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Lewis Hamilton: Hinter dem Ruhm

Weltmeister Lewis Hamilton gilt als der Glitzerboy der Formel 1. Sein Weg an die Spitze aber begann in einer Sozialwohnung, sein Erfolg ist großem Willen geschuldet - und seinem behinderten Bruder.

Von Stephan Draf

Lewis Hamilton mit stylischer Sonnenbrille

Der Glitzerboy der Formel 1: Weltmeister Lewis Hamilton

Am Anfang eine leichte Frage für den Formel-1-Weltmeister, der so entspannt dasitzt, dicke Brillanten im Ohr, die sauteure Sonnenbrille zwischen den Fingern. Also: Wie fühlt sich eine perfekte Runde an? Tempo 250, enorme Fliehkräfte, die 21 Knöpfe und Regler am Lenkrad, die man dauernd und blitzschnell bedienen muss? Lewis Hamilton schaut. Überlegt. Windet sich in seinem Stuhl. Schließlich sagt er: "Wie soll ich das nur sagen?" Dann dehnt er sich erneut: "Geschmeidig. Aber auch total elektrisch. Ich sehe einen Schatten vor mir, den Geisterwagen aus der Playstation. Er ist immer leicht vor mir – in einer perfekten Runde überhole ich ihn." Das sei aber sehr selten, fügt er hinzu, eine perfekte Runde, pfff, eigentlich gebe es so etwas gar nicht. Was sei schon perfekt? So wenig.

Versucht sich der Glitzerboy der Formel 1 in Bescheidenheit?

Lewis Hamilton ist ein Mann, der immer sicher scheint. So dominant und klar in dem, was er tut: steigt in seinen Mercedes-Boliden und fährt Bestzeiten, eine nach der anderen. Gewinnt Rennen, als ob nichts dahintersteckt - außer Training, einem irren Auto und unerhörtem Talent. In der Hochgeschwindigkeitsbranche gilt Lewis Hamilton als der Fahrer, den zu schlagen als Heldentat gilt, ein Superstar, fast überirdisch. Als ein Goldjunge, der nicht nur zu Siegen in Serie rast, sondern auch noch sein Leben genießt: Gern düst er zwischen den Rennwochenenden in seinem Privatjet um die halbe Welt, um Boxkämpfen, Modenschauen, Musikgalas bei zuwohnen. Auf seinen Selfies lacht er in illustrer, höchst prominenter Gesellschaft, und sportlich ist er schon lange spitze: Zum ersten Mal wurde er 2008 Weltmeister, mit 23 Jahren, damals der jüngste aller Zeiten, in der vergangenen Saison wiederholte er den Erfolg, mit 30. In seinem Leben fehlt es an nichts, zur Bescheidenheit gibt es kaum Grund. Ist sie also doch nur Attitüde? Gibt es einen Grund für sein "Was ist schon perfekt?"?

Vielleicht eine Person, die nicht perfekt ist, nicht makellos.

Es war ein sonniger Tag in der Boxengasse, das übliche Gewusel aus Reich und Schön; Lewis Hamilton drehte gerade Trainingsrunden, da sah man ihn zum ersten Mal: einen etwa 1,60 Meter großen Mann, der lief wie ein Bogen unter Hochspannung. Das Becken weit vorgeschoben, seine Füße ziehen nach, die Arme wedeln. Wer ist das? Lewis’ Bruder, sagten die Umstehenden. Er heißt Nicolas, Lewis liebt ihn sehr.

Es ist zunächst unangenehm, Hamilton nach Nicolas zu fragen. Immerhin ist sein Bruder Familienmitglied, sichtbar behindert, die Frage könnte Lewis Hamilton als unverschämt intim empfinden. Aber der erinnert sich sofort, wie er sich als Siebenjähriger auf das neue Kind freute: "Ich weiß noch genau, wie glücklich ich war, als Nic geboren wurde." Endlich ein kleiner Bruder! "Alles war gut." Und blieb es nicht lange. Als Nicolas Hamilton 18 Monate alt war, erklärten die Ärzte den Eltern, dass der Junge nie laufen werde, Kinderlähmung, schwere Spastiken – schlimme Sache, nicht zu ändern. "Nicolas wusste natürlich nichts von dieser Diagnose", sagt sein Bruder, "er ist hingefallen. Und wieder aufgestanden. Hingefallen. Aufgestanden. Hingeknallt. Und wieder hoch. Auf der einen Seite - herzzerreißend. Andererseits - er war eine Inspiration."

