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Vettel verteidigt Formel-1-Titel Quantensprung des Wunderknaben


Sebastian Vettel hat die Konkurrenz in diesem Jahr abgehängt, weil er und sein Team sich am rasantesten entwickelt haben. Bleibt es dabei, wird er die Formel 1 dominieren wie einst Michael Schumacher.
Von Tim Schulze

Sogar das hat Sebastian Vettel geschafft: Er hat Suzuka wieder zum Entscheidungsort der Formel 1 gemacht, obwohl der Große Preis von Japan schon seit Jahren im Rennkalender vorgerückt ist, und nicht wie früher am Ende der Saison liegt. Vettel ist in dieser Saison so dominant gefahren, dass er bereits vier Rennen vor Schluss seinen Titel verteidigt hat. Und vielleicht wird man über Suzuka 2011 einmal so ehrfurchtsvoll reden wie über das Jahr 2000, als Michael Schumacher in Japan seinen ersten Titel im Ferrari gewann. Bekanntermaßen war das der Auftakt einer Ära, in der Schumacher die Formel 1 beherrschte wie noch kein Fahrer vor ihm. Die Geschichte ist bekannt.

Jetzt also wieder Suzuka. Elf Jahre Jahre später hat sich Sebastian Vettel mit 24 Jahren zum jüngsten Doppelweltmeister aller Zeiten gekrönt und damit Fernando Alonso abgelöst, der das Kunststück 2005 und 2006 mit 25 Jahren vollbrachte. Aber es ist ja nicht nur dieser Rekord, der beeindruckt. Es ist die unglaubliche Überlegenheit mit der Vettel in seinem Red-Bull-Boliden, dem RB 7, die Konkurrenz in Grund und Boden gefahren hat, die zu Vergleichen mit dem Rekordweltmeister anspornt und von dem möglichen Beginn einer Ära fabulieren lässt.

Vettel ist ein großer Teamplayer


In nackten Zahlen drückt sich das so aus: Bislang hat Vettel neun Saisonsiege gefeiert, zwölf Mal ging er von der Poleposition ins Rennen. Zum Vergleich: Der Zweite in der WM-Wertung, der McLaren-Pilot Jenson Button, schaffte bislang drei Saisonsiege und keine Pole. Vettels Teamkollege, Mark Webber, kam bis jetzt auf drei Polepositionen und gewann kein einziges Rennen, obwohl er in einem identischen Auto sitzt. Das spricht für die überragenden Fähigkeiten des Heppenheimers. Vettel hat die Konkurrenz während der WM zu Zaungästen degradiert. Im vergangenen Jahr waren Auto und Fahrer in ihrer Leistung nicht so konstant. Vettel beging hanebüchene Fehler, weil sein brennender Ehrgeiz allzu häufig die Oberhand gewann über eine kühl abwägende Taktik. Erst als er das einsah, setzte er 2010 zum grandiosen Endspurt an. In diesem Jahr hat Vettel seine Entwicklung forciert. Er ist vom Wunderkind zum Superstar gereift.

Red Bull und Vettel haben in dieser Saison den größten Entwicklungsschub von allen Teams durchgemacht, beide haben zum großen Sprung angesetzt. Das Auto des genialen Konstrukteurs Adrian Newey ist zuverlässiger geworden, das ist ein wichtiger Faktor. Vettel ist der einzige Pilot, der bislang immer die Ziellinie passiert hat. Doch die entscheidende Rolle in diesem Prozess spielt der 24-Jährige. Große Fahrer sind auch immer große Teamplayer, die die eigene Mannschaft motivieren und mitreißen. Vettel ist so einer. Helmut Marko, der Motorsportchef von Red Bull und Vettel-Entdecker, beschreibt in einem Interview, wie Vettel nach dem Desaster in Korea im vergangenen Jahr das vollkommen niedergeschlagene Team wieder aufrichtete: "Das war einmalig, weil es aus dem Selbstvertrauen kam, dass er in dieser Saison getankt hatte, aus dem Wissen, was er bewegen kann." Hinzu kommt eine weitere Fähigkeit: "Vettel hat das Knowhow, das die Ingenieure zum Optimum treibt. Dafür ist Intelligenz nötig. Und Fleiß. Er ist immer bei den Letzten, die das Fahrerlager verlassen."

