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Der Fall "Max Mosley": Ein Sex-Skandal und seine Folgen

Der "Sex-Skandal" rund um den Fia-Boss Max Mosley mit angeblichem "Nazi"-Kontext hat in den internationalen Medien für Riesen-Wirbel gesorgt. Die Mosley-Seite reagierte darauf mit einem beispiellosen juristischen Feldzug. Die Angelegenheit entwickelt sich zum größten Pressefall der europäischen Geschichte.

Von Jens Fischer

Es war im Frühjahr 2008, als ein medialer Aufschrei aus England durch die Welt ging. Die britische Klatsch-Postille "News of the World" hatte ein Video mit derbstem Inhalt auf ihre Internetseite gestellt. Schnell wurde klar: Es handelt sich um Max Mosley, britischer Multimillionär und Chef des Automobil-Weltverbandes Fia, inmitten einer Szenerie von käuflicher Liebe, gestreiften Uniformen und einigen gesprochenen Brocken Deutsch.

Das Video, von einer Knopfloch-Kamera in einer Wohnung heimlich aufgenommen, wird weltweit rasend schnell verbreitet – von seriösen Medien ebenso wie vom Boulevard. Auf einen Aspekt dieses Stelldicheins waren die deutschen Medien besonders scharf: Mosley feiert eine "Nazi-Sex-Orgie".

Keine Nazis

Einige Monate später ist klar: Die Nazis hatten mit Mosleys Orgie nichts zu tun. Nur weil in besagtem Video Uniformen getragen und Deutsch gesprochen wurde, ist ein Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus nicht herstellbar. Zumal nach Angaben der Hamburger Anwältin Tanja Irion, die Mosley vertritt, die Uniformen zum einen eine aktuelle deutsche Luftwaffenuniform, zum anderen eine Kaufhausuniform, wie sie in Großbritannien bei Marks and Spencer üblich sind, gewesen wären. Und ein richtiger Skandal war das, was Mosley da veranstaltet hat, auch nicht – auch wenn die ganze Angelegenheit dem Sportfunktionär, der von Amts wegen schon auf Seriösität bedacht sein sollte, weiterhin peinlich sein dürfte.

Daher ging der medial in die Schieflage geratene Mosley vor Gericht, stritt und gewann. Die "News of the World" wurde dazu verdonnert, einen Schadensersatz in Höhe von 60.000 Pfund an den Briten zu zahlen. Ab diesem Zeitpunkt durfte niemand mehr behaupten, dass Mosleys Sadomaso-Event etwas mit Adolf Hitler und dessen Schergen zu tun gehabt habe. Mit Hilfe von Anwältin Irion zog Mosley auch in Deutschland alle juristischen Register. Nach Auskunft Irions gegenüber stern.de sind mittlerweile etwa 100 Unterlassungserklärungen abgegeben bzw. einstweilige Verfügungen ergangen, darunter auch gegen stern.de.

Klage in Straßburg

Aber Mosley will mehr – und klagt vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Es geht ihm um seine verletzten Persönlichkeitsrechte. In Zeiten, in denen mit Hilfe von modernster Technik jeder im Privatleben anderer herumschnüffeln kann, will Mosley in Straßburg erreichen, dass Verlage nicht weiter ungestraft private Angelegenheiten publizieren dürfen.

Mosleys Absicht: Journalisten sollen die Betroffenen fragen, bevor sie irgendwelche Geschichten über sie verbreiten. In Grenzfällen muss der Richter entscheiden. "Wenn schon jemand einem das Leben ruiniert, dann ein Richter, kein Redakteur", findet der 68-Jährige.

Springer wehrt sich

Eines hat Mosley jetzt schon erreicht: Nahezu alle Medien haben sich bereit erklärt, die unberechtigten Nazi-Vorwürfe fallen zu lassen oder Richtigstellungen zu veröffentlichen. Nur die Springer-Presse wehrt sich noch und scheint auch von schweren juristischen Geschützen unbeeindruckt zu sein. Das liegt auch daran, weil bislang noch kein Gericht entschieden hat – übrigens auch keines in Großbritannien – ob die "Nazi-Vorwürfe" gegen Mosley überhaupt unzulässig waren. So kennt das britische Recht keine Unterscheidung zwischen Tatsachenbehauptung und journalistischer Wertung. Einen endgültigen Beschluss der deutschen Justiz diesbezüglich gibt es momentan noch nicht.

Anwältin Irion hat es unter anderem auch auf Bild und Bild Online abgesehen und bereits im Juni Strafanzeige bei der Berliner Staatsanwaltschaft gegen Mitglieder des Springer-Vorstandes sowie weiteren Beteiligten gestellt. Irion spricht bei der Bild-Berichterstattung von der "schlimmsten Verletzung von Persönlichkeitsrechten in der deutschen Pressegeschichte."

Drohen Haftstrafen?

Der Springer-Verlag selbst äußert sich zu diesem Vorwurf gegenüber stern.de folgendermaßen: "Dieser Superlativ stammt nicht von einer neutralen Stelle, sondern von Max Mosleys Anwältin. Mosley muss seine irreale Geldforderung schließlich irgendwie begründen." Der Springer-Verlag sagt weiter: "Im Übrigen geht Mosley mit seinen sexuellen Vorlieben mittlerweile offen um – dem 'Guardian' schilderte er nicht nur, dass er bereits seit 45 Jahren SM betreibt, sondern auch wie."

Dem Springer-Verlag könnte eine Schadensersatz-Zahlung an Mosley in sechsstelliger Höhe drohen. Der neue Paragraf 201 a des Strafgesetzbuches verbietet die Wiedergabe heimlicher Bildaufnahmen aus Privaträumen und sieht sogar Haftstrafen vor.

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