Heute läuft Nicolas, die Bewegung gleicht einem Drahtseilakt, aber einem, der immer gelingt. Was schon erstaunlich ist. Wundersam ist, dass Nicolas noch viel schneller vorwärtskommt: in einem Rennwagen, als Fahrer in der britischen Tourenwagen-Meisterschaft; er wird dort bis zu 280 km/h schnell. Er schaltet mit einer Handkupplung, das Bremspedal hat Überbreite, damit das mitunter krampfende linke Bein sicher trifft. Wenn Nicolas Rennen fährt, ist das immer schmerzhaft. Rast er über Unebenheiten, "knallt schon mal mein Becken aus der Verankerung. Aber Schmerzen habe ich sowieso. Jeden Tag, den ganzen Tag." Beneidet er seinen Bruder? "Nein. Als ich zwölf war, da hatte Lewis schon großen Erfolg. Die Geldsorgen waren weg, ich hatte einen großen Bruder, den ich bewunderte. Das war bei Lewis ja nicht so."

Underdog, Übertalent

Als Lewis Hamilton in Stevenage, 40 Kilometer nördlich von London, geboren wurde, war die Bling-Bling-Welt der Formel 1 für die Familie so weit weg wie der Mars. Sein Vater Anthony, Nachfahre grenadischer Einwanderer, arbeitete bei der Bahn, eher schlecht bezahlt. Seine Mutter Carmen, Engländerin, Sekretärin. Die Eltern trennten sich, als Lewis zwei Jahre alt war. Später zog der Junge zu seinem Vater, Nicolas stammt aus dessen zweiter Ehe. Die Familie lebte in einer Sozialwohnung, anfangs schlief Lewis auf dem Sofa. Niemand litt Hunger, Lewis war ein normales Schulkind, aber Rennsport? Nicht doch. Und so fuhr Lewis Hamilton seine erste perfekte Runde mit einem ferngesteuerten Modellauto. "Ich habe es heute noch", sagt er 25 Jahre später, "es hat meinen Vater satte 250 Pfund gekostet, das war ein Vermögen." Aber schnell war er schon damals, mit sechs Jahren, die Erwachsenen im Modellautoklub schlug er allesamt. Seine erste Meisterschaft.


Hamilton erinnert sich sehr gut an diese frühen Zeiten, auch daran, wie er eines Winters ins Weihnachtszimmer schaute und etwas Unförmiges unter Geschenkpapier erblickte, seinen ersten Kart. Der Vater, ein guter Schrauber, hatte sich gebrauchte Teile besorgt und wochenlang im Gartenschuppen getüftelt. Die beiden übten auf der nahe gelegenen Rennbahn, Lewis machte sich gut. Der Betreiber bot an, dass der Junge mal mitmachen könne. Lewis startete aus den letzten Reihen und gewann sofort. Er umrundete das gesamte Feld. Nicht einmal. Zweimal.

Was zeichnet Ihren Bruder auf der Strecke aus? "Er bremst spät. Sehr spät. Ist bei mir übrigens genauso. Ist wohl das Hamilton-Gen" , sagt Nicolas Hamilton. Und wohl auch das Verdienst des Vaters, der für Lewis früh die Fahrlinien der älteren Kartfahrer analysierte, dann mit dem Sohn auf die Strecke ging und ihm die Bremspunkte zeigte: "Hier bremsen die anderen. Du bremst hier!" Und er wies auf einen Punkt zwei Meter näher am Kurveneingang. Lewis gehorchte – und flog von der Strecke. Dutzende Male. Dann kriegte er die Kurve und durchfuhr sie schneller als alle anderen. So ist das bis heute geblieben.

Nudelsuppe aus der Thermoskanne

Nicolas Hamilton war damals noch ein Kleinkind, das getragen werden musste. Er hat gute Erinnerungen an die Zeit, er fühlte sich geborgen in seiner Familie: "Wir verbrachten Lewis’ Rennwochenenden in dem immer gleichen, abgewrackten Van. Nudelsuppe aus der Thermoskanne, ich auf dem Schoß von Lewis, dann gewann er meist – das hat uns zusammengeschweißt, als Familie." Lewis Hamilton weiß noch, dass die Nudelsuppe aus der Tüte kam, erinnert sich aber viel stärker noch an das Gefühl des Underdogs: "Wir kamen in unserem Kastenwagen an, für uns war das Auto ein Königreich, aber es sah runtergekommen aus. In einem Jahr war mein Hauptkonkurrent ein Junge aus einer reichen Familie. Das war der Normalfall, Rennsport ist ja teuer."

