Tibet Der fromme Wilde Westen


China wittert ein Geschäft: Der Berg Kailash, ein Heiligtum für 1,5 Milliarden Hindus und Buddhisten, soll für Touristen erschlossen werden. Der 6714 Meter hohe Berg liegt im unzugänglichen Westen von Tibet. Seine Vermarktung bedroht die letzte Bastion der alten Mönchskultur.

Die Kassierer kommen am dritten Tag. Drei kleine Maoisten in abgewetzten Klamotten und grünen Stoffturnschuhen. Statt 100 Dollar pro Nase verlangen sie 100 Euro, denn es hat sich bis Nepal herumgesprochen, dass der Euro derzeit höher steht. Das kleine Land steckt in einem Bürgerkrieg, und wir wandern mitten durch das Chaos.

Bunt gekleidete Frauen mit goldenen Nasenringen schleppen Reisigbündel, ihre Füße stecken in zerfetzten Plastikschlappen. Wir Wanderer aus dem Westen müssen ihnen vorkommen wie von einem anderen Stern, mit unseren Alu-Trinkflaschen und windabweisenden Fleece-Jacken, den digitalen Höhenmessern, den Goretex-Stiefeln und ultraleichten Schlafsäcken, in denen man auch bei minus 25 Grad nicht erfriert (und die mit 399 Euro deutlich mehr kosten, als ein nepalesischer Bauer im Jahr verdient).

Wie gut, dass wir in Kathmandu noch die Torte gegessen haben, in dem kleinen Café in der Dharma Gasse. Dort hing ein handgeschriebenes Pappschild an der Wand: "Life uncertain, eat cake now" (Leben unsicher, iss Kuchen jetzt). Wir nehmen es als Mantra mit auf die abenteuerliche Reise: Wer zu Fuß in den abgelegenen Westen von Tibet hinaufsteigen will, sollte jede Schnitte Glück genießen.

Ín alten Billigturnschuhen steigen unsere Sherpas die Berge hoch, als gingen sie am Rhein spazieren. Lachend, palavernd, manche rauchen dabei. Ihre Kiepen sind aus Eisenstäben zurechtgebogen - und mit aufgeschlitzten Gartenschläuchen umwickelt, damit sie nicht so stark in den Rücken schneiden. Die bis zu 50 Kilo schwere Last balancieren die Träger an einem durchschwitzten Band um die Stirn.

Am fünften Tag stehen wir auf dem Nara La, dem 4620 Meter hohen Pass, der Nepal von Tibet trennt. Vor uns liegt das Ziel unserer Träume, Tibet. In den Lofts westlicher Metropolen wird die Heimat des Dalai Lama gern als Hort mystischer Weisheit verklärt, wird alle Sehnsucht nach einer besseren Welt in das unzugängliche Shangri-La hineingeheimnisst. So nah am Himmel lebe der Mensch wohl wie in einem heiteren Kloster, fern von Hass und Hast, von Gier und Geiz. Glauben viele.

Und dann stehen wir in Purang, der ersten tibetischen Stadt nach der Grenze, zwischen Lkw-Wracks und Mini-Puffs. Die über 3000 Jahre alte Handelsstadt am Pfauen-Fluss sieht aus wie ein Schutthaufen, den man in eine glasklare Traumlandschaft gekippt hat. Ein Konglomerat im chinesischen Beton-Stil. An der Hauptstraße reihen sich kleine Bordelle und klebrige Garküchen. Aus den Lautsprechern der Garnison röhren von morgens acht bis abends um zehn Uhr Märsche, patriotische Parolen, Posaunenstöße und schrille Schnulzen.

Die Tibeter wohnen meist auf der anderen Seite des Flusses, in einstöckigen Häusern, aus Lehm und Flusssteinen gebaut, die Türen von rot bemalten Yak-Hörnern bewacht. Das "neunstöckige Höhlenkloster" Tsegu ist in die steilen Uferwände des Flusses gegraben. Der einzige Mönch sitzt auf einem rot-goldenen Thron und betet mit rauer, kehliger Stimme. Sein Gehilfe wacht darüber, dass niemand Fotos macht, ohne zu bezahlen. Jede Aufnahme soll zehn Dollar kosten, aber man kann ihn auf einen Dollar herunterhandeln.

Religion wird heute in Tibet

nicht mehr so brutal unterdrückt wie einst; freilich bestimmen die Chinesen, wie viele Mönche oder Nonnen ein Kloster haben darf und wen sie verehren dürfen. Überwacht werden die Klöster von einem ausufernden Spitzelsystem, zu dem auch viele Geistliche gehören. Tsegu wurde wie fast alle Klöster während der Kulturrevolution zerstört. Von mehr als 6000 religiösen Gebäuden in Tibet überstanden nur 13 unversehrt das Wüten von Maos Roten Garden vor vier Jahrzehnten, die meisten davon hier im abgelegenen Westen. Heute wird Tsegu liebevoll wieder aufgebaut - von Chinesen. "Nicht weil sie ein Herz für unsere Religion entdeckt haben", sagt uns ein Tibeter, "sondern weil sie erkannt haben, dass sie mit dem Tourismus viel Geld verdienen können."

