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Felipe Massa: Rebellion des Musterschülers

Vor einem Jahr war er der Fahrschüler neben dem Giganten Schumacher. Heute verkörpert der 25jährige die Tradition der Marke. Felipe Massa will auf den Olymp des Rennsports. Ordnet er sich jetzt unter, bleibt er ewiger Assistent.

Von Markus Götting

Es ist eine eigenartige Stimmung in Madonna di Campiglio dieser Tage. Die Ferrari-Formel-1-Familie trifft sich wie jeden Januar zum Skifahren im schönen Trentino; die Sonne scheint, die Luft so warm wie an einem Frühlingstag, alles wie gehabt, aber in Wahrheit ist natürlich alles anders bei Ferrari in diesem Jahr. Michael Schumacher, der "grande campione" ist zurückgetreten und also wird umso mehr über ihn geredet. Chefdenker Ross Brawn hat sich eine einjährige Auszeit erbeten, Motorentüftler Paolo Martinelli arbeitet jetzt für den Mutterkonzern Fiat – es ist eine Zeit des Umbruchs bei Ferrari. Und nun sitzt beim inoffiziellen Saisonauftakt der Scuderia mit Felipe Massa ein junger Mann auf dem Podium im "Centro Congressi", der so etwas Konstanz verkörpern soll, weil er ja schon ein Jahr als ernsthafter Ferrari-Fahrer hinter sich hat, Testpilot des Teams war er ja auch schon mal. Und so ist Massa mit seinen 25 Jahren einer, der im weitesten Sinne die ruhmreiche Vergangenheit personalisiert und in seiner Jungenhaftigkeit vielleicht auch ein Versprechen für die Zukunft.

Der Kleine neben dem Großen

Vor einem Jahr ist er an gleicher Stelle gesessen; es muss ihm alles sehr irreal vorgekommen sein, einen der begehrtesten Jobs im Motorsport-Business zu haben. Jedenfalls hat er damals so gewirkt. Ein kleiner Brasilianer neben dem großen Schumacher – quasi der bestbezahlte Fahrschüler der Welt. Felipe Massa lächelt immer noch sehr nett und ist auch ansonsten sehr anständig, aber etwas muss mit ihm geschehen sein in den vergangenen zwölf Monaten. Von seiner Euphorie ist verblüffend wenig geblieben, dabei hat er doch all seine Ziele erreicht, die er sich gesetzt hatte. Er sagt: "Ich wollte aufs Siegerpodest fahren – das hab ich geschafft. Ich wollte ein Rennen gewinnen und habe zwei gewonnen." Den Saisonabschluss sogar, daheim in Sao Paulo. Er sagt: "Es war der größte Moment meines Lebens." Man könnte auch sagen: Fahrprüfung bestanden.

Olymp oder ewiger Assistant

Massa redet jetzt davon, dass er sehr viel gelernt habe vom wahrscheinlich besten Rennfahrer aller Zeiten; er spricht viel von Reife und Erfahrung und Erwachsenwerden. Und das klingt natürlich ein wenig komisch, wenn solche Worte aus diesem Babyface kommen. Erfahrung, sagt er. Nun denn. Ist er jetzt etwa der Referenzpunkt im Team? Massa sagt: "Ich habe das neue Auto entwickelt, die ganzen Wintertests gemacht. Ich spiele eine große Rolle im Team." Er sagt: "Ich werde jetzt mehr respektiert, nicht nur bei Ferrari, in der ganzen Formel 1." Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass ihm das gleiche Schicksal droht wie seinerzeit seinem Landsmann Rubens Barrichello: ein Job als ewiger Assistent.

Der Musterschüler

Er gehe davon aus, dass es keine Nummer eins mehr gebe ihm Team, sagt Massa, was wohl ein frommer Wunsch sein dürfte. Er sagt: "Wir sind beide junge Fahrer, und es gibt keinen Champion mehr im Team." Und trotzdem ist er sehr zurückhaltend, was seine Prognosen für die am 18. März beginnende Saison betrifft. "Ich bin Dritter in der WM geworden, ich habe gezeigt, dass ich gewinnen kann", sagt Massa, "aber ich mache mich jetzt nicht verrückt und denke von morgens bis abends an den WM-Titel." Er sagt, er denke nur von Rennen zu Rennen und an die viele Arbeit, die dazu nötig sei. Klingt wie einer dieser Sätze, die sein Teamchef Jean Todt gern aufsagt; sehr brav. Massa scheint tatsächlich ein gelehriger Junge zu sein.

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