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1. Bundesliga: Bundesligaanalyse - Warum der HSV nicht Barcelona ist

Fast in jedem Spiel mehr Ballbesitz als der Gegner, auf Schalke doppelt so viele Torabschlüsse wie die Heimmannschaft - aber trotzdem kassierte der HSV seine vierte Niederlage mit mindestens drei Gegentore in der Rückrunde. Ist Thomas Finks Wunsch nach Dominanz fehlgeleitet? Oder sind die Spieler einfach nicht gut genug?

Vier Bundesliganiederlagen kassierte der HSV in der Ära Thorsten Fink inzwischen. In diesen vier Spielen fing die Mannschaft zusammen 15 Gegentore. Keine Niederlage fiel knapp aus, immer waren es mindestens zwei Tore Unterschied zum Sieger. Alle Niederlagen gab es zudem in der Rückrunde, in den zweiten acht Spielen der bisherigen Amtszeit des Trainers. In den ersten acht Spielen hatte der HSV kein einziges Spiel verloren.

Das wirft einige Fragen auf. Zunächst mal: Ist der HSV auf dem Weg nach unten? Interessant vor allem deshalb, weil Fink den Club von Platz 18 fast schon ins sichere Mittelfeld geführt hatte. Geht es jetzt doch wieder gegen den Abstieg?

Außerdem fragt man sich, warum der HSV immer so verliert, wie er verliert. Warum werden Niederlagen so schnell zu Debakeln? Positiv ist anzumerken, dass die Hamburger in den 16 Spielen unter Fink fünfmal nach einem Rückstand noch punkten konnten. Das spricht für das, was Reporter gerne eine "mutige" Spielweise nennen. Und es ist auf den ersten Blick besser, als dauernd nach Führungstreffern noch Punkte abzugeben, wie es etwa Hoffenheim immer wieder passiert.

Rincon, der Hanseaten-Busquets?

Dennoch stellt die Anfälligkeit des HSV für hohe Niederlagen einen interessanten Sonderfall in der Bundesliga dar. Das gilt auch für die taktische Ausrichtung der Mannschaft. Als die Rothosen im ersten Spiel der Ära Fink im Oktober gegen Wolfsburg damit überraschten, dass sich einer der beiden Sechser bei eigenem Ballbesitz zwischen die Innenverteidiger zurückfallen ließ, während die Außenverteidiger weit nach vorne vorstießen, fühlte sich mancher Beobachter an den FC Barcelona erinnert, wo Sergio Busquets diese Rolle vor allem in der letzten Saison oft zuteil wurde.

Nun ist Barcelona für seine extrem dominante Spielweise bekannt. Und "Dominanz" war auch das Substantiv der Wahl, als Fink nach seiner Amtsübernahme in Hamburg erklären sollte, wie er sich die Spielweise seiner neuen Mannschaft vorstellte. Das Ergebnis: In 15 von 16 bisherigen Bundesligaspielen unter Fink hatte der HSV entweder etwa gleich viel oder deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner. Lediglich gegen die Bayern war das beim 1:1 im Februar anders.

Viel Ballbesitz klingt ähnlich Barcelonaesk wie die Devise, sich nicht nach dem Gegner zu richten, sondern immer seiner eigenen Spielphilosophie zu folgen. Das Resultat kann, vor allem in den Spielen gegen Dortmund, Bremen und Stuttgart, nicht zufrieden stimmen. Nach dem verlorenen Nordderby gegen Werder sagte Marko Marin, Thomas Schaaf habe seine Mannschaft optimal auf den Gegner eingestellt. Nicht unbedingt etwas, für das Schaaf bekannt ist. Schließlich war die Bremer Devise auch jahrelang vor allem, seine eigene Linie durchzuziehen, koste es, was es wolle.

Schaaf kann auch mauern, wenn er will. Fink auch?

Mit einer ungewohnt defensiven Taktik war es Werder gelungen, seinen bis zum Wochenende einzigen Rückrundensieg zu erringen. Ein solcher Realitätscheck täte vielleicht auch dem HSV von Zeit zu Zeit ganz gut. Schließlich hat man nicht das Spielermaterial von Barcelona. Vor allem die Defensive, und hier insbesondere die Viererkette, ist einfach nicht gut genug für eine so riskante und offensive Spielweise.

In der Abwehr gibt es (Kapitän Heiko Westermann eingeschlossen) keinen wirklich überdurchschnittlichen Bundesligaspieler. Gut, dass Keeper Jaroslav Drobny seit Monaten fast nur gute Spiele bestreitet. Sonst hätte es auch auf Schalke eine viel höhere Niederlage geben können - ein 1:5 lag im Bereich des Möglichen, obwohl der HSV doppelt so viele Torschüsse abgegeben hatte wie die Gastgeber.

