Deutschlands Handballern droht ein EM-Fiasko. Ausgerechnet vor dem entscheidenden Vorrundenspiel gegen Spanien am Montag (20.30 Uhr/ZDF/Dyn) brodelt es gewaltig. Spielmacher Juri Knorr äußert ungewohnt deutliche Kritik an Bundestrainer Alfred Gislason. Und ehemalige deutsche Handball-Ikonen um Stefan Kretzschmar schießen sich verbal auf die DHB-Riege ein.
Seit der Einführung des Vor- und Hauptrundenformats 2002 ist die DHB-Auswahl noch nie in der ersten Turnierphase gescheitert – doch genau das könnte am Montag geschehen. Wie ernst die Lage ist, zeigte sich nach dem 27:30 im zweiten Vorrundenspiel gegen Außenseiter Serbien.
Der Schock war den Nationalspielern ins Gesicht geschrieben: Kapitän Johannes Golla starrte mit gefalteten Händen zur Hallendecke, Lukas Mertens sank entkräftet an die Schultern seiner Mitspieler, der Rest der Mannschaft stand regungslos auf dem Parkett.
Knorr kritisiert Gislason: Das verstehe ich nicht
Knorr fand als einer der Ersten seine Worte wieder - und die hatten es in sich. "Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit überrannt – und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht. Ich stand in der zweiten Halbzeit nicht mehr viel auf der Platte. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll", sagte der 25-Jährige.
Den Namen des Bundestrainers nannte Knorr dabei nicht, doch die Botschaft war unmissverständlich. "Wir werden es nicht alleine schaffen. Und wir werden es nicht schaffen, wenn Spieler 60 Minuten durchspielen", sagte der Führungsspieler – eine erneute Kritik an der aus seiner Sicht fragwürdigen Personalpolitik des Bundestrainers.
Kretzschmar: Da hätte auch der Busfahrer stehen können
Eine Einschätzung, die viele Experten teilten. "Alfred, scheiße gecoacht. Vercoacht", kritisierte Ex-Weltmeister Michael Kraus bei Dyn und schimpfte weiter: "Das war einfach Kacke im Angriff. Man muss es auch einmal beim Namen nennen."
Handball-Ikone Stefan Kretzschmar ging ebenfalls hart mit dem deutschen Offensivauftritt ins Gericht. Besonders die Außenpositionen seien praktisch nicht eingebunden gewesen. "Da hätten auch der Busfahrer und der Physiotherapeut stehen können – da kam ja gar kein Ball hin", sagte Kretzschmar. Mit Blick auf den zweiten Durchgang wurde er noch deutlicher: "Die zweite Halbzeit ist wieder scheiße. Heute war sie eine Katastrophe."
Gislason leistet sich Auszeit-Fauxpas
Es passte ins Bild, dass sich ausgerechnet Gislason in der Schlussphase einen Patzer leistete. In der 58. Minute hatte Knorr eigentlich den Ausgleich zum 26:26 erzielt, als plötzlich ein lauter Sound in der Arena in Herning ertönte. Gislason hatte an der Seitenlinie auf den roten Buzzer gedrückt, um eine Auszeit zu nehmen. Weil der Ball zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Torlinie passiert hatte, zählte der Treffer nicht.
"Das ist natürlich fatal aus meiner Sicht und geht völlig auf mich. Ich wollte das Timeout nehmen, wo wir gerade vollzählig sind. Leider habe ich dann den Bruchteil einer Sekunde zu früh gedrückt", erklärte der Isländer.
So kommt Deutschland noch in die Hauptrunde
Die Lage vor dem Vorrunden-Abschluss ist schwierig, aber nicht aussichtslos. Spanien führt die Tabelle mit 4:0 Punkten an, dahinter folgen Serbien und Deutschland (beide 2:2). Österreich ist mit 0:4 Zählern Letzter. Die ersten beiden Teams kommen weiter.
Will sich die DHB-Auswahl nicht auf die Schützenhilfe der Österreicher verlassen, muss gegen Spanien ein Sieg mit mindestens drei Toren Unterschied her. Dann wäre der Olympia-Zweite im Falle eines Sieges von Serbien beim Dreiervergleich definitiv Gruppenzweiter vor Spanien.
Optimal wäre, wenn die DHB-Auswahl gegen Spanien gewinnt und Serbien zuvor gegen Österreich maximal unentschieden spielt. Nur dann würde das deutsche Team mit 2:0 Punkten in die Hauptrunde starten. Selbst eine Niederlage könnte bei einer bestimmten Konstellation zum Weiterkommen reichen. Doch mit solch detaillierten Rechenspielen will sich im deutschen Team niemand befassen. "Wir müssen gewinnen, sonst fahren wir wohl nach Hause", sagte Gislason.
Wolff: Wir hatten selten solch einen Druck
Nach der desaströsen Chancenverwertung gegen Serbien erscheint ein Topauftritt des Olympia-Zweiten keine 48 Stunden später kaum vorstellbar. "Wir hatten selten solch einen Druck und müssen schauen, dass wir gegen Spanien ein anderes Gesicht zeigen. Es gilt, sich gegenseitig Mut zu machen und top motiviert ins Feld zu ziehen", appellierte Torhüter Andreas Wolff an seine Mitspieler.
Knorr forderte, Frust und Enttäuschung in Energie umzuwandeln. "Wir können das nur gemeinsam hinbekommen. Dafür muss jeder bereit sein", erklärte der Rückraumspieler. Kapitän Golla versicherte: "Wir werden uns aufrichten und es gegen Spanien besser machen. Wir haben ein klares Ziel, das wir erreichen müssen". Das Ziel hieß einmal Halbfinale. Doch daran denkt bei Deutschlands Handballern aktuell wohl niemand.