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1. Bundesliga: Bundesligavorschau - Der 14. Spieltag

Derbyfieber in der Bundesliga. In zwei Fällen nur erhöhte Temperatur, denn die Kontrahenten liegen zu weit auseinander für unsere strenge Nerd-Abteilung, aber wen kümmert es, wenn auch noch Dortmund gegen Schalke und Köln gegen Gladbach spielt? Wir waren so heiß auf Derbys, dass wir sogar das Land verlassen haben. Aber lesen Sie selbst.

Es ist mal wieder so weit. Ein Derbyspieltag steht an. Im Norden, im Süden und im Westen Deutschlands treffen sich Nachbarn zum sportlichen Wettstreit. Vier Duelle gibt es am Wochenende in der Bundesliga, wenngleich zwei davon genau genommen nicht unserer strengen Derby-Klassifikation folgen. Zum Abschluss blicken wir auch noch einmal über den deutschen Tellerrand hinaus. Wem der zu hoch ist, für den haben wir als Entschädigung die Fragen im bodenständigen Dialekt formuliert. Pfüati!

1.) "Wat willse daraus schon leernen?"
Borussia Dortmund - Schalke 04

Dortmund gegen Schalke - traditionell für jeden Journalisten, der was auf sich hält, ein Anlass, um die Klischeemaschine anzuwerfen (wie zu beweisen war). Da wir, anders als die Kollegen des Kicker, keine Gelegenheit gefunden haben, Lars Ricken und Olaf Thon zur Currywurst einzuladen, beschränken wir uns auf das, was wir für Ruhrpottdialekt halten. Nicht aber ohne unsere Frage auf Hochdeutsch zu präzisieren.

Ist das Derby ein richtungsweisendes Spiel? Der Sieger der Partie zwischen dem BVB (26 Punkte) und S04 (25) bliebe am FC Bayern (28) dran, wäre der Verlierer erstmal aus dem Titelrennen? Gemach! Warum sollte dieses Spitzenspiel denn eine der beiden momentan formstärksten Mannschaften der Liga von heute auf morgen aus der Bahn werfen?

Kein Bundesligist hat in den letzten sechs Ligaspielen so viele Punkte gesammelt wie Dortmund (16) und Schalke (13), nicht einmal Bayern (10) und Mönchengladbach (10). Damit bewahrheitet sich auch in der Bilanz, was der Blick auf die Kaderzusammenstellung der beiden Ruhrrivalen ohnehin nahe legt: Wir haben es hier mit Spitzenteams zu tun, deren natürliches Habitat die Champions League-Qualifikationsränge sein müssten. Dass der FC Bayern am Ende der Saison möglicherweise die Nase vorn haben wird, weil sein Aufgebot noch mehr individuelle Klasse besitzt, ändert daran ja nichts.

Der klassische Reflex bei der Betrachtung eines Fußballspiels, es als Indiz des Großen und Ganzen zu betrachten, das, was mein alter Deutschlehrer "die induktive Methode" nannte, ist im November nicht weniger trügerisch als zu Beginn der Saison, als die dpa schon im September schrieb, dem FC Bayern "gingen national die Gegner aus". Die Kehrseite der Medaille lieferte jetzt die Sport-1-Sendung "Bundesliga aktuell", die Bayern nach der Niederlage gegen Dortmund allen Ernstes als "selbst ernannten Titelfavoriten" bezeichnete, so, als seien sie selbst nicht die Ersten gewesen, die München über den Grünen Klee gelobt hätten. Von Vertretern des Vereins sind mir jedenfalls keine Sprüche à la "wir sind schon Meister" zu Ohren gekommen.

Das war jetzt nicht das, was man in Online-Foren einen off-topic rant nennt, sondern es sollte dazu dienen, den Blick über das Tagesgeschehen hinaus schweifen zu lassen. Die viel beschworenen "Sechs-Punkte-Spiele" gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Zumindest nicht in der Hinrunde. Das Derby 2007, das Schalke am 33. Spieltag den Titel kostete, war natürlich schon ein Match, in dem es um mehr als einen Sieg ging.

Zur aktuellen Ausgangslage aber ist zu sagen: Wenn Schalke verlieren sollte, haben sie dennoch eine solide Hinrunde gespielt, wenn Dortmund verlieren sollte, gilt das nicht minder. Also ruhig Blut und das Wesentliche am Revierderby genießen: die Chance, am Montag gegenüber Arbeitskollegen auf Dicke Hose zu machen.

2.) "Hafau, ma sagen, nä? Aber welcher denn, Digger?"
Hannover 96 - Hamburger SV

Für heranwachsende Fußballfans zählt es zu den wichtigsten Skills, zu verstehen, wer angefeuert wird, wenn man Sprechchöre hört wie "HSV" (kann Hamburg oder Hannover meinen) oder "VfL" (Bochum oder Mönchengladbach, Wolfsburg hört man seltener). Die vermeintliche Verwechslungsgefahr der Marke HSV wird durch das Hamburger Bekenntnis "Nur der HSV" auch nicht aufgehoben - bietet andererseits aber gemeinsamen Gegnern wie etwa Anhängern des FC St. Pauli die Chance auf Kreationen wie: "Schwarz-weiß-grün und schwarz-weiß-blau - Tod und Hass dem HSV!".

Klarheit glaubt der Kommentator traditionell zu schaffen, indem er vom "großen HSV" und vom "kleinen HSV" spricht. Hilft aber auch nicht, denn kaum sind die Roten mal besser als die Rothosen (hmm, auch hier hätte man für mehr Unterscheidbarkeit sorgen können), da wird die Maßeinheit schon in Frage gestellt. Fragt die Hannoversche Allgemeine im Vorbericht noch: "Wer ist David, wer ist Goliath?", so hat der Kicker diese Entscheidung schon getroffen: Sportlich sei Hannover schon besser und habe aufgrund der "besseren Voraussetzungen" auch dauerhaft gute Karten, den Dino hinter sich zu lassen.