Lewis Hamilton mit seinem Bruder Nicolas bei einer Filmpremiere

Lewis Hamilton mit seinem Bruder Nicolas bei der Filmpremiere von den "Minions" 2015 in London


Seine Augen werden nun schmaler; aus dem zweiten Stock des Mercedes-Motorhomes, eines luxuriösen Wohnwagen-Dinosauriers, blickt er auf das Treiben im Fahrerlager: "Aber der Vater dieses Knaben kaufte jedes Jahr ein neues Wohnmobil. Paläste waren das. Er stellte einen eigenen Mechaniker ein, der Kart war sowieso makellos. Und natürlich lag der Junge vor mir. Und wissen Sie, was im letzten Rennen passierte?" Hamilton ist laut geworden, im Motorhome sind alle ganz Ohr. "Zwei Runden vor Schluss fiel ihm ein Rad ab. Haha! Eigener Mechaniker! Jedenfalls: So wurde ich zum ersten Mal britischer Meister."

Zum Erfolg gezwungen

Der Junge aus armem Hause, diese Rolle wurde Lewis Hamilton damals zugeteilt. Er mochte sie nicht. Und hat das nie vergessen. Auch nicht, dass er jahrelang mit gebrauchten Karts fuhr. Vor allem nicht, dass sein Vater kündigte, sich auf dem freien Markt verdingte, zeitweise vier Jobs verrichtete und auf dem Höhepunkt der Geldmisere nachts für einen Makler die "Zu verkaufen"-Schilder aufstellte, für 50 Pence das Stück. "Wir hatten sehr wenig" , sagt Hamilton heute. "Wahrscheinlich bin ich deshalb so stolz auf alles, was ich besitze. Auf wirklich alles." Er meint die Sonnenbrille. Das Luxusapartment in Monaco. Den feuerroten Privatjet, ständig postet er Bilder aus dem Inneren nach draußen. "Ich weiß, es ist manchmal ein bisschen viel. Aber es war früher auch manchmal ein bisschen wenig."

Das bisschen wenig änderte sich, als Hamilton ins Förderprogramm von McLaren rutschte - der alteingesessene Formel-1-Rennstall besaß die Mittel und die Erfahrung, aus einem hochbegabten Piloten einen Formel-1-Champion zu machen. Das gelang. Das ist das schöne Ende der Geschichte.


Für den damals 13-Jährigen aber war der Druck ins fast Unerträgliche gestiegen. Lewis wusste, dass alle Hoffnungen seiner Familie auf ihm lasteten: "Ein Geheimnis meines Erfolgs ist, dass ich Erfolg haben musste. Nicht nur ein Rennen gewinnen, sondern immer wieder Rennen gewinnen. Sonst wäre alles vorbei gewesen." Wenn man ihn auf die Jahre unter Ron Dennis anspricht, dem gestrengen Chef des McLaren-Teams, sagt Hamilton: "Man muss lernen: Die Formel 1 ist quadratisch. Und wenn man selbst nicht quadratisch ist, dann muss man eben an sich herumdrücken, bis man hineinpasst." Er lächelt jetzt nicht mehr. Schaut nur noch aus schönen braunen Augen. Herr Hamilton, so wie Sie jetzt hier sitzen, was an Ihrem Outfit hätte Ron Dennis nicht gefallen? Grinsen: "Fangen wir oben an: Mit Sicherheit keine Baseballkappe – wir sind doch Engländer! Keine Ohrringe. Keine Brillanten. Nicht so ein buntes T-Shirt, lieber etwas mit dem McLaren-Logo." Dann streicht er über seine Arme, klapst auf seine Oberschenkel. "Keine Tattoos. Oh, Gott: definitiv keine Tätowierungen." Anpassung gegen Erfolg - so lautete der Deal dieser Jahre.

