Texas Wo der Westen noch Wild ist


Reiter, Rodeos und rauchende Colts: In den Stockyards von Fort Worth in Texas, einst zweitgrößter Viehmarkt der USA, bleibt die Zeit der Cowboys lebendig.

Nachts, wenn in den umliegenden Tanzclubs das Gepolter der Stiefel verhallt ist, wenn kein Licht mehr brennt in den niedrigen Backsteinhäusern, immer dann melden sich die Geister. "Die Toten kommen zurück", sagt Dawn. Um wen genau es sich handelt, kann die aparte Frau mit der rauen Stimme nicht sagen. Erkennen konnte sie bislang nur die Seelen einer Mutter mit Kind in Zimmer 7, die wiederum häufiger Besuch bekommt von einem Cowboy aus Zimmer 8. Und dann sind da noch die Gespenster der zahlreichen "Sporting Girls"; Dawns liebevolle Umschreibung für Prostituierte. Spinnerei? Den Sattel in Zimmer 3, zur Dekoration drapiert auf einem Schemel, fand sie jedenfalls neulich wieder in eine andere Richtung gerückt.

Dawn Street, blondes Haar, weißer Hut, Jeans, Stiefel mit Sporen, betreibt "Miss Molly's", ein Bed & Breakfast in den Stockyards von Fort Worth, Texas, dem alten Viehhandelsviertel. Man betritt das Hotel neben einem Porträt von John Wayne, Öl auf Sperrholz, und landet in einer vergangenen Epoche.Wenig hat sich verändert in dem Etablissement, das 1910 eröffnet wurde, erst eine Pension war und später ein Bordell. Alte Möbel, Patchworkdecken, in der Lobby im ersten Stock fällt Licht durch ein Dachfenster aus buntem, in Zinn gefasstem Glas. Als Dawn vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal an dem Haus vorbeikam, fühlte sie: "Hier zu leben ist mein Schicksal."Ein paar hundert Meter die Exchange Avenue hinab steht Ann Bastable, die Direktorin der Texas Cowboy Hall of Fame, zwischen Planwagen und Kutschen aus zwei Jahrhunderten und sagt: "Die Stockyards sind voller wunderbarer Exzentriker." Draußen wird ein Dutzend Longhorn-Rinder über die mit Ziegelsteinen gepflasterte Straße getrieben. Die Cowboys zu Pferd tragen Originalkleidung aus dem 19. Jahrhundert.Schon versteht man, warum die Tageszeitung "Fort Worth Star-Telegram" bis heute wirbt mit dem Slogan: "Wo der Westen beginnt." Der Wilde natürlich. Bastable sagt: "Wer das Amerika aus den Western sucht, der findet es hier und nicht in Dallas." Dallas mit seiner gewaltigen Skyline, nur 50 Kilometer entfernt, mag niemand hier.Der Name der Stockyards geht zurück auf das, was sie berühmt gemacht hat: Livestock, Nutztiere. Niles City, der Ort, an dem die Stockyards entstanden, lag am legendären Chisholm Trail. Auf dieser Route wurden zwischen 1867 und 1875 die Longhorns von den Weiden im Süden Texas' zur Eisenbahnstation in Abilene, Kansas, getrieben. Dawn sagt: "Die Stockyards waren die letzte Chance für Cowboys, Dampf abzulassen." Dahinter lagen 800 Kilometer indianisches Territorium. 1876 kam die Eisenbahn, später folgten die Fleischfabriken Swift und Armour. Die Stockyards wurden Amerikas zweitgrößter Umschlagplatz für Rinder und Pferde. "Nur Chicago konnte der reichsten Kleinstadt der Welt, wie Niles City genannt wurde, Paroli bieten", sagt Bastable.Zwar sind die Stockyards geschrumpft auf etwa ein Viertel ihrer Größe - um 1900 umfassten sie noch 50 Häuserblocks -, doch ihr Flair haben sie bewahrt. In ihrem Zentrum liegen das Cowtown Coliseum, erbaut 1908 in nur 88 Tagen und Schauplatz des ersten überdachten Rodeos, sowie das Livestock Exchange Building, erbaut 1903, in dem täglich Auktionen stattfanden für fast alles, was vier Beine hat. Aus den Stallungen für Schweine und Schafe ist inzwischen die Stockyard Station geworden mit Restaurants und Shops. Und einmal im Jahr wird geschossen wie früher, wenn vor dem White Elephant Saloon das Duell zwischen Marshall Jim "Long Hair" Courtwright und dem berüchtigen Zocker Luke Short nachgestellt wird.

