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F-1-Premiere in Valencia: Hafenrundfahrt mit 300 km/h

Mit Vollgas auf die Promenade: Nach der Sommerpause rast die Formel1 auf den neuen Stadtkurs von Valencia. Die Kulisse verspricht einen Urlaubs-Grand-Prix - doch die von Betonbarrieren eingeschnürte Strecke ist auch eine Mut-Probe von ganz neuer Qualität.

Von Elmar Brümmer, Valencia

Immer der Nase nach, dann ist es kein Problem, die neue Formel-1-Piste von Valencia zu finden. Gummi, Benzin und Öl, der herkömmliche Duft der großen weiten Rennwelt, sind das falsche Aroma. Im Fahrerlager an der Marina König Juan Carlos riecht es einfach nur nach Fisch. Dem Geruch nach unbedingt jener Edelfisch, an den die Fahrerlager-Bewohner gewöhnt sind. Ist das die frische Brise, die sich die Formel 1 von der Premiere in der spanischen Hafenstadt erhofft?

Die einzige Chance für die Formel 1, an diesem Wochenende noch so etwas wie Rest-Aufmerksamkeit zu erheischen, liegt in dem, was dieser Sport am besten kann: Spektakel zu erzeugen. Während Olympia am Sonntagmittag ausläuft, geht es am America’s-Cup-Hafen von Valencia zum ersten Mal auch auf der Landseite rund: Grand-Prix-Premiere auf einem in nur anderthalb Jahren aus dem dem Hafengebiet gestampften Straßenkurs, der seinesgleichen sucht. Der Mythos Monte Carlo wird neu interpretiert. Ach was: potenziert. Vermarkter Bernie Ecclestone war schon angesichts der Zeichnungen des Aachener Streckenarchitekten Hermann Tilke so entzückt, dass er das Rennen statt "Großer Preis von Europa" am liebsten den "Größten Preis der Welt" getauft hätte. Bis 2014 haben die Spanier das Rennen sicher, der ungewohnt überschwängliche Brite hätte die Rechte am liebsten gleich für die nächsten 50 Jahre verkauft.

"Ich hätte die Mauern gern noch näher dran"

Aus der Zuschauerperspektive sieht das Areal um die ruhenden Yacht-Werften auch zum anbeißen aus. Und aus dem Cockpit? Hinter dem linken Außenspiegel lockt der Strand, dahinter glitzert das Mittelmeer, geradeaus geht es über eine Brücke am Hafenkai entlang, rechts dümpeln schicke Yachten, auf dem Steg ludert es wie üblich. Das reine Vergnügen ist es in den 800-PS-Dienstwagen aber nicht. Auf Augenhöhe sehen die Piloten meistens die Betonbarrieren und Gitterzäune, die die 5,44 Kilometer frischen Asphalts einschnüren. Manchmal liegen zwischen den Blöcken keine zehn Meter, da muss man sich mit Tempo 300 schon ordentlich einfädeln. Und trotzdem sagt BMW-Pilot Robert Kubica: "Ich hätte die Mauern gern noch näher dran ...." Wie nah ist zu nah?

Die Kulisse verspricht einen Urlaubs-Grand-Prix. Aber nach drei Wochen Sommerpause kommt der zwölfte WM-Lauf einer Reise ins Abenteuerland gleich: Noch weiß keiner, wie die zusammengesetzten 13 Rechts- und 12 Linkskurven harmonieren werden. "Es ist etwas komplett Neues", gesteht die deutsche Nachwuchs-Hoffnung Sebastian Vettel. Und meint damit: Es ist auch eine Mut-Probe."Es gibt schon ein bis zwei Passagen, da muss man die Pobacken zusammenkneifen", sagt der Toro-Rosso-Pilot.

