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Peking 2022 Maulkorb aus Fernost bei den Winterspielen? China droht ausländischen Sportlern Konsequenzen an

Ein Mann steht vor dem Logo der olympischen Winterspiele 2022 in Peking
Dürfen sich Sportler bei den Winterspielen in Peking politisch äußern? Die Organisatoren drohen den Sportlern mit Konsequenzen, wenn sie sich über China äußern.
© Jade Gao / AFP
Kurz vor dem Start der Olympischen Winterspiele in Peking droht China ausländischen Sportlern mit Konsequenzen – sollten diese sich politisch bei den Spielen zu China äußern. Die Initiative Athleten Deutschland sieht das IOC in der Pflicht zu handeln.

Es war eigentlich nur eine Pressekonferenz in der Vorbereitung auf die anstehenden Winterspiele in Peking – eine Aussage hatte es dabei aber in sich und lässt die Alarmglocken bei Menschenrechtlern schrillen. Yang Shu, Mitglied des Organisationskomitees, warnte ausländische Sportler unverhohlen davor, während der Spiele politische Äußerungen zu tätigen. "Jede Äußerung, die dem olympischen Geist entspricht, wird geschützt sein. Jede Aussage oder jedes Verhalten, das gegen den olympischen Geist, vor allem aber gegen chinesische Gesetze und Regularien verstoßen, werden Konsequenzen haben", warnte Yang Shu. Über die Äußerungen des Mitglieds hatten die "Washington Post" und die Nachrichtenagentur "Reuters" berichtet. Eine deutliche Warnung gegenüber tausenden ausländischen Sportlern, die in den nächsten zwei Wochen in Richtung China aufbrechen werden.

Die Spiele in China stehen schon lange unter Beobachtung. Nicht nur Menschenrechtsorganisationen hatten die Vergabe nach Peking wegen der Misshandlung und Verfolgung von Uiguren und anderen muslimischen Minderheiten sowie weiteren Menschenrechtsverstößen kritisiert. Auch das plötzliche Verschwinden der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai sorgte Ende 2021 für deutliche Kritik am Internationalen Olympischen Komitee (IOC), ebenso wie Aussagen von IOC-Funktionär Richard Pound. Der erklärte in einem Interview, noch nie etwas von der Misshandlung der Uiguren gehört zu haben und stellte nebenbei in Frage, ob es die Verfolgung überhaupt geben würde.

Politische Äußerungen sind laut IOC-Charta erlaubt

Zurück zu Yang Shu: Das Mitglied drohte laut "Reuters" mit einem Entzug der Akkreditierung als mögliche Bestrafung bei einem Regelverstoß – was so auch in den Richtlinien des "Playbooks" stehen würde, die das IOC veröffentlicht hat. Das 70-seitige Dokument, abrufbar auf der Seite des IOC, behandelt jedoch fast ausschließlich Vorgaben zur Vermeidung von Corona-Infektionen und beschäftigt sich nicht mit politischen Themen.

Wie und ob politische Äußerungen erlaubt sind, ist in der olympischen Charta festgelegt. Dort heißt es unter Regel 50.2, dass politische Äußerungen bei Wettkämpfen oder Medaillenvergaben nichts zu suchen haben, bei Pressekonferenzen, Interviews oder in sozialen Medien jedoch erlaubt sind. Beim Verein Athleten Deutschland, der Vereinigung der deutschen Kaderathlet:innen, blickt man mit gemischten Gefühlen auf die anstehenden Spiele. "Sie spricht aus, was lang vermutet wurde: Die Meinungsfreiheit der Athleten ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht gewährleistet. Es sollte den Athlet:innen freigestellt sein, sich jederzeit friedlich zu den Werten unserer freiheitlichen-demokratischen Gesellschaft bekennen zu können. Friedlicher Protest muss möglich sein – auch in den Arenen", heißt es auf Anfrage des stern.

