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Erster Grand Prix in Russland Formel 1 erträgt Putin auf dem Podium


Die Formel 1 hat ihren ersten Grand Prix in Russland absolviert und Wladimir Putin einen weiteren Propaganda-Erfolg beschert. Doch sie dafür zu kritisieren, ist überzogen.
Ein Kommentar von Tim Schulze

Vielleicht war es nur Zufall, dass der russische Präsident ausgerechnet kurz vor dem ersten Formel-1-Grand-Prix in Russland für Entspannung im Ukraine-Konflikt sorgte. Wladimir Putin ordnete den Abzug von 17.000 Soldaten aus dem Grenzgebiet zum Nachbarland an. Angeblich sei ein großangelegtes Manöver zu Ende und die Soldaten hätten ihre Aufgabe erfüllt. Vielleicht war es aber auch Absicht, dass Putin den Zeitpunkt vor dem historischen Rennen in Sotschi nutzte, um positive Nachrichten zu liefern. Auf jeden Fall lief die Meldung vom russischen Truppenabzug in der Nacht vor dem sportlichen Großereignis über die Nachrichtenticker.

Genau wie bei den Olympischen Winterspielen im Februar gab es ein extremes Sicherheitsaufgebot. RTL-Kommentator Heiko Wasser merkte an, dass sich wahrscheinlich mehr Sicherheitsbeamte als Gridgirls auf der Rennstrecke tummelten. Putin und sein Apparat überließen nichts dem Zufall. Ob dazu auch gehörte, dass Putin zu spät an der Rennstrecke auftauchte, ist nicht bekannt. Ursprünglich hatte es geheißen, der Präsident wolle durch die Startaufstellung vor dem Rennen gehen und jedem Fahrer die Hand schütteln. Stattdessen übernahm Vizeministerpräsident Dmitri Kosak die Aufgabe.

Putin verspätet sich

Putin erschien erst, als das Rennen längst lief. Auf der Tribüne verfolgte er das Rennen gemeinsam mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, beide trugen strahlend weiße Hemden. Nach der Zieleinfahrt eilte Putin sogar in die Fahrerkabine, um Gewinner Lewis Hamilton, dem Zweiten Nico Rosberg und dem drittplatzierten Valtteri Bottas zu gratulieren. Das war eine außergewöhnliche Geste, weil ein hochrangiger Politiker normalerweise nie dorthin geht, wo die Fahrer verschwitzt auf die Siegerehrung warten. Doch es fand schließlich vor einem Millionenpuplikum statt. Putin ganz menschlich.

Das Ganze wirke ein wenig skurril. Putin stand da, tauschte ein paar Sätze mit Offiziellen, während Ecclestone wie ein kleiner Schuljunge in der Ecke stand und offensichtlich nicht so recht wusste, was er hier machte. Ein Smalltalk mit dem russischen Präsidenten vor laufender TV-Kamera ist nicht jedermanns Sache. Zur Siegerehrung enterte Putin das Podium und überreichte den Fahrern die Pokale, während die Zuschauer laut applaudierten. Hamilton bedankte sich artig und routiniert: "Es war eine großartige Erfahrung und eine wunderbare Woche hier in Russland." Putin hatte also die Bilder, die er wollte.

Die Formel 1 musste sich im Vorfeld des Russland-Grand-Prixs Kritik anhören. Britische Politiker hatten im Sommer sogar einen Boykott wegen der Annexion der Krim und Russlands Rolle im Ukraine-Konflikt gefordert. Natürlich kam es nicht zu einer Absage, genau wie bei dem Rennen in Bahrain vor anderthalb Jahren, als die Forderungen massiver waren.

Der Sport ist der Politik ausgeliefert

Der Formel 1 geht es um ihren Sport und Bernie Ecclestone ums Geschäft - und das ist bei aller Kritik in diesem Fall berechtigt. Der Rennzirkus hat nicht die Aufgaben der Politik zu übernehmen. Sollen etwa auch alle Fußballspiele mit russischen Mannschaften in der Champions League und der Europa League abgesagt werden? Oder hätten die Fechtweltmeisterschaften unlängst im russischen Kasan abgeblasen werden müssen? Oder die Olympischen Spiele 2008 in Peking?

Der Sport befindet sich in einem Widerspruch, der nur schwer aufzulösen ist. Er will sich nicht durch die Politik instrumentalisieren lassen. Doch selbstverständlich nutzt die Politik sportliche Großereignisse für schöne Bilder. Dem ist der Sport ausgeliefert - ob er will oder nicht. Die Bilder mit Angela Merkel aus der Kabine der deutschen Nationalelf in Brasilien sind bestens in Erinnerung. Selbstverständlich gibt es Grenzen. Aber die sind im Fall des russischen Grand Prix nicht überschritten worden.


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