"Ich hätte liebend gern vor 100 Jahren gelebt", sagt Red Steagall, "ich habe alles über die große Zeit der Cowboys gelesen, ich kann mich in sie hineinversetzen." Steagall ist ein bärtiger älterer Herr mit flauschig behaarten Händen und treuherzigem Blick. 1991 kürte ihn der Kongress des Bundesstaates zum offiziellen Cowboy-Poeten Texas'. Anerkennung für seine Verdienste um das kulturelle Erbe des berittenen Kuhhirten.Wer Steagall auf seiner Hondo Canyon Ranch besucht, eine halbe Autostunde entfernt, der bekommt einen langen Vortrag geboten über das erbarmungslose Leben der Cowboys, ihre Werte und Ideale. Vehement korrigiert Steagall dabei das Image, das Hollywood von ihnen schuf. "Es waren keineswegs gesetz- und respektlose Männer, sondern Kids von 13 bis 19 Jahren, sie waren selten bewaffnet und bitterarm." Aber stolz seien Cowboys gewesen: "Sie verkörperten Individualismus, Freiheit und Unabhängigkeit." So liefern die Stockyards die passende Kulisse für Steagalls Lieder und Lyrik. Jeden Oktober veranstaltet er dort sein Cowboy Gathering & Western Swing Festival, ein dreitägiges Spektakel mit Planwagen, Konzerten, Kochwettbewerben und Kirmes. 2003 kamen 40 000 Menschen.In Texas, heisst es, ist alles größer. Das beschränkt sich nicht nur auf Eigensinn, Steaks und Gürtelschnallen. Auch die Liebe zur Tradition kommt hier im XL-Format. Nur so lässt es sich erklären, dass es die Stockyards überhaupt noch gibt. Nachdem der Transport von Fleisch sich auf die Straße verlagerte, die Eisenbahn ihre Bedeutung einbüßte, machten die Schlachthäuser dicht. Armour schloss 1962, Swift 1971, und die Livestock Exchange wurde nicht erst durch Auktionen via Computer überflüssig. Wenige Läden in den Stockyards hielten durch, so der exquisite Stiefel- und Sattelhersteller M.L. Leddy's, der Gemischtwarenladen Fincher's, wo man bis heute alles findet von Stacheldraht bis zum Stetson, dazu zwei, drei Steakhäuser.Die Renaissance des denkmalgeschützten Viertels begann vor etwa 15 Jahren mit massiver Unterstützung der Familie Bass. Die hat ihr Geld mit Erdöl und Investments gemacht. Sie sind die Medicis von Fort Worth und ihnen ist es auch zu verdanken, dass die Stadtmitte wieder lebendig geworden ist; dort entstanden ein schmuckes Freizeitgelände mit Bars, Boutiquen und Galerien, moderne Museen und eine Konzerthalle.7,5 Millionen Besucher kommen inzwischen jährlich und sorgen für 900 Millionen Dollar Umsatz. "Ich würde in keiner anderen Stadt leben wollen", sagt Kristin Liggett. Sie stammt aus Arizona und ist verantwortlich für die größte Touristenattraktion der Stockyards: den täglichen Cattle Drive, bei dem eine Longhorn-Herde durch die Straßen getrieben wird.Wer dort an einem Freitagabend durch das Viertel läuft, muss dem Dichter Steagall Recht geben: Sie lassen den Mythos nicht sterben. Überall Cowboyhüte, kaum einer, der nicht effektheischend auf schrägen Absätzen flaniert. Im Cowtown Coliseum beginnt das Rodeo mit dem Song "Deep in The Heart of Texas". Ein Klassiker. Anschließend gibt es Bullenreiten. Acht Sekunden Mann gegen Biest.Aus dem White Elephant Saloon dröhnt Livemusik, und selbst weibliche Teenager sprechen derart unerschrocken dem Bourbon zu, dass man ahnt, woher die Präsidententöchter Jenna und Barbara ihre Trinkgewohnheiten haben. Um die Ecke bei Billy Bob's Texas, mit 32 Bars und Platz für 6000 Besucher der weltweit größte Honky Tonk, wie sie ihre Tanzklubs nennen, hängt ein verspiegelter Sattel mit Steigbügeln von der Decke. Und auch hier sehen fast alle aus, als kämen sie direkt von der Viehweide.

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