Ein bisschen Montreal, ein wenig Monza, eine Ecke Melbourne

Valencia hat nichts mit der winkligen und langsameren Hafenrundfahrt von Monte Carlo gemein, außer dem Glamour-Anspruch und der Größe der Yachten. Es handelt sich vielmehr um eine ins Randgebiet der Stadt implantierte Rennstrecke. Ein bisschen Montreal, ein wenig Monza, eine Prise Türkei, eine Ecke Melbourne – fertig ist die PS-Urbanität. Und an die Schilder der Tempo-30-Zone darf ruhig noch eine Null drangehängt werden. So viel Power gab es innerorts noch nie, und ob die Raserei zwischen den temporären Betonmauern wie gedacht funktioniert, muss die Praxis weisen. Unfälle und Schreckensbilder an einem Wochenende, an dem in Spanien nach der Flugzeugkatastrophe Staatstrauer herrscht, das will niemand. Aber im Hafengeschlängel ist schnell was passiert, weshalb die, die von der Faszination Valencia schwärmen (also alle) immer die Einschränkung machen: "Wenn es sicher ist." Alle Computer-Simulationen, alle Streckenbegehungen, die Versuche der Fahrer, sich auf der Vespa der Ideallinie zu nähern – Makulatur. Was zählt, ist aufm Teer. Und der droht an mancher Stelle aufzureißen.

Unsicherheit statt Machogehabe, ein neues Gefühl in dieser Branche. Es hängt viel davon ab für die Formel 1, ob das Experiment Valencia gut läuft und gut ausgeht. Bernie Ecclestone, der vor anderthalb Jahren überraschend den City-Grand-Prix ankündigte, nachdem McLaren-Mercedes an gleicher Stelle im Januar 2007 seinen neuen Silberpfeil spektakulär ein paar Ehrenrunden hatte drehen lassen, schwört auf das neue Geschäftsmodell, die Strecken zu den Menschen zu bringen statt umgekehrt. Singapur Ende September – mit einer Nachtfahrt – und Abu Dhabi als Abschluss der kommenden Saison sind die nächsten Stationen. Wenn es nach dem Briten geht, soll aber in absehbarer Zukunft auch in Paris und in London dort gefahren werden, wo sonst der Verkehr meist steht.

Valencia braucht die Formel 1, die Formel 1 braucht das Spektakel

In den Städten gibt es zwar keinen Platz, aber das Geld. Im aktuellen Fall spielten der Formel 1 die erbitterten Rivalitäten unter den spanischen Metropolen in die Hände. Die Comunidad Valencia versucht mit einem Mix aus grandioser Architektur und internationalen Prestige-Veranstaltungen in der Glamour-Wertung gegen Barcelona und Madrid aufzuholen – und zu überholen. Das Straßentheater der Formel 1 aufwändig zu inszenieren, kostet zwischen 40 und 80 Millionen Euro – so weit auseinander liegen offizielle Kalkulation und inoffizielle Schätzungen. Gegengerechnet werden 70 Millionen Euro Umsatz in der Region, vor allem aber der Imagewert. "Vielen Dank, Mister Ecclestone, dass wir zeigen dürfen, das Qualität und Perfektion Grundwerte unserer Stadt sind", sagt Bürgermeisterin Rita Barbera Nolla. Der Stolz wird zum eigentlichen Antrieb, die Randsteine sind in den Farben der Region getüncht.

"Formel 1, wie Sie sie noch nie gesehen haben", lockt der Titelsponsor. Wieviel Menschen wollen das Spektakel vor Ort sehen? Angeblich waren im Frühjahr in neun Stunden mehr als 100.000 der bis zu 400 Euro teuren Tickets über den Tisch gegangen. Inzwischen aber tauchen wieder reichlich Karten auf, auch an den offiziellen Kassen. Das von Olympia in Peking bekannte Syndrom? Eher ein Zusammenhang mit den Leistungen von Ex-Champion Fernando Alonso im Renault. Die Stadt Valencia braucht die Formel 1. Die Formel 1 braucht das Spektakel. Aber die einheimischen Fans brauchen Helden.

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