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Formel 1: Turbo-Kid jagt Pussycat-Doll-Lover

Bei dem einen mischen sich Kaltblütigkeit und wilde Entschlossenheit, der andere kommt wie ein verunsicherter Teenie daher: Vor dem Großen Preis von Japan hat sich der Kampf um die Formel-1-WM zu einem Duell zwischen Lewis Hamilton und Felipe Massa entwickelt. Die beiden Rivalen im großen Form-Check.

Von Elmar Brümmer, Fuji

Der Fujiyama, der so mächtig über den Fuji Speedway wacht, ist Japans heilige Quelle der Angst. Allerdings ist der Vulkan seit 1707 nicht mehr ausgebrochen. Es brodelt nur noch, wenn die Formel 1 auf der Rennstrecke am Fuß des Kegels zu Gast ist. Showdown einer Weltmeisterschaft: Silberpfeil-Pilot Lewis Hamilton führt vor dem Großen Preis von Japan am Sonntag, dem drittletzten Lauf der Saison, mit sieben Punkten vor Felipe Massa im Ferrari. Theoretisch haben zwar auch noch BMW-Pilot Robert Kubica (20 Punkte Rückstand), Titelverteidiger Kimi Räikkönen (minus 27) und sogar Nick Heidfeld (minus 28) Chancen. Doch bei allen Unwägbarkeiten auch der diesjährigen Formel-1-Mathematik: Die Rechnung wird zwischen den beiden großen sportlichen Gegenspielern des Rennjahres aufgemacht.

Die Aura

Lewis Hamilton ist der Glamour-Boy der Branche, scheint sich auf jedem Parkett perfekt zu bewegen. Vielleicht zu perfekt, schon zu abgeklärt, um ihm den netten Jungen immer abzunehmen. Felipe Massa steht das Jungenhafte auch mit 26 noch ins Gesicht geschrieben, keiner kann große Augen machen wie er – auch wenn er noch so sehr versucht, erwachsen zu wirken. Ist zwar meist gut drauf, wirkt aber manchmal zu unscheinbar für einen echten Champion. VORTEIL HAMILTON

Die Autos

Schon in Singapur hat sich angedeutet: Der Ferrari liegt wieder richtig gut, und auf den drei ausstehenden Pisten wird keine extreme Aerodynamik mehr verlangt. Der Mix aus schnellen Geraden und langsamen Kurven sieht den F 2008 im Vorteil, zuletzt klappte das Aufwärmen der Reifen wieder besser und hielt über lange Distanzen an. Auch Hamilton weiß: "Generell sind die schneller als wir." Der McLaren-Mercedes hat Vorteile in der Qualifikation, im Regen und bei wechselnden Bedingungen. Und er ist zuverlässiger: Achtmal fielen die Ferrari übers Jahr aus (vier Motorenplatzer!), nur dreimal die Silberpfeile. Im Regen-Chaos des Vorjahres triumphierte Hamilton in Fuji, Massa wurde Vierter. VORTEIL: MASSA

Die Vorbereitung

Felipe Massa hat sich eine Woche lang auf einer Ferieninsel vor Malaysia vom Desaster beim letzten Rennen erholt. Urlaub für die Seele. Lewis Hamilton hat seine innere Balance mitten in der Hektik von Tokio gesucht – und gefunden. Kino, Computerspiele, Teppanyaki essen. "Das mag für alle anderen Menschen langweilig klingen, aber für mich ist es Erholung. Der Kopf muss mal zur Ruhe kommen." AUSGEGLICHEN

Die Teams

Nicht nur der Tankrüssel zum Misserfolg in Singapur überschattet die Leistungsfähigkeit der Scuderia. Schon mehrfach haben Patzer beim Boxenstopp oder in der Strategie wichtige WM-Punkte gekostet. Auf das elektronische Boxenauge wird verzichtet, stattdessen kommt wieder ein "Lollipop"-Mann zum Einsatz. McLaren hat sich nach dem Intrigenstadel vom Vorjahr gefestigt. In der Prestigewertung stehen die Silbernen mehr unter Druck: In diesem Jahrtausend gab es noch keinen Titel in der Fahrer- oder Konstrukteurs-WM. Hamilton hat sich zum Teamleader gemausert, während Kimi Räikkönen diese Rolle nie erfüllen konnte. "Das Team ist besser denn je." VORTEIL HAMILTON