Die Chinesen herrschen nicht mehr mit nacktem Terror wie einst, die Unterdrückung ist subtiler geworden. Zu Olympia 2008 will sich Peking als Gastgeber mit menschlichem Antlitz präsentieren. "Das ist unsere Chance", sagen uns Tibeter immer wieder. "Der Westen muss Druck auf China ausüben, Druck, Druck, Druck, das ist die einzige Sprache, die die Chinesen verstehen." Der Dalai Lama klagt seit Jahren, seine Landsleute seien "Fremde im eigenen Land geworden". Er fürchtet, bald würden sie und ihre Klöster nur noch eine "Touristenattraktion" sein.

Nirgendwo ist das Drama so sichtbar wie im wilden Westen seiner Heimat. Einst war die Gegend fast menschenleer, noch heute braucht man auf den abenteuerlich schlechten Straßen gut sechs Tage im Lastwagen, um von Lhasa nach Purang zu gelangen. Neue Städte werden aus dem Boden gestampft, besiedelt werden sie fast nur von Chinesen. Neben den westlich gekleideten Besatzern wirken die Tibeter in ihren bunten Trachten, behängt mit silbernen Glücksamuletten und Lapislazuli-Ketten, und ihren bestickten Felljacken wie die Indianer im Westen der USA - Ureinwohner, die zum Sozialfall geworden sind. Unter den tibetischen Männern grassiert der Alkoholismus, schon morgens lungern sie, eine Flasche Lhasa-Bier in der Hand, um die vielen Billardtische herum, die überall auf den Straßen stehen. Am Wirtschaftsboom, der sogar den entlegensten Teil von Tibet erreicht hat, haben sie kaum Anteil.

Unser Führer

und Dolmetscher Gyurme×, 29, würde in New York nicht auffallen. Er trägt lange Haare, eine verspiegelte Adidas-Sonnenbrille, er hat eine chinesische Freundin, die auf Plateausohlen herumläuft, und besitzt zwei Handys. Gyurme hat nichts dagegen, dass die Chinesen seine Heimat modernisieren, Straßen bauen, Wasser-, Strom- und Telefonleitungen legen, Supermärkte errichten und ein gutes Dutzend TV-Programme in die Einsamkeit strahlen. Politik, sagt er, interessiert uns Tibeter nicht. Nur wenn er getrunken hat, abends, und kein Chinese zuhört, kotzt er sich über die Besatzer aus: "Sie glauben, sie seien uns überlegen. Aber sie werden uns nie besiegen, weil sie uns nicht verstehen."

Der tibetischen Jugend bedeute ihre Religion nicht mehr sonderlich viel. Zwar bete jeder ältere Tibeter zu Hause ein Foto des Dalai Lama an, heimlich, weil der Besitz verboten ist, aber die Jugend interessiere sich mehr für amerikanische und indische Filme. Auch im kleinsten Nest stehen solarbetriebene DVD-Spieler, in die chinesische Raubkopien der neuesten Hollywoodfilme geschoben werden.

Die menschenleere, baumlose Hochebene ist atemberaubend schön. Am Horizont die endlose Kette von Himalayagipfeln, dazwischen mäandert der Sutlej-Fluss, ab und zu grasen Antilopen oder Kyangs, die seltenen Wildesel. Und immer wenn wir glauben, weiter könne man von westlicher Zivilisation nicht entfernt sein, steht ein Soldat in der Steppe und spricht in sein Handy. Das Reisen in konstant 4600 Meter Höhe erschöpft. Die Sonne ist so intensiv, dass Nasen und Lippen verbrennen, obwohl wir sie mit Lichtschutzfaktor 60 einschmieren; ohne Gletscherbrille tränen die Augen. Vor allem die dünne Luft macht uns zu schaffen, nachts kommt die Panik, man glaubt zu ersticken. Hinlegen ist unmöglich, dann lastet eine Tonne auf der Brust. Man döst im Sitzen.

Tibet ist so groß wie Westeuropa, aber es leben weniger Menschen dort als in Berlin. Die Westprovinzen liegen so hoch, dass man bis heute nicht hinfliegen kann - weil die Luft so dünn ist, dass man "vom Flugzeug eigentlich gleich in eine Intensivstation gehen müsste", sagt ein junger tibetischer Arzt der Kailash-Klinik. Die Klinik auf 4700 Meter Höhe steht am Fuß des heiligen Berges, misstrauisch beäugt von den chinesischen Behörden. Mit Schweizer Spenden wurde eine einzigartige Institution geschaffen: 50 Schüler aus armen Dörfern werden in der traditionellen tibetischen Heilkunst unterrichtet und zu Ärzten ausgebildet. Sie wohnen zwei Jahre lang im Internat, lernen Tibetisch, Chinesisch und Englisch. Klinikchef Dhakpa Namgyal Ott verdient sein Geld als Pfleger in einer Baseler Intensivstation, im Sommer managt er seine Klinik.

