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Formel 1 Eine Wand voller Mittelfinger: Ich war beim Grand Prix in Monza und wurde von 140.000 Fans ausgebuht – zurecht

Ferrari-Fahrer Charles Leclerc wird in Monza von Fans gefeiert
Das bin nicht ich, sondern Ferrari-Pilot Charles Leclerc. Immerhin einer, der in Monza nicht ausgepfiffen wurde.
© Mark Thompson / Getty Images
Beim Großen Preis von Italien vermieste der Niederländer Max Verstappen Ferrari den Tag. Und ich den Fans. Von einem Formel-1-Tag in Monza für die Geschichtsbücher.

Es muss so nach dem achten Glas Schampus gewesen sein, kurz nach 13 Uhr. Jean Alesi erzählte gerade etwas über die Kurve, die wir mit unserem Truck passierten. Der italienische Popstar neben mir fuchtelte mit dem Arm, versuchte die Fans auf der Tribüne für seine Instastory zum Jubeln zu bringen und ich blickte auf eine Wand voller Mittelfinger. Gemächlich ruckelten wir über die Rennstrecke in Monza, auf der Charles Leclerc kurz darauf im Ferrari mit 350 Sachen entlangbrettern sollte. Wir ruckelten vorbei an Buh-Rufen und Pfiffen.

Da stand ich also, schaute auf die dreckigen Chucks an meinen Füßen und auf die rahmengenähten Lederschuhe des Mannes neben mir. Ich schaute in die stolzen Gesichter meiner VIP-Mitfahrer und dann in die Gesichter der Zuschauer hinter der Absperrung. Gesichter, die sich der Farbe des Ferrari-Trikots angepasst hatten. Ein Werk der Sonne und des Zorns. An diesem Sonntag gehörte ich einer gesellschaftlichen Schicht an, die nicht die meinige ist. Und ich schämte mich dafür. Ich schämte mich, weil ich die Möglichkeit bekommen hatte, die Rennstrecke abzufahren, während die wirklichen Fans vor dem Zaun campieren mussten, weil sie sich die Tickets nicht leisten konnten oder wollten. Ich würde den Start später vom Dach des Paddock Clubs aus sehen, sie durch Maschendrahtzaun. Sie hatten jedes Recht mich auszubuhen.

Einmal Monza und zurück

Der Große Preis von Italien 2022 war einer für die Geschichtsbücher. Gefeiert wurden nicht nur 100 Jahre Autodromo Nazionale Monza, sondern auch 75 Jahre Ferrari. Monza ist Ferraris Heimrennen. Nirgendwo ist der Druck zu siegen für die Scuderia größer. 140.000 Zuschauer waren vor Ort, die meisten unter ihnen Ferraristis in Rot. Und dann war da noch ich. Kein Fan der Formel 1, aber immerhin Fan von schnellen Autos – und von Schampus. Und genau der brachte mich in die Lounge von Ferrari Trento. Italiens führendes Weingut ist seit 2021 offizieller Partner der Formel 1. Die Ferrari-Weinberge in Trient würde ich am nächsten Tag besichtigen.

Die günstigsten 3-Tages-Tickets für Monza gibt's ab 155 Euro. Das sind Stehplätze. Für Plätze an der Start und Ziellinie werden rund 1000 Euro fällig und wer in den exklusiven Paddock Club will, muss noch einmal mehr als das Fünffache zahlen. Dafür bekommt man unter anderem die erwähnte Streckentour auf dem Tieflader, den Spaziergang durch die Boxengasse und mit etwas Glück einen netten Mechaniker, der einen an Orte lotst, an denen man eigentlich nichts zu suchen hat. (Grüße gehen raus!) Für viele Formel 1-Fans birgt ein solches Ticket die Erfüllung eines Traums. Und etwas, was sich Ottonormal-Verdiener wie ich eher nicht leisten. Ich kann verstehen, warum es sie wenig erfreut, wenn vor ihrer Nase das Geld in Menschenform über eben die Rennstrecke kutschiert wird, die für sie schier unerreichbarer Boden ist. Unser Partymobil muss ihnen wie Hohn vorgekommen sein. Dass ich Teil davon war, musste ich mir danach erst einmal sektschön trinken. Nicht, weil es keinen Spaß gemacht hätte, denn es war fantastisch, sondern weil ich, nimmt man es genau, dort so viel zu suchen hatte wie das H&M-Shirt im Gucci-Store.

Grand Prix unter der Käseglocke

Der VIP-Bereich ist direkt über den Team-Garagen. Von dort schaut man auf die Boxengasse und die Start- und Ziellinie. Es ist der Ort, von dem aus Typen wie Sylvester Stallone, Hugh Grant und Zlatan Ibrahimović an diesem Tag das Rennen verfolgen. Und wo ich kurz vor 15 Uhr wie ein kleines Kind auf einen Barhocker kletterte, um wenigstens irgendetwas vom Start zu sehen. Auf dem Dach, heißt es, ist der Sound besonders gut, wenn auch nicht so gut wie früher. Dann krachte, zischte und döste es und nach ein paar Sekunden war alles schon wieder vorbei. Sobald die Fahrer außerhalb des Sichtfelds waren, löste sich die Menschentraube auf. Ich war verwirrt. Noch 52 und eine halbe Runde waren zu diesem Zeitpunkt zu fahren.

Formel 1 vor Ort zu sehen, ist eine seltsame Sache. Von einem normalen Zuschauerplatz aus sieht man die Fahrer, nimmt man es genau, pro Runde nur für ein paar Millisekunden. Den Rest der Zeit wartet man, an diesem Sonntag wartete man in der prallen Hitze. Als VIP-Gast hingegen hat man den Luxus, sich im wahrsten Sinne des Wortes in eine klimatisierte Käseglocke zurückziehen zu können. In der gibt's dann zum Blick auf die Strecke durch Glas auch die Live-Übertragung des Rennens und jede Menge Menschen, die wichtig sind, denken, dass sie wichtig sind oder qua Geburt einfach nur ausgesorgt haben in diesem Leben. Die wirkliche Stimmung aber ist draußen, auf den billigen Plätzen. Dort werden Fähnchen und Mützen geschwenkt, dort brandet frenetischer Jubel auf, wenn die Fahrer vorbeirasen. Dort ist Rock'n'Roll, dort kochen die Emotionen hoch.

Es muss so nach dem zwölften Glas Schampus gewesen sein, kurz nach 17 Uhr. Die Fans stürmten auf die Piste. Auch jetzt pfiffen sie wieder. Diesmal aber nicht gegen irgendwelche Schnösel, sondern gegen Sieger Max Verstappen, der hinter dem Safety Car zum Sieg gefahren war und der Scuderia den Tag versaut hatte. Ferrari-Pilot Leclerc schaute auf dem Podium trotz zweitem Platz dann ein wenig so drein, als wäre er nun das H&M-Shirt im Gucci-Store.

Hinweis: Der Besuch des Grand Prix fand im Rahmen einer Pressereise um Ferrari Trento statt.

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