Athleteninitiative rät von Meinungsäußerung in China ab

Im Gegensatz zu den Sommerspielen in Tokio im vergangenen Jahr, wo die Regel 50 erstmals auf Drängen der Sportler gelockert wurde, seien die Athlet:innen zurecht zurückhaltender. "Die offene Drohung des Mitglieds der Organisationskomitees lässt befürchten, dass mit Repressalien und Nachteilen zu rechnen ist", heißt es von dem Verein. Athleten Deutschland sieht daher auch das IOC in der Pflicht zu handeln. "Solange das IOC nicht klarstellt, wie die Regel 50.2 im chinesischen Kontext ausgelegt wird und sich deutlich von den gestrigen Aussagen aus den Kreisen des Organisationskomitees distanziert, raten wir von Meinungsäußerungen ab." Ob China auf Verstöße in der olympischen Charta reagiert, ist unklar. Bislang wurden solche Verstöße ausschließlich vom IOC geahndet.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bereitet sich und seine Sportler bereits seit einem Jahr auf die Spiele in China vor.  Der DOSB hat sich zur Situation in China seit Beginn 2021 regelmäßig mit Menschenrechtsorganisationen und Politik ausgetauscht und im Ergebnis dem Team D Informationen zur Verfügung gestellt, damit sich die Teammitglieder ein eigenes Bild machen können", erklärt ein DOSB-Sprecher auf Anfrage des stern. Der DOSB hat dazu ein fünfseitiges Menschenrechtsbriefing für die Sportler:innen verfasst, das ebenfalls im Internet abrufbar ist. Neben einem allgemeinen Befund über die Menschenrechte werden dort auch unter anderem die Situation der Uiguren, die Lage in Hongkong und der Fall Peng Shuai angesprochen. "In der Vergangenheit wurde auf kritische Stimmen (aus dem Sport) pauschal mit Vergeltung geantwortet", warnt der DOSB in dem Briefing. Ob sich die Atthlet:innen und Betreuer:innen äußern oder nicht, sei ihnen selbst überlassen. "Wir respektieren beides und stellen uns in beiden Fällen vor die Mitglieder des Teams", betont der DOSB-Sprecher.

"Das IOC und das Gastgeberland China werden sich gerne für ihre Zwecke mit den Bildern der Athleten schmücken", sagte Maximilian Klein, Beauftragter der Vereinigung für internationale Sportpolitik. "Allerdings lassen sie nicht zu, dass Athleten selbst darüber entscheiden, ob und wie sie ihre Plattform und Reichweite im Rahmen ihrer Meinungsfreiheit nutzen wollen." Das IOC werde deshalb aufgefordert, sich klar von den Aussagen des Organisationskomitees zu distanzieren: "Es muss Farbe bekennen und sich schützend vor die Athleten stellen."

DOSB rät zu Wegwerfhandys

Sorge bereitet derweil auch die Cybersicherheit. Um an den Spielen teilnehmen zu dürfen, müssen die Athlet:innen sich die App „My2022“ installieren. In dieser werden in der Zeit vor und während der Winterspiele täglich Gesundheitsdaten hinterlegt. Forscher vermeldeten jedoch unter der Woche, dass die App zahlreiche sensible Daten sammelt und die Verschlüsselungen alles andere als sicher ist. So lasse sich unter anderem die Kommunikation zwischen App und Servern leicht überwachen, auch eine Liste verbotener Wörter – darunter Xianjing, Tibet oder Tiananmen – wurde entdeckt. Um eine Überwachung der Privathandys zu verhindern, werden alle Athlet:innen nach der Ankunft in China Wegwerfhandys bekommen, auf denen die App installiert ist. „Wir empfehlen unseren Athleten, ihre privaten Handys und Laptops in China nicht zu nutzen“, erklärte Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission bei den Spielen in Peking, erst kürzlich im „Sportstudio“. Die deutsche Auswahl, aber auch andere Nationen, stehen vor ungewissen Winterspielen, das weiß auch Schimmelpfennig: „Wir haben die Spiele mit zwei ungewissen Faktoren: das eine ist der Faktor Corona, das andere ist der Faktor China.“

Quellen: Washington Post, Reuters, dpa, ZDF


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