Die Taktik

Ferrari muss aufs Ganze gehen, drei Doppelsiege fordert Luca di Montezemolo. Massa verbessert: "Nicht nur er, das wollen alle." Nicht können, müssen – das ist der Druck auf den Brasilianer. Hamilton dagegen kann auf abwarten fahren, er muss sich dazu nur das letzte Jahr in Erinnerung rufen, als er zu viel wollte und eine 17-Punkte-Führung verlor. "In dieser Saison schaue ich weniger auf den Sieg, mehr auf die Gesamtwertung." Dreimal Zweiter würde ihm in jedem Fall reichen. VORTEIL HAMILTON

Der Fahrstil

Kompromissloser als Hamilton fährt derzeit keiner, aber das ist nicht immer eine Stärke. Aber keiner traut sich mehr, riskiert so viel beim Überholen. Glänzt durch Übersicht, wenn er es nicht übertreibt. Massa ist so gut in Form wie nie, führt mit 5:4 Siegen gegen Hamilton, auch in Singapur hätte er ohne die Boxenpanne gewonnen: "So will ich weiterfahren. Aber diesmal werden wir versuchen, alles richtig zu machen. Es gibt keinen Grund, das Handtuch zu werfen." Massa kämpft immer noch dagegen an, von allen unterschätzt zu werden. Ist zu oft im Rennen nur Mitfahrer als Gestalter. Einen richtigen Zweikampf hat es zwischen den beiden auf der Piste kaum gegeben, gegenseitige Überholmanöver schon. "Ich fahre gern gegen ihn, denn er fährt leidenschaftlich", sagt Hamilton über Massa. Und der gibt zurück: "Es ist hart, mit Lewis zu lämpfen, aber ich respektiere ihn." VORTEIL HAMILTON

Das Privatleben

"Es ist gut, ein glückliches Leben zu haben", sagt Massa. Er ist ein erklärter Familienmensch, der Papa ist immer in der Box dabei. Hat nach der letzten Saison seine Freundin Anna Rafaela Bassi geheiratet. Auch Hamilton hält die Familienehre hoch, Papa Anthony ist sein Manager, Bruder Nicolas sein bester Kumpel. Pussycat Doll Nicole Scherzinger passt nicht so richtig ins Idyll. Aber kleine Fluchten braucht jeder. AUSGEGLICHEN

Die Helfer

Massa hat Weltmeister Räikkönen zur Unterstützung an seiner Seite, den er in den Qualifikationsduellen mit 11:4 abgefertigt hat. "Ich bin mir sicher, dass Kimi den Ernst der Lage erkannt hat. Ich erwarte, dass er in diesen drei Rennen zeigt, warum er Weltmeister ist", sagt Ferrari-Boss Montezemolo. Der Finne ist in der moralischen Verpflichtung, im letzten WM-Finale hat ihm Massa den Weg frei gemacht. Kimi Räikkönen scheint eher in der Lage, Hamilton wichtige Punkte wegzunehmen, als dass Heikki Kovalainen es schafft, vor Massa ins Ziel zu kommen. Der Finne im McLaren-Mercedes ist nur an einem besonders perfekten Tag mit den Ferrari-Piloten ebenbürtig. VORTEIL MASSA

Die Psyche

"Wir haben die große Chance, die nächsten drei Rennen zu gewinnen, wir müssen nur dran glauben", beschwört Massa. Für den Brasilianer ist dieses Finale auch die persönliche Bewährungsprobe: Immer noch traut man ihm die ganz große Nummer nicht so richtig zu. Hamilton hat seine zweite Saison zum persönlichen Lernjahr erkoren: "Ich habe aus meinen Fehlern gelernt und habe einen großen Schritt in meiner persönlichen Entwicklung gemacht. Als Fahrer fühle ich mich in dieser Phase der Saison stärker als im letzten Jahr." Das klingt entschieden und überzeugend. Der 23-Jährige mixt Kaltblütigkeit und Heißblut in sich. VORTEIL HAMILTON

Der Notfallplan

"Ich glaube ans Schicksal, meine Zeit wird kommen", sagt Hamilton für den Fall des neuerlichen Scheiterns. Er denkt nur kurz darüber nach. Massa beschäftigt sich als WM-Zweiter ausführlicher mit dem ungünstigeren Fall. "Wenn es nicht klappt, habe ich kein Problem mit einer Niederlage. Dann probiere ich es nächstes Jahr wieder." AUSGEGLICHEN

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