Abstecher in die Karibik

"Unterjocht war er", sagt Niki Lauda. "Ich glaube, Ron Dennis hat ihm auch vorgeschrieben, dass seine Haare immer raspelkurz zu sein hatten. Himmel, Lewis ist doch ein Künstler." Wenn der dreifache Weltmeister Lauda über Hamilton spricht, legt sich etwas Zärtliches über sein vernarbtes Gesicht. Hamilton sei natürlich ein Fahrerwunder, "mit dem festen Willen, immer aufs Neue Höchstleistung zu bringen" . Aber auch ein junger Mann, "dem man seine Jugend zu lange nicht gegönnt hat." Lauda, Aufsichtsrat des Mercedes-Teams und Hamiltons oberster Chef, nimmt deshalb dessen Hochgeschwindigkeitsleben gelassen hin. Vor einem Jahr, vor dem Rennwochenende in Monaco, saß er mit Hamilton beim Essen, sein Schützling sah müde aus, Lauda fragte nach dem Grund, Hamilton beichtete, dass er einen Abstecher in die Karibik gemacht hatte. "Ich fragte, wann er zurückgekommen sei. - Gestern. - Da habe ich gedacht: Oha, Jetlag ..." Am nächsten Tag bereitete sich die Mercedes-Box auf das erste Training zum Grand Prix vor, Lauda, wie üblich, mittendrin. Es fehlte: Lewis Hamilton. Sein Handy: tot. "Dann kam der Lewis, in letzter Minute, den Schlaf noch in den Augen. Und mit ganz schlechtem Gewissen. Ich bin auf ihn zu und hab gesagt: ‚Mach dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung.‘ Und dann?", fragt Lauda rhetorisch. Und vollendet triumphierend: „Er ist natürlich die schnellste Runde gefahren." Er holt sein Handy heraus, zeigt ein Bild, das Hamilton gepostet hat, Lauda und er Arm in Arm, darunter: "My boss and my good friend." Lauda murmelt: "Das hat mich sehr gefreut."

Lewis Hamilton sitzt mit Helm im Cockpit seines Boliden

Keiner fährt so rasant in die Kurven wie der Weltmeister von 2014: Lewis Hamilton.


Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff schwärmt von seinem Fahrer, spricht von Instinkt und Leidenschaft. Aber viel länger redet er über Eigenschaften, die so gar nicht zu einem 30-Jährigen passen, der in den kommenden drei Jahren 120 Millionen Euro verdienen wird, Werbeverträge nicht eingerechnet: "Mit ihm können Sie entspannt auf ein feines Dinner gehen. Er weiß sich zu benehmen, die Serviette liegt immer akkurat auf dem Schoss. Er spricht ein Tischgebet, still, für sich. Ist in der Formel 1 nicht selbstverständlich. Der Mann ist einfach gut erzogen." Wolff benutzt ein Wort, dass auch Lauda in den Sinn kam: "Introvertiert." Er lasse nicht viele an seinen Emotionen teil haben, und dieses Zurschaustellen seines Lebens, das mache er noch nicht lange. "Er kommt mir wie ein Schmetterling vor", sagt Wolff, "einer, der gerade aus dem Kokon schlüpft."

"Wertkonservativ", auch dieses Attribut passt zu Hamilton, nicht nur weil er E-Mails gern mit "God bless you" unterschreibt. Sondern auch, weil er fast wortgleich mit Nicolas betont, dass "die Familie das Wichtigste ist und bleiben wird" – ermeint Vater und Bruder, seine Stiefmutter, auch seine leibliche Mutter. Lewis hatte bislang nur zwei ernsthafte Beziehungen: eine Jugendliebe zu einer Hongkong-Chinesin. Danach folgte die von Tausenden Paparazzi-Bildern dokumentierte Beziehung zu der Popsängerin Nicole Scherzinger. Die Verbindung war zwar turbulent, hielt aber sieben Jahre. Seit Hamilton Single ist, reist er wieder allein. Na ja, nicht ganz: Seine Bulldoggen fliegen mit, im Jet haben Roscoe und Coco eigene Sitze.

Grenzen sprengen

Als zweifacher Weltmeister, da im Alltag nichts mehr an Stevenage denken lässt und er sich nicht mehr einpassen muss in eine quadratische Form, spreizt er wie ein Schmetterling seine Flügel, vielfarbig schillernd: Er will auch Musiker sein und Fashion-Ikone, will bester Freund seiner Rapper-Idole werden und gleichzeitig schnellster Rennfahrer bleiben. Der Mann, der gemischt ist und sich dennoch "schwarz" nennt, auch weil er "wegen meiner Hautfarbe in der Schule beim Fußball immer als Letzter in die Mannschaft gewählt wurde", will jetzt Vorbild sein, er spricht von Tiger Woods und den Williams-Schwestern, auch von Muhammad Ali, als Menschen, "die Grenzen gesprengt haben. Sie waren wie Steine, die man in ruhiges Wasser wirft. So ein Wellenmacher möchte ich auch sein." Weltmeister, Underdog, großer Bruder, Goldjunge. Wellenmacher.

Und so erzählt man am Ende Lewis Hamilton vom Schmetterling, vom Kokon. Gefällt ihm ganz gut, das Bild. Er schaut auf seinem Körper herum, dann deutet er auf den rechten Arm. "Ein Schmetterling", sinniert er, "das passt. Hierhin. Als Tattoo.“

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