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Silberpfeil-Präsentation: "Den Schinken nach Hause bringen"

Frühstart mit der Frühschicht: Noch 68 Tage sind es bis zum Beginn der neuen Formel-1-Saison, aber das Kopf-an-Kopf-Rennen der Rivalen Ferrari und McLaren-Mercedes läuft bereits auf Hochtouren.

Von Elmar Brümmer, Stuttgart

McLaren-Mercedes zelebrierte die Enthüllung des neuen Silberpfeils im werkseigenen Stuttgarter Museum mit großem Staraufgebot: Daimler-Boss Dieter Zetsche gab sich die Ehre, Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger, der britische Botschafter Sir Michael Arthur und selbst Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone saßen am schwarzen Laufsteg, auf dem der blitzende Rennwagen herein geschoben wurde. Richtig fahren wird er erst am Mittwoch im spanischen Jerez. Für 700 Mitarbeiter der Frühschicht aus dem nahen Mercedes-Werk war es trotzdem der beste Arbeitstag des Neuen Jahres: Sie durften bei der Präsentation Spalier stehen. Der Begriff "Montagsauto" bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Es ist das Jahr der Rehabilitation für die Fast-Weltmeister von McLaren-Mercedes, die zum Ende der letzten Saison schwer gedemütigt wurden. Die Töne an historischer Stätte waren optimistisch, aber reserviert. Aber mit der Zurückhaltung wird schnell Schluss sein: Etwas anderes als der Titelgewinn kommt weder für Mercedes, noch für McLaren, noch für Lewis Hamilton infrage. Nur so kann das Schandjahr vergessen gemacht werden. Am Anfang ist noch Zeit für Nettigkeiten: Erstmals in der britisch-schwäbischen Teamgeschichte wurde ein neues Formel-1-Auto auf deutschem Boden enthüllt.

"Weniger Politik in der neuen Saison"

Dafür gibt es natürlich gute logistische Gründe, aber die Symbolik ist nicht zu übersehen: McLaren hat viel gut zu machen, auch gegenüber Mercedes. Die Spionageaffäre, die mit einem Komplettgeständnis von Teamchef Ron Dennis und einer Strafe von 100 Millionen Dollar endete, liegt noch wie ein Trauerschleier über dem Silberpfeil. Das Desaster auf höchstem Niveau war komplett, als der zum Greifen nahe WM-Titel in den letzten beiden Rennen verpatzt wurde und man sich anschließend vom gescheiterten Fernando Alonso trennte. Der umstrittene Dennis trat 68 Tage vor dem Saisonstart Mitte März in Melbourne dennoch nicht als Büßer vor's Premierenpublikum, aber seine einzige Ansage lautete: "2008 ist ein Jahr des Vorwärtsdenkens." Dieter Zetsches Neujahrsvorsatz zielt in die gleiche Richtung: "Wir wollen das Feld anführen." Allerdings - ebenfalls eine Folge des Spionageurteils - mit den beiden letzten Startnummern, 22 und 23.

Die 23 war die Zahl des Montags: Der neue, kompakter wirkende Silberpfeil hört auf das Typenkürzel MP 4-23, vor allem wurde Vize-Weltmeister Lewis Hamilton 23 Jahre alt. Als Bevorzugung gegenüber seinem neuen Teamkollegen Heikki Kovalainen (26) kann das Ziffernspiel nicht gewertet werden: Im Rennen fährt der Brite Auto Nummer 22. Doch am Führungsanspruch Hamiltons besteht - trotz offizieller Gleichberechtigung - in diesem Jahr kein Zweifel. Am Ehrgeiz ohnehin nicht, wie Dieter Zetsche befriedigt zitiert: "Lewis will den Schinken nach Hause bringen." Hamilton macht sein Anspruchsdenken auch in gewählteren Worten deutlich: "Unser Auto ist besser, das Team ist stärker, und ich bin auch gewachsen, physisch und psychisch noch stärker geworden. Der MP 4-23 ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk, ich wünsche mir aber allerdings weniger Politik in der neuen Saison." Der WM-Vize will ein Intensivtäter bleiben: "Mein zweites Jahr in der Formel 1 kann nur noch besser werden. Ich habe auch eine Menge von Fernando Alonso gelernt... Druck ist kein Problem für mich."

Haug zuversichtlich

Der Panoramablick aus dem Untertürkheimer Historientempel zeigt beinahe symbolisch, wo die Herausforderung liegt: Man blickt genau auf ein rotes Dach (der Vereinszentrale des VfB Stuttgart). Die Roten im Motorsport, Ferrari, sind bereits am Sonntag angetreten, um Fahrer- und Konstrukteurstitel zu verteidigen. Dass die Italiener in diesem kleinen Prestigerennen um die erste Fahrzeugvorstellung die Nase vorn haben, schreckt Mercedes-Sportchef Norbert Haug nicht: "Wichtiger ist es, am Ende bei der Addition der Punkte vorn zu sein, als bei der Präsentation."

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