Die sportliche Diagnose für die letzten eineinhalb Jahre lässt sich gewiss nicht bestreiten, aber den einnahmestärksten deutschen Club nach dem FC Bayern (Stand 2010) für ungeeignet zu halten, Hannover 96 Paroli zu bieten, weil Fans im Club mitreden wollen oder die Medien sich mehr einmischen? Gewagte These. Die gefühlten Größenverhältnisse demonstrierte derweil 96-Trainer Mirko Slomka, der in der HAZ mit den Worten zitiert wird: "gegen den HSV wird es immer spannend". Sein eigenes Team meinte er nicht.

3.) "Warum isset am Rhein so chön?"
FC Köln - Borussia Mönchengladbach

Alles anders als unter Frank Schaefer und unter Zvonimir Soldo: Systemfußball wurde FC-Trainer Stale Solbakken von Beginn seiner Amtszeit an nachgesagt. Es werde Zeit brauchen, bis die Spieler die anspruchsvollen Vorstellungen ihres Coachs umsetzen könnten, so hieß es. Die FC-Spieler wären jedoch keine Kölner, wenn sie nicht stattdessen im Verlauf der Saison immer mehr das umsetzen würden, was sie von früher kennen. Quasi: dem Trainer ihr System aufzwingen. Und nicht andersrum.

Denn das Muster der letzten sechs Spiele erinnert fatal an die Vorsaison: Heimsieg, Auswärtsniederlage, Heimsieg, Auswärtsniederlage usw. Auf fremden Plätzen holte der FC in der vergangenen Spielzeit fünf Punkte weniger als Absteiger St. Pauli. Und kassierte 41 Gegentreffer. In der Domstadt hingegen: 11 Siege, nur einer weniger als Meister Dortmund.

Was hingegen massiv für Gladbach spricht, ist die Bilanz im direkten Vergleich, bei dem die Fohlen gerade in Köln oft extrem gut aussahen: 21 Siege in Bundesligaspielen in Müngersdorf sind eine Hausmarke, die wohl nur von Bayern in Stuttgart übertroffen wird, einer weiteren Begegnung, in der die Gastmannschaft oft die Oberhand behalten hat.

4.) "Meinscht Du, mir kriege die Kurve?"
1899 Hoffenheim - SC Freiburg

Das badische Derby ist eigentlich kein Derby, außer, dass beide Clubs in Baden beheimatet sind, aber wenn die fast 200 Kilometer Luftlinie zwischen beiden Orten schon als Derbydistanz firmiert, dann ist Eintracht Frankfurt gegen den MSV Duisburg auch ein Derby. Da das Bahnprojekt Stuttgart 21, über das am Wochenende im anderen Landesteil Württemberg abgestimmt wird, keine Hochgeschwindigkeitstrasse durch die rheinische Tiefebene vorsieht, werden die Anhänger beider Clubs auch zukünftig etwas Zeit einplanen müssen.

Das sollten sie aber tun, denn sportlich ist das Duell sehr interessant, führt es doch den Vorletzten der Tabelle zum Drittletzten der Formtabelle (letzte sechs Spiele). Den unscheinbaren Marcus Sorg zum Hoffnungsträger Holger Stanislawski. Die drittälteste Mannschaft der Liga zur jüngsten. Und den Sportclub zu einem Gegner, dessen einziger Bundesligasieg im direkten Duell schon mehr als zwei Jahre zurückliegt: Im Aufstiegsjahr siegte Hoffenheim durch ein Tor von Maicosuel an der Dreisam.

Was außerdem für die Gäste spricht: Stanislawski muss beide Außenverteidiger ersetzen, weil Andreas Beck gelbgesperrt ist und Edson Braafheid sich in Hamburg verletzt hat.

5.) "?Dónde está el servicio de mensajería en bicicleta entregar los puntos de Atlético?"
("Wo soll der Fahrradkurier die Punkte von Atlético abgeben?")
Real Madrid - Atlético Madrid

Die Spieler von Atlético könnten viel machen am Samstagabend. Ins Kino gehen mit der Familie, Krafttraining absolvieren, diese leckeren Stockfischkroketten in einer nahe gelegenen Tapasbar essen, dazu ein kühles San Miguel... He, vielleicht sollten wir das machen. Die Spieler werden wohl nicht, wie es Vernunft und Effizienz erwarten ließen, einen Kurier durch die Stadt schicken, um ihre Punkte im Estadio Santiago Bernabéu abzugeben.

Sollten sie aber, denn wenige vermeintlich brisante Derbys sind so einseitig wie dieses Stadtduell. Seit 20 Spielen konnte Atléti nicht mehr gegen die Königlichen gewinnen. Seit 1972 gab es nur drei Auswärtssiege der Colchoneros bei Real. Beim letzten Mal, als das gelang, hatte man noch Angst vor dem Millennium Bug und Jimmy Floyd Hasselbaink erzielte zwei Tore zum 3:1-Sieg. Seit diesem Spiel ist die Weltbevölkerung um ziemlich genau eine Milliarde Menschen gewachsen. Nun ruft diesen Kurier schon an!

Was hat das alles mit der Bundesliga zu tun? Erstens kann es auch dem fanatischsten Freund des deutschen Fußballs nicht schaden, sich mit Real Madrid zu beschäftigen, der Mannschaft, die 47 Tore in ihren letzten 12 Pflichtspielen erzielt hat. Und zweitens: Mesut Özil, Nuri Sahin und Sami Khedira gegen Diego? What's not to like?

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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