Nun kann man sagen, dass ein Gegentor nach einer Ecke fiel, was nichts mit der Spielweise zu tun hat, sondern mit schlechter Zuordnung. Stimmt. Aber das 0:1 fiel nach einem eigenen Einwurf, als sich noch nach dem Ballverlust zwei Spieler auf der linken Hamburger Seite nach vorne orientierten und so eine feine Kurzpasskombination der Schalker erst ermöglichten. Eine weitere Riesenchance der Schalker resultierte aus schlechter Abstimmung zwischen zwei Hamburgern, die Klaas-Jan Huntelaar auf Jermaine Jones passen ließen, Jeffrey Bruma hatte derweil das Abseits beim Versuch aufgehoben, im Alleingang ein Drittel des Spielfeldes in Raumdeckung zu nehmen.

Der HSV auf Schalke nicht offensiv genug?

Immerhin warf der HSV in der zweiten Halbzeit nicht mehr bedingungslos alles nach vorne und konnte so eine durchaus mögliche weitere richtig hohe Niederlage verhindern. Interessanterweise wurde genau das etwa vom TV-Kommentator Marco Hagemann auf Sky kritisiert. Der HSV attackiere nicht genug, das sei "zu wenig" - getreu der von uns schon öfter beschriebenen Maxime des deutschen Fußballjournalismus, nach der es für alle Mannschaften immer und überall das Beste sei, superoffensiv zu spielen.

Wenn man aber einmal festhält, dass die Rothosen momentan nicht das Spielermaterial haben, um mit totaler Dominanz Shock and Awe in der Liga zu verbreiten, dann wäre die Frage durchaus angebracht, ob es einer jungen Mannschaft nutzt, mit fliegenden Fahnen unterzugehen, wie beim 1:5 gegen Dortmund. Schon beim ersten Gegentor waren die Defizite der Hamburger beim Umschalten nach Ballverlusten sichtbar geworden, als der BVB blitzschnell eine Überzahlsituation am Hamburger Strafraum geschaffen hatte.

Der HSV ist beileibe nicht die einzige Mannschaft, der das gegen Dortmund passiert - siehe etwa Nürnberg vor einigen Wochen. Aber Nürnberg versucht nicht in jedem Spiel, den Gegner zu dominieren. Ganz im Gegenteil: In vielen Spielen der Rückrunde, egal, ob daheim oder auswärts, setzte Dieter Hecking klar auf Konter. Mit dem Erfolg, dass der zu Weihnachten noch in akuter Abstiegsgefahr schwebende Club schon jetzt praktisch gerettet ist.

Pragmatik statt taktischer Rigorismus?

Das wiederum ist kein Plädoyer für das Gegenteil des Hamburger Ansatzes, also permanente Defensive. Vielmehr besteht Fußball halt zur Hälfte aus Offensive und zur anderen Hälfte aus Defensive. Dem kann man durchaus Rechnung tragen, indem man je nach Gegner und Spielsituation die taktische Grundeinstellung variiert - wie etwa Thomas Tuchel es in Mainz oft praktiziert.

Die meisten Fußbalfans denken, wenn sie "Manchester City" hören, an tolle Kombinationen, an Unmengen an Offensivkünstlern in einem Kader, der Carlos Tevez, Kun Agüero, Mario Balotelli, Edin Dzeko, David Silva und Samir Nasri beherbergt. Tatsächlich aber hat Manager Roberto Mancini bei City erst ein bis eineinhalb Jahre vor allem an der Stabilisierung der Defensive gearbeitet und erst auf dieser Basis das vorhandene Geld in Offensivspieler investiert.

Der Vergleich Citys mit dem HSV ist jedoch, abgesehen von den ehemaligen Hamburgern Nigel de Jong und Vincent Kompany im Kader der Engländer, recht sinnlos. Denn Geld für Neuverpflichtungen hat der Hamburger Sportverein ja nicht im Überfluss. Dennoch ist es kaum vorstellbar, dass das schon jetzt für die neue Saison ausgegebene Ziel Europa League erreicht werden kann, wenn nicht etwas mehr Qualität für die Defensive erworben wird.

Was bei Chelsea nicht ging, kann auch in Hamburg scheitern

Denn selbst Andre Villas-Boas musste in dieser Saison bei Chelsea erkennen, dass man nicht einfach ein in der Theorie brillantes Konzept umsetzen kann, wenn man nicht die richtigen Spieler dafür hat. Chelsea hatte nicht die Abwehrspieler, um mit hoch stehender Abwehrreihe Pressing zu spielen. Und der HSV hat nicht die Spieler, um dem Gegner so große Räume anzubieten wie am Sonntag auf Schalke.

Was bei aller Kritik dennoch zu bedenken ist: In der Hinrunde verlor Hamburg nach dem Schalke-Spiel kein Punktspiel mehr bis Weihnachten. Das lag auch daran, dass die zweite Hälfte des Programms die wesentlich einfachere ist. Denn unter den verbleibenden Gegnern in dieser Saison stehen nur Leverkusen und Hannover unter den ersten Acht der Tabelle.

Vielleicht kann man dann ja wieder öfter mit Dominanz gewinnen. Und Barcelona wurde auch nicht an einem Spieltag erbaut.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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