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Sex-Skandal: Macht, Geld und dazu ein wenig Sport

Der Skandal in der Formel 1 erreicht politische Dimensionen. Nachdem die großen Auto-Motorenhersteller ihren Unmut geäußert haben, setzt sich "Mad Max" jetzt zur Wehr. Dabei wird schnell klar: Der Respekt vor der Machtfülle des Briten ist riesengroß, zu bedeutend ist Mosleys Position im Millionengeschäft Formel 1.

Von Elmar Brümmer, Bahrain

Die kreiselnden Rennwagen allein sind es nicht, die der Formel 1 ihre sagenhafte Popularität verschaffen - es ist vor allem der Cocktail aus Sport, Show und Skandalen. Selbst wenn dabei der gute Geschmack oder gar Gesetze verletzt werden, hat das bisher dem Image in keinster Weise geschadet. Die Spionageaffäre des vergangenen Jahres ist das beste Beispiel dafür. Die These steht jetzt auf dem moralischen Prüfstand, wenn es um die Spielchen von Max Mosley geht, dem mächtigsten Mann im Motorsport.

Auch dieser Fall könnte mysteriöser sein als gedacht. Bleiben wieder keine Kratzer zurück? Mosley wehrt sich, obwohl ihn die Veranstalter des Großen Preises von Bahrain am Wochenende ausgeladen haben, standhaft gegen einen Rücktritt. Der Präsident des Automobilweltverbandes FIA nimmt den Kampf um sein Lebenswerk auf - und tritt gegen die Konzerne BMW, Mercedes, Honda und Toyota an. Der delikate Fall illustriert prima die Verflechtung von Verband und Formel 1.

Respekt vor der Machtfülle Mosleys

Die Werke glauben nach jahrelangen Maßregelungen jetzt erstmals die Oberhand zu bekommen. Aber die Angst, der angeschlagene Machthaber könne zurückschlagen, ist offenbar immer noch groß. In den wohl formulierten Erklärungen, an denen vier Tage lang gebastelt wurde, wird nicht direkt auf die Person Mosley Bezug genommen. Es wird auf grundsätzliche Moralvorstellungen verwiesen und die generelle Vorbildfunktion von Spitzenfunktionären. Der Automobilweltverband möge doch dementsprechend reagieren. Mosley hat nach Angaben von "auto, motor und sport" gewusst, dass er seit Wochen ausspioniert wird, Geheimdienste hätten ihn vor Detektiven und Computerhackern gewarnt. Die Tücke liegt im Detail, die Lücke auch - ganz wie im Reglement der FIA.

Abwahl nicht möglich

Die Mehrheit der FIA-Funktionäre wähnt Mosley wie immer hinter sich, weshalb sich der demnächst 68-Jährige schnellstmöglich und sehr selbstbewusst der Generalversammlung seines Verbandes in Paris stellen will, um die Auswirkungen der Berichterstattung zu diskutieren. Abgewählt werden kann der Brite vor Ende seiner Amtszeit im Herbst 2009 so einfach nicht. Die FIA setzt sich aus den Abgeordneten der nationalen Automobilclubs zusammen, für Deutschland sitzt ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk in diversen Gremien. Ausschüsse, die bisher nicht gerade für Revolten bekannt waren. Immerhin hat der ADAC sich jetzt als erste Organisation vorgewagt, sogar in verhältnismäßig scharfem Ton: "Das Amt des Präsidenten, der weltweit über 100 Millionen Autofahrer repräsentiert, darf nicht durch eine derartige Affäre belastet werden. Aus diesem Grund wird dem FIA-Präsidenten nahe gelegt, sorgfältig über seine Rolle in der Organisation nachzudenken."

Das Abwägen des öffentlichen Interesses und der eigenen Interessen ist in diesem Fall nicht nur eine moralische Frage. Die FIA, die sich auch um Tourismus und Straßenverkehr zu kümmern hat, lebt vor allem von den Einnahmen aus der Formel 1. Davon lebt es sich in den letzten beiden Jahrzehnten hervorragend, seit Mosley an der Spitze steht und den Doppelpass mit seinem langjährigen Weggefährten Bernie Ecclestone pflegt. Mosley hat als Reformer befreiend gewirkt nach der Ära des - wegen seiner undurchsichtigen Verwicklungen im Zweiten Weltkrieg - umstrittenen Jean-Marie Balestre. Der verstarb übrigens an jenem Freitag, an dem Mosley mit den fünf Prostituierten erwischt wurde.

Letztlich geht es nur ums Geld

Vermarkter Ecclestone (77) war früher sogar FIA-Vizepräsident, ehe sich die Wettbewerbshüter für das Geflecht interessierten. Die Strukturen wurden den Wünschen aus Brüssel angepasst, aber am Macht-Gefüge hat sich wenig geändert: Mosley macht die Gesetze, Ecclestone macht die Geschäfte. Und Mister E., jüdischer Abstammung, hat bislang keinerlei Zweifel an der Integrität Mosleys gesehen, auch nicht, wenn es sich bei den geschmacklosen Sex-Spielchen wirklich um eine "Entlausung" gehandelt haben könnte. Wie es um die Loyalität bestellt sein wird, wenn das Formel-1-Geschäft durch Vorbehalte gegen Mosley direkt betroffen ist, wird sich zeigen. Geht es ums Geld könnte es richtig eng werden. Jetzt liegt es an den Automobilherstellern, die in ihren Statements vom Donnerstag in seltener Einmütigkeit mehr oder weniger verklausuliert den Rücktritt Mosleys, zumindest aber eine Reaktion der FIA forderten. Das hat selbstverständlich mit den moralischen Vorstellungen zu tun, gerade bei den deutschen Konzernen, aber es ist auch die erste Chance, Gegendruck auf den mächtigen Gesetzeshüter auszuüben. Mosley hatte um die Jahrtausendwende den Vorstoß der Werke, mehr Transparenz in die Entscheidungsfindung und Geldverteilung des Milliardengeschäfts Formel 1 zu bringen, mit harter Hand gestoppt. Die Idee einer Gegenserie scheiterte damals vor allem aber an der Uneinigkeit der konkurrierenden Hersteller, Ferrari war als erstes Team wieder ausgestiegen. In dieser brüchigen Allianz liegt Mosleys zweite Chance, seinen Posten zu retten. Die von ihm - zum Teil gegen den Willen der Industrie - drastischen Regeleinschränkungen bieten viel Verhandlungsspielraum. Der Respekt vor der Macht Mosleys ist immer noch groß. Und damit auch die Angst, sich zu weit hinauszulehnen, falls Mosley doch noch im Amt bleibt. Die FIA ist von der Machtstruktur und der Unempfindlichkeit her mindestens so stabil Verband wie die FIFA und das IOC. Für Funktionäre gelten eigene Verkehrsregeln.

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