Die Chinesen würden den

Kailash-Tourismus gern ausbauen. Als "Achse der Welt" und Sitz der Götter ist der Kailash der heiligste Berg für Hindus und Buddhisten gleichermaßen, ein Wallfahrtsort für etwa 1,5 Milliarden Menschen. Und er ist ein Lebensspender für den riesigen Subkontinent: Vier der größten Flüsse Asiens - Indus, Brahmaputra, Sutlej und Karnali (Ganges) - entspringen rund um den Kailash. Es ist die höchste Pflicht für jeden Hindu und Buddhisten, ihn wenigstens einmal im Leben umrundet zu haben. Ein normaler Pilger braucht für die 53 Kilometer - dazwischen ein Pass von 5700 Meter Höhe - knapp drei Tage. Die besonders Frommen gehen freilich nicht zu Fuß, sondern messen die Strecke mit ihrer Körperlänge ab: Sie werfen sich auf den Boden, rund 30 000-mal. Mehr als zwei Wochen brauchen sie für diese fromme Reise am Rand ihrer Kraft. Aber dafür haben sie alle Sünden ihres bisherigen Lebens ausgelöscht. Wer es gar 108-mal auf diese Weise um den Berg schafft, erlangt sofortige Erleuchtung.

Pilger aus Indien sind häufig so höhenkrank, dass sie nicht mehr gehen können. Sie lassen sich auf einem Yak festbinden und um den Berg tragen. Jedes Jahr sterben Dutzende an der Höhenkrankheit.

Das mittelalterliche und das moderne Tibet leben nebeneinander wie Katz und Hund. In den dunklen Zelten der Nomaden, die noch immer aus Yak-Wolle gewoben werden, sieht es auf den ersten Blick noch aus wie vor hundert Jahren. Rinzin, 40, der mit seinen 35 Yaks und 400 Schafen über Land zieht, lädt uns zum Yakbutter-Tee ein. Seine Mutter Dhol, 61, feuert den kleinen Eisenofen mit trockenem Schafsmist an, kratziger Rauch zieht durchs Zelt. Dann stampft sie ein Drittel heißes Wasser, ein Drittel Tee, ein Drittel ranziger Butter und eine Hand voll Salz zu einer fetten Brühe zusammen, die wir nur würgend hinunterkriegen. Tibeter trinken das fettige Gebräu den ganzen Tag; neuerdings schmeckt ihnen aber auch "Red-Bull", wie man an den zahllosen, platt getrampelten Dosen vor dem Zelt sehen kann.

Die Chinesen sind davon überzeugt, sie hätten die Tibeter 1950 aus der Leibeigenschaft befreit. Und tatsächlich war Tibet ein rückständiger, von rechtlosen Bauern bewohnter Klosterstaat, in dem es Zehntausende Mönche, aber keinen Installateur gab. Bewegliche Lettern waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts verboten. Ebenso das Rad - was beim Zustand der Straßen freilich nicht verwundert. Alles Wissen war religiös und wurde in Klöstern gelehrt, die oberste Kaste der Mönche war korrupt und wirtschaftete in die eigene Tasche. Auch der Dalai Lama, von den Tibetern noch heute der "wunscherfüllende Edelstein" genannt, gibt zu, dass Tibet sich dringend hätte verändern müssen.

Doch das Letzte,

was die feudale Hochkultur brauchte, war die Besatzung durch noch viel brutalere Feudalherren. Die Verbrechen der Chinesen - im Namen von Fortschritt und Aufklärung - haben Tibet in einen kulturellen Schock versetzt, von dem es sich bis heute nicht erholt hat. Die intellektuelle Oberschicht ist geflohen. Sein Land sei von "kultureller Überfremdung" bedroht, sagt der Dalai Lama. Dabei ist es ironischerweise weniger der chinesische Sozialismus, der Tibet verändert, es ist der westliche Lebensstil - kein Land kopiert die USA so besessen wie China.

In einem kleinen Kloster am Manasarovar-See, in dem wir uns von einem langen Fußmarsch ausruhten, wachte der Mönch um Punkt acht Uhr aus seiner Gebetstrance auf und ging nach nebenan - er wollte die Rateshow, die im chinesischen Fernsehen begann, auf keinen Fall verpassen. In den langen Werbepausen kam er zurück, um inbrünstig zu beten. Und in Baryam, einem Dorf am Oberlauf des Brahmaputra, gingen wir abends in die von Bierflaschenscherben umringte "Karaoke-Bar". Sechs chinesische Mädchen schoben sich zu Disko-Musik über die Tanzfläche, zwei angetrunkene Inder stierten sie schweigend an. Prostitution ist in China verboten, doch im abgelegenen Tibet drücken die Behörden die Augen zu.

Nachts, auf der dreckigen Strohmatratze in unserem Gasthaus, liegen wir noch lange wach. Es gibt kein Wasser in Baryam und Strom nur stundenweise. Es gibt keine Läden, keine Mönche, keine Autos - aber es gibt eine Karaoke-Bar mit drei Fernsehschirmen und sechs Huren. Tibet hatten wir uns anders vorgestellt.

Claus Lutterbeck print

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