Webber zum Adjutanten degradiert


Das Ergebnis war, dass die Bullen zum Saisonauftakt in Melbourne genau da weiter machten, wo sie in der vergangenen Saison in Abu Dhabi aufgehört hatten. Sie siegten. Vettel gewann in Melbourne hoch überlegen. Er raste sechs Mal in den ersten acht Rennen zum Sieg – da war die Weltmeisterschaft schon so gut wie entschieden. Teamkollege Mark Webber, der vergangene Saison noch ein ernstzunehmender Konkurrent war, degradierte Vettel in diesem Jahr zum Adjutanten. Es ist in diesem Jahr ohne Chance gewesen, weil der junge Teamkollege deutlich weniger Fehler machte und kaum Schwächen zeigte. Vettel hasst es zu versagen. Als Jenson Button einen Fahrfehler Vettels beim Rennen auf dem Hungaroring in der letzten Runde ausnutzte und ihm den Sieg vor der Nase wegschnappte, stand Vettel wie ein gegossener Pudel auf dem Podium. Als Zweitplazierter wohlgemerkt.

Dieser Ansporn, immer der Beste zu sein, paart sich dabei mit jungenhaftem Charme und einem Witz, die nichts überspielen sollen. Der Mann ist einfach so. Vielleicht sind es neben seiner fahrerischen Bilanz diese Eigenschaften, die ihm im Fahrerlager großen Respekt verschaffen. So beliebt war Michael Schumacher nie, der setzte sich oft mit robusten Remplern und zweifelhaften Manövern auf der Piste durch. Oder ist es vorstellbar, dass der junge Schumacher dem übermächtigen Formel-1-Boss Bernie Ecclestone zum 80. Geburtstag eine Gehhilfe mit den Notfallknöpfen "Nurse", "Viagra" und "Pasquale" (Ecclestones rechte Hand) geschenkt hätte, wie Vettel es getan hat.

Großer Ansporn bedeutet große Emotionen


Wie stabil und gefestigt das Team und Vettel in dieser Saison sind, bewiesen sie spätestens als der Motorsport-Weltverband, die Fia, in der Mitte der Saison versuchte, die Dominanz des Bullen-Boliden durch Regeländerungen einzudämmen. Die Fia verbot das Zwischengas, das für mehr Abtrieb sorgte. Das war bis zu diesem Zeitpunkt die große Stärke von Vettels Autos: das hohe Tempo in den Kurven, während der Topspeed nicht mit der Konkurrenz mithält. Vettel fuhr zwar in den nächsten drei Rennen keinen Sieg mehr ein – aber er und sein Team kamen zurück. Die Fia-Maßnahmen verpufften wirkungslos. Die Stärke eines Rennstalls und eines außergewöhnlichen Piloten hängen eben nicht nur an einem technischen Trick. In Spa-Francorchamps und auf Ferraris Hausstrecke in Monza fuhr der Heppenheimer der Konkurrenz wieder auf und davon auf Kursen, die schnell sind, und deshalb nicht als ideal für das Red-Bull-Auto gelten.

Dass großer Ansporn auch große Emotionen bedeutet, zeigte Vettel auf dem Podium in Monza, wo er reichlich Tränen vergoss. Hier in der Nähe von Mailand war ihm 2008 im Toro Rosso der Durchbruch gelungen, als er seinen ersten Sieg errang. Selbstverständlich als jüngster Formel-1-Pilot, dem das jemals gelang. Niki Lauda bekam sich nach dem Rennen in diesem Jahr gar nicht mehr ein: "Was der fehlerfreie Deutsche beim Grand Prix von Italien gezeigt hat, war nicht nur Weltklasse. Das war einfach phänomenal, gigantisch und magisch."

Vettel wird mit seinem Team in Suzuka die Nacht zum Tage machen, die WM ist gelaufen. Der Konkurrenz ist in diesen Stunden nichts anderes übrig geblieben, als artig zu gratulieren. Jetzt gibt es noch vier Rennen, die alle Teams als Testfahrten für die neue Saison nutzen werden. Ferrari, McLaren und Mercedes bleibt da nur die vage Hoffnung, dass Vettel und Red Bull nicht zum nächsten Quantensprung ansetzen.


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