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Großer Preis von China: Zweikampf mit Wunderkind Leclerc: Sebastian Vettel muss liefern - sonst ist er geliefert

Sebastian Vettel hat ein ernstes Problem: Es heißt Charles Leclerc, sein neuer Teamkollege bei Ferrari. Beim Grand Prix von China muss der Deutsche schneller sein als das Wunderkind, sonst droht er seinen Status als Nummer eins zu verlieren.

Sebastian Vettel (l.) und Charles Leclerc: Noch geht es gesittet zu zwischen den beiden Ferrari-Piloten

Sebastian Vettel (l.) und Charles Leclerc: Noch geht es gesittet zu zwischen den beiden Ferrari-Piloten

DPA / AFP

In der Formel 1 existieren einfache Wahrheiten. Die wichtigste lautet: Du musst schneller sein als dein Teamkollege. Eine andere Wahrheit besagt: Du bist immer nur so gut wie dein letzter Erfolg. Gemessen daran muss sich Sebastian Vettel, 31, ernsthafte Sorgen machen. In den ersten beiden Rennen war er langsamer als sein Teamkollege Charles Leclerc, 21. Schon beim Großen Preis von China geht es deshalb für Vettel um seinen Status als Nummer eins bei der Scuderia. Er muss Leclerc am Sonntag in Shanghai schlagen - am besten als Rennsieger.

Melbourne und Bahrain haben gezeigt: Mit Leclerc hat Vettel einen Hochbegabten als Teamkollegen. Der Franzose Leclerc gibt sich zwar nach außen hin bescheiden. "Die Formel 1 ist ein schnelllebiges Geschäft. Nach Melbourne hatte mich niemand auf der Rechnung, jetzt jeder. Abwarten", sagte er nach dem Rennen in Bahrain. Doch das war nur Höflichkeit, um den drohenden Konkurrenzkampf verbal nicht zusätzlich zu befeuern. Zu viel Medienwirbel schadet dem Team und damit auch ihm. Das weiß er natürlich. 

Charles Leclerc will angreifen

Leclerc tritt deshalb bescheiden auf, dennoch wird er sich nicht einfach mit dem Status als zweiter Fahrer zufrieden geben - das hat er schon bewiesen. Beim Saisonauftakt in Melbourne hielt er sich noch brav an die Teamorder, obwohl er schneller als Vettel wahr. Aber er setzte ein deutliches Zeichen: Er fuhr in den letzten Runden dicht auf Vettel auf, ganz nach dem Motto: "Seht her, ich bin schneller." Auf das Podium schafften es beide nicht. Vettel wurde Vierter, Leclerc landete dahinter.

In Bahrain verlor Leclerc zunächst den Start, schloss aber in der sechsten Runde zu Vettel auf und überholte ihn ohne Probleme - die Teamorder ignorierte er kühl. Er beeindruckte mit seinem Tempo, er war schneller als Vettel und schneller als der fünffache Weltmeister Lewis Hamilton im Mercedes, der allerdings mit seinem Auto zu kämpfen hatte. Den ersten Grand-Prix-Sieg verpasste Leclerc nur, weil sein Motor an Leistung verlor und er deswegen vom ersten auf den dritten Rang zurückfiel. Hamilton gewann und zollte der Leistung des jungen Kollegen großen Respekt: "Charles hat wirklich einen sehr guten Job gemacht. Eigentlich hätte er das Rennen gewinnen müssen. Charles hat noch viele Siege vor sich, das ist, ganz, ganz sicher."

Sebastian Vettels Status ist angeknackst

Vettel hingegen brachte sich selbst durch einen Dreher um den zweiten Platz - es war eine mittlere Katastrophe für den vierfachen Weltmeister: "Ich weiß, dass ich es besser kann", gab er zu. Am Ende reichte es zu einem fünften Platz, das ist zu wenig für Ferraris Ansprüche.

Nun sind die ruhigen Zeiten neben dem Veteranen Kimi Räikkönen, der keine Gefahr für ihn bedeutete, Vergangenheit, aktuell ist Vettels Status bei Ferrari angeknackst. Das beweist die Aussage von Teamchef Mattia Binotto, der bemüht diplomatisch war: "Wenn es zu einer 50:50-Situation kommt, in der wir abwägen müssen, dann würden wir Sebastian bevorzugen. Ganz einfach, weil er die meiste Erfahrung im Team und in der Formel 1 hat. Er war vier Mal Weltmeister und ist für uns der Fahrer mit der größten Wahrscheinlichkeit auf eine Rolle im Titelkampf." Dann folgten die entscheidenden Sätze: "Aber sollte sich die Situation in den kommenden Rennen ändern, aus welchen Gründen auch immer, dann könnten wir unsere Haltung ebenfalls ändern. Auf der Strecke dürfen sie gegeneinander fahren. Wer schneller ist, wird den Vorteil kriegen." Und, nun ja, es war ziemlich offensichtlich zu sehen, wer der Schnellere in den ersten beiden Rennen war.

Eine weitere Niederlage würde Vettels Position weiter schwächen

Eine weitere Niederlage würde Vettels Position bei Ferrari nachhaltig schwächen. Die Formel 1 ist ein brutaler Sport, sie ist aber in gewisser Weise auch der ehrlichste, weil sie keine Rücksicht auf Status und Titel nimmt. Bist Du langsamer, verlierst Du den Sitz im Cockpit oder darfst als Erfüllungsgehilfe dienen - letzeres ist für einen wie Vettel, der mit vier WM-Titel zu den Größten seines Sports gehört, nicht denkbar.

Gut möglich also, dass sich ein erbitterter Zweikampf entwickelt, die schon immer großes Theater waren. Nur zwei Beispiele: Als ein gewisser Lewis Hamilton vor zwölf Jahren als Frischling zu McLaren kam, bekriegte er sich mit dem Platzhirsch Fernando Alonso. Am Ende verloren das Team und Alonso den Titelkampf gegen Ferrari. Vettel lieferte sich einst bei Red Bull einen erbitterten Zweikampf mit Mark Webber. Der Unterschied zur Gegenwart ist: Vettel war damals der stärkere Pilot und hatte den größeren Rückhalt im Team. 

Diesmal scheint Vettel vor einer neuen Situation zu stehen. Er hat nun den schnellen Jungspund als internen Gegenspieler. Und das gefährdet auch seinen größten Traum: den Titel für die Roten zu gewinnen. Ohne eine klare Hierarchie wirst Du nie Weltmeister - das ist eine weitere Wahrheit der Formel 1.

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