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Tarifstreit bei Lufthansa: Piloten streiken für Privilegien

Beim Lufthansa-Streik geht es nicht um mehr Geld. Es geht um Macht und Mitspracherechte der Piloten - und um die Zukunft einer Zunft.

Von Till Bartels

Tobias Berger hat schon viele Flugzeugtypen geflogen. Erst eine kleine Cessna, später den Learjet. Im Alter von 15 Jahren ist er auf die große Boeing 777 umgestiegen. Allerdings nur am PC. "Ich wollte immer schon fliegen und kenne alle Versionen des Microsoft-Flugsimulators", sagt der heute 21-Jährige. Sein Berufswunsch stand schon in der 11. Klasse fest: Verkehrspilot. Als Schüler verbrachte er zwei Sommerferien auf Segelflugplätzen. So hatte er noch vor der Führerscheinprüfung den Segelflugschein in der Tasche.

Pilot ist für mich der Traumberuf

Jetzt lernt Berger an der Bremer Verkehrsfliegerschule, büffelt in den ersten Monaten nur Theorie, ehe in Arizona der praktische Teil folgt. In Phoenix darf er endlich ins Cockpit klettern und zusammen mit einem Fluglehrer abheben. Schon jetzt gibt sich der junge Mann mit dem Bürstenhaarschnitt selbstbewusst. Er gehört einer Elite an: Nur ungefähr 200 Pilotenanwärter von knapp 10.000 Flugbegeisterten, die sich jedes Jahr bei Lufthansa Flight Training bewerben, überstehen den mehrtägigen Eignungstest. Bei der Grunduntersuchung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg werden technisches Fachwissen, gute Raumorientierung, schnelle Merkfähigkeit, Psychomotorik und die soziale Kompetenz abgefragt, ehe es zum Simulator-Screening geht.

"Pilot ist für mich der Traumberuf", sagt Berger. An seinem zukünftigen Job reizt ihn, an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zu sitzen und das Steuerruder in der Hand zu haben. "Jeder Flug ist anders, nie werde ich mit derselben Crew unterwegs sein." Nach der zweijährigen Ausbildung lockt ein Anfangsgehalt von 60.000 Euro. Studiengebühren fallen nicht an, nur die spätere Rückzahlung des Eigenanteils von 60.000 Euro an den Ausbildungskosten, die ein Mehrfaches betragen. Wer mit viel Flugerfahrung im Cockpit sitzt, verdient mit 660 Flugstunden bei der Lufthansa inklusive Zuschlägen bis zu 250.000 Euro pro Jahr. Im Vergleich zu anderen Fluggesellschaften ein Topgehalt. Noch. Denn für ungefähr dasselbe Gehalt fliegen Piloten bei Air Berlin 90 Stunden mehr im Jahr. Beim Billigflieger Easyjet sind Piloten 800 Flugstunden pro Jahr im Einsatz, allerdings bei einem Bruttogehalt zwischen 45.000 und 113.000 Euro.

Warum gestreikt wird

Den 4500 Lufthansa-Piloten geht es bei ihrem Streik weniger um höhere Bezahlung. Sie möchten ihre gut bezahlten Arbeitsplätze im Lufthansa-Konzern retten, weil es zwei Streitpunkte gibt. Nach Darstellung der Vereinigung Cockpit werden erstens ihre Jobs zu kostengünstigeren Tochterfirmen des Konzerns verlagert. Nach einem 1992 abgeschlossenen Vertrag, einer Zeit als die Piloten Gehaltsabstriche zugunsten der finanziell stark angeschlagenen Lufthansa machten, müssen Piloten von Auslandstöchtern, die unter dem Kranich-Logo fliegen, nach dem Konzerntarif entlohnt werden. Der zweite Streitpunkt betrifft die Flugzeuggröße. Das Abkommen besagt, dass kein Lufthansa-Flugzeug mit mehr als 70 Sitzen bei Tochtergesellschaften fliegen darf. Flüge mit dem Kranich-Logo am Leitwerk dürfen demnach nur von den eigenen Leuten durchgeführt werden. Für Cityline und andere Tochterfirmen sind längst Regionaljets vom Typ Canadair mit 86 und Embraer mit 116 Sitzplätzen im Einsatz.

Die 2009 gegründete Lufthansa Italia wird jetzt zum Präzedenzfall. Noch fliegen die in Mailand stationierten Airbus A319 mit deutschen Piloten nur Ziele in Europa und keine Flughäfen in der Bundesrepublik an. Denkbar wäre aber das Szenario, günstigere Crews für diese Maschinen einzustellen und damit die Flüge zwischen Mailand und Deutschland von Lufthansa Italia durchführen zu lassen - zu deutlich geringeren Kosten. Mit ihrem Streik fordern die Lufthansa-Piloten einen vertraglichen Schutz vor einer Verlagerung von Flügen ins Ausland und zu Tochterfirmen.

Mitten in der Branchenkrise

Lufthansa hält den 18 Jahre alten Vertrag für überholt, fordert flexiblere Tarifmodelle von den Piloten und argumentiert, dass ein deutscher Tarifvertrag in Italien gar nicht wirksam sei. Die inzwischen größte Airline Europas kämpft mit ganz anderen Problemen: leere Sitze, sinkende Erlöse und eine starke Konkurrenz auf innerdeutschen Flügen durch Air Berlin, weiteren Billigfliegern in Europa und arabischen Airlines auf den Routen nach Asien. Statt kontinuierlichem Wachstum mussten Jets stillgelegt werden. Auch ist Lufthansa längst mehr als eine Fluggesellschaft. Unter dem Dach des Aviation-Konzerns gehören inzwischen über 400 Tochterunternehmen und Beteiligungsgesellschaften. Neben Lufthansa Regional und Lufthansa Italia sind das auch die Fluggesellschaften Austrian Airlines, British Midland (bmi), Swiss, Germanwings und Beteiligungen an Brussels Airlines, JetBlue in den USA und SunExpress in der Türkei. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, wurde das Projekt "Climb 2011" beschlossen. Dadurch sollen bei der Airline eine Milliarde Euro eingespart werden.

Dieses Kostensenkungsprogramm macht auch vor den Piloten nicht halt. Was in anderen Branchen längst Praxis ist, hat nun die Manager über den Wolken erreicht. Viele ihrer Business-Kunden an Bord kennen die Zwänge: das schleichende Outsource-Syndrom. Damit sehen sich jetzt die Piloten als Besserverdienende konfrontiert. Wenn in der Wirtschaftskrise kein Wachstum möglich ist, muss an der Effizienzschraube gedreht werden. Am Boden hat Lufthansa vorgesorgt und sich an der Leiharbeitsfirma Aviation Power beteiligt. Darüber redet keiner.

"Ich kann den Streik der Piloten verstehen", sagt der Pilotenanwärter Berger. Über die Heftigkeit des Arbeitskampfes mit gleich vier Streiktagen ist er verwundert. Er befürchtet, dass es bald Piloten zweiter Klasse gibt. Eine Einigung ist nach Streikbeginn nicht in Sicht. Welten prallen aufeinander. Sollte es am Ende des Streiks keine weiteren Gespräche geben, seien neue Streiks denkbar. "Wir können das im Wochenrhythmus wiederholen", sagte Alexander Gerhard-Madjidi von der Pilotenvereinigung Cockpit am Montag. Es geht um den Nimbus eines Berufstandes. Auch Stewardess war einmal ein Traumberuf. Gehalt und Ansehen sind rapide gesunken. Seitdem existiert ein verächtlicher Begriff für Flugbegleiter: Saftschubse. Das Wort steht jetzt im Duden.

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