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Formel 1: "Das hat mir Spaß gemacht"

Nass machen, das scheint eine Spezialität von Lewis Hamilton zu werden. Zwei Wochen nach dem Regentanz von Silverstone holt sich der 23-jährige Brite auch beim zweiten Heimspiel des Rennstalls McLaren-Mercedes in Folge den Sieg.

Von Elmar Brümmer

Zwei Rennen in Folge hat in diesem Jahr überhaupt noch kein anderer Pilot gewonnen. Ein bisschen viel Zweien für einen, der mehr und mehr zur echten Nummer eins der Formel 1 reift. Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der sich auf dem Podium des Hockenheimrings wehrlos der Champagner-Dusche durch den Paradepiloten stellte, fand nur eine Vokabel, um die Geschwindigkeit der Aufholjagd Hamiltons beim Großen Preis von Deutschland zu beschreiben: "Überirdisch". Das grandiose Comeback verhinderte den langweiligsten Rennnachmittag der Saison.

Zehn Jahre hat Mercedes kein Heimspiel mehr gewinnen können, und fast hätte ein riskantes Strategiepoker des englisch-deutschen Rennstalls Hamilton um den mehr als verdienten Sieg gebracht. In der ersten Hälfte des zehnten WM-Laufs hatte der Brite ein Rennen gegen sich selbst begonnen, er eilte dem Feld um zehn Sekunden voraus. Auch dahinter blieb alles zementiert, Massa und Kovalainen konnten sich bereits auf die nächsten beiden Podiumsstufen vorbereiten. In der zähen Anfangsphase hatte nur Robert Kubicas Sprung von sieben auf fünf für ein wenig wohltuende Unruhe gesorgt.

Ein Rennen wie ein verlängerter Sonntagsschlaf

Ein Rennen wie ein verlängerter Sonntagsschlaf, bis zum heftigen Weckruf in der 36. von 67 Runden jedenfalls. Eingangs der Start-Ziel-Geraden geriet der Toyota von Timo Glock auf den Seitenstreifen. Die rechte Hinterradaufhängung knickte ein, der Bolide wurde zur Billardkugel, schlug zweimal heftig in die Boxenmauer ein. Sofort wurde das Rennen durch das Safety-Car egalisiert. Die Bergung des 26-Jährigen dauerte, aber schnell konnte Entwarnung gegeben werden: Keine schwere Verletzungen, nur zur Beobachtung ins Krankenhaus.

Bis auf Nelson Piquet (Startplatz 17), Nick Heidfeld (Startplatz zwölf) - und überraschenderweise auch Spitzenreiter Lewis Hamilton - nutzten alle die Neutralisationsphase zum Nachtanken. Hamilton diskutierte mit dem McLaren-Kommandostand, aber dort bestand man auf der riskanten Kalkulation: Hamilton habe noch genug Sprit im Auto, außerdem würde das Safety-Car nicht lange draußen bleiben. Ersteres stimmte, die zweite Annahme nicht: Fünf Runden lang dauerte die Einbremsphase. Und damit schien der Sieg verloren, als der Große Preis von Deutschland noch mal aufs Neue begann.

Plötzlich war der hoffnungslos auf Rang elf feststeckende Nick Heidfeld Zweiter, Nelson Piquets Renault Dritter. Felipe Massa, Heikki Kovalainen und Robert Kubica folgten, Kimi Räikkönen musste sich erst wieder auf Rang sieben hochquälen. Sebastian Vettel und Nico Rosberg blieben als Neunte und Zehnte in Lauerstellung auf einen Punkterang. Als Hamilton nach 50 Runden noch mal Sprit brauchte, schien Massa einem Sieg entgegen zu fahren. Hamilton ordnete sich als Fünfter ein, und er wusste, dass er jetzt alles riskieren musste. Dass Teamkollege Heikki Kovalainen bereitwillig Platz machte, hatte der Boxenfunk geregelt. Nick Heidfeld konnte angesichts des perfekten Silberpfeils von Hamilton nichts ausrichten, sein vierter Platz war schlussendlich das Beste, was ihm überhaupt passieren konnte.

Im Taumel der Gefühle blieb Vettel beinahe unbemerkt

Die Großwetterlage an der Spitze hatte sich dramatisch verändert, das Euphoriehoch von McLaren-Mercedes traf justament auf ein Formtief bei Ferrari. Felipe Massa war nur noch mit rauchenden Bremsen und einem instabilen Auto unterwegs, als Hamilton in der 57. Runde zum entscheidenden Angriff angerückt kam. Mit reichlich Geschwindigkeitsüberschuss zog Hamilton vor der Spitzkehre gleichauf mit dem Ferrari, und drängte innen in den Asphaltknick. Fast hätten sich dabei die Räder verhakt, eine Verzweiflungstat nach dem Strategiefehler. Aber es ging gut, Massa wurde nach außen getragen, der Weg zum vierten Sieg von Hamilton war frei. Sieben Runden vor Rennende schnupfte er auch noch Nelson Piquet junior, dessen zweiter Rang die nächste Sensation des Tages war: Vor ein paar Tagen musste sich der Brasilianer noch um seine Weiterbeschäftigung bei Renault ernsthafte Sorgen machen. Im Taumel der Gefühle bei den Spitzenfahrern blieb der achte Rang von Sebastian Vettel, herausgefahren durch eine mehr als manierliche Leistung, beinahe unbemerkt.

Hamilton, der in der WM-Tabelle nun vier Zähler Vorsprung auf Massa hat, war es abseits des Podiums aber nicht nach großen Gefühlsausbrüchen zu Mute - nach der Schwerstarbeit im Cockpit. "Entschuldige, dass wir dir es etwas schwerer gemacht haben. Aber ich hoffe, Du hast es genossen, dieses großartige Auto zu fahren", funkte McLaren-Chef Ron Dennis nach der Zielflagge in den Siegerpfeil. "Das hat mir Spaß gemacht", gab der Pilot höflich zurück. Felipe Massa tat auch nur so, als ob er sich darüber freute, Dritter geworden zu sein: "Die zweite Rennhälfte war ein anderes Rennen."

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