach Indien trampte, galt hierzulande jeder, der lange Haare trug, LSD nahm und dazu noch Vegetarier war, als totaler Spinner. Jeder Busfahrer hielt mich für einen Kriminellen. Alles war grau und unheimlich engstirnig. Damals war für uns Hippies Indien die spirituelle Heimat.

Und heute? Von Ihrer früheren Indien-Begeisterung spürt man in Ihren Texten nicht mehr sehr viel. Während in Berlin der Vordere, Hintere und Mittlere Osten ohne Schleier frei flanieren.

Stimmt, es gefällt mir sehr in Berlin. Der Rhythmus auf den Straßen, wie die Leute hier gehen, swingen. Das genaue Gegenteil von einst. In Berlin herrscht ein kosmopolitisches Leben auf einer toleranteren Basis als anderswo. Früher war alles Fremde schlecht. Heute wollen Deutsche tanzen wie die Kubaner. Deutschland ist verglichen mit den meisten anderen Ländern sehr tolerant geworden, neugierig und offen. Um in Bangkok eine Bar zu eröffnen, braucht man Strohmänner oder muss eine Thai heiraten. Hier kann jeder ein Restaurant aufmachen, aber auch über alles reden: mehr er selbst sein. Als Schwuler zum Beispiel - auf Kuba wirst du dafür geschlagen, in Indien verlacht.

Wie sehr hat sich Ihr Verhältnis zum Reisen geändert?

Früher habe ich geschrieben, um meine Reisen zu finanzieren. Heute reise ich, um zu schreiben.

Trampen Sie noch?

Ich bin viel getrampt. Heute fliege ich oder fahre mit dem Zug. Das ist entspannter, ich genieße die Ruhe dabei. Für Che Guevara war Trampen noch eine revolutionäre Disziplin. Aber die Zeiten ändern sich. Trotzdem reise ich viel mit Rucksack - auch auf meiner 80-tägigen Weltreise.

Hat sich auch die Szene der Rucksackreisenden verändert?

Als ich damit anfing, war es ein echtes Abenteuer. Es gab keinen "Lonely Planet" als Reiseführer, nur gewisse bekannte Routen. Zum Beispiel Jugoslawien, Griechenland, Türkei, Afghanistan. Entlang dieser Treks tauschte man dann Insider-Tipps aus. Wir erkannten uns ja - wie die Urchristen - an den langen Haaren.

Ich brauchte damals mit meiner Wandergitarre drei Monate vom Kamener Kreuz nach Kathmandu. Danach war ich ein anderer. Welcher Backpacker macht so etwas noch? Heute bucht man im Voraus und fliegt für 300 Euro nach Bangkok und zurück. Inzwischen sind die meisten Backpacker Reisende wie andere auch, haben kaum noch Chancen, unterwegs zu wachsen.

Wie denken denn Einheimische über die Individualreisenden?

Dem lokalen Landarbeiter erscheint jegliches Reisen als Luxus, der kommt doch höchstens mal in die nächstgelegene Stadt. Dem gehen die Backpacker mit ihrem ewigen "live like the locals" auf die Nerven: Abzocker, Parasiten, die nie Trinkgeld geben, aber gerne mit der Gastfreundschaft der Einheimischen rechnen.

Sind Backpacker nicht gerade die Wegbereiter für den Massentourismus?

Stimmt, die bildeten immer die Vorhut, und daran hat sich auch wenig geändert: Ein nicht endender Run auf noch unentdeckte Ziele. Was heute noch abgelegen und daher cool klingt, gilt morgen schon als Mainstream. Thailand etwa ist längst out - da erntet man von Insidern doch nur noch müdes Lächeln. Angesagt sind Kambodscha, Laos, Vietnam.

Ihr nächstes Reiseziel?

Nordkorea.

Und wohin sollen unsere Leser reisen, zum Beispiel für ein Wochenende?

Spontan: Istanbul. Eine Stadt, die wirklich brummt. Obergeiles Nachtleben. Rock 'n' Roll live. Und dann das Gefühl, mit der Fähre von Insel zu Insel zu fahren.

Und wo in Istanbul übernachten?

Ganz klar: Grand Hotel de Londres. In einem der oberen Zimmer, unrenoviert und mit Blick zum Goldenen Horn. Ich liebe alte Hotels mit großen Räumen. Obwohl, also die sehr alten Zimmer, von 1870, die haben auch noch die Original-Matratzen... das wäre jetzt nichts mehr für mich. Andererseits: Wenn Betten reden könnten - was da alles los war. Hemingway ... Und die Bar im Londres ist immer voller interessanter Leute.

Interview: Roland Brockmann

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