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1. Bundesliga: Ein Bundesligawochenende im deutschen Fernsehen

Marie Curie erforschte Radioaktivität, indem sie sich jahrelang starker Strahlung aussetzte. In diesem Geist haben wir ein ganzes Wochenende lang Bundesliga- und Zweitligafußball im deutschen TV angesehen, um herauszufinden, warum dabei stundenlang über alles Mögliche geredet wird - nur nicht über Fußball.

Vielleicht ist Fußball deshalb der beliebste Sport in Deutschland, weil man darüber reden kann, ohne irgendeine sportliche Fachkenntnis zu besitzen? Diese These liegt nahe, wenn man sich in Selbstmedikation einem kompletten Wochenende Berichterstattung über die Bundesliga und die 2. Liga im deutschen Fernsehen aussetzt.

Zumindest, wenn man hart im Nehmen ist, muss man sich für ein Fußballwochenende kaum etwas anderes vornehmen als die Spiele der beiden höchsten Ligen in Livekonferenzen im Pay-TV und Zusammenfassungen im Free-TV zu verfolgen. Am Freitag kann man von 17:30 Uhr an vor dem Fernseher sitzen und diesen Platz nicht verlassen, bis um Mitternacht auf Sport 1 von der Zweitligazusammenfassung auf die Sex-Clips umgeschaltet wird.

Der Samstag beginnt zur nicht eben Wochenendeinkauf-freundlichen Zeit von 12:30 und wird (wenn man die mit "Showformat" noch freundlich umschriebene "Samstag live"-Sendung auf Sky auslässt) erst kurz vor 21 Uhr unterbrochen, auf dass man sich für das Aktuelle Sportstudio stärke, dessen Abspann einen um 0:30 erschöpft in die Nachtruhe entlässt.

Wer bis Sonntag durchgehalten hat, wird oft vom Doppelpass übermannt

Am Sonntag gibt es zwischen 13:00 und 21:00 gar keine Pause, die Zehnstundenmarke erreicht man schon mit dem Einschalten des Doppelpasses, was für sensible Mägen aber ebenso riskant ist wie der Konsum von Spirituosen am Sonntagvormittag. Auch ohne diese Zusatzdosis ist man aber bedient, wenn als Nachschlag noch die Bundesligazusammenfassungen in den dritten Programmen und auf Sky analysiert werden wollen.

Man ist, um es zusammenzufassen, am Ende eines solchen Wochenendes ein gebrochener Mensch, der ohne nennenswerten Lebenswillen nachschaut, welches Damoklesschwert am Montagabend noch unter dem Etikett "Zweitligatopspiel" auf einen wartet. Diesen Rechercheaufwand führen wir hier nur an, um zu erklären, warum Geduld und Nachsichtigkeit am Sonntagabend nicht mehr zu den Kardinaltugenden gezählt werden können, wenn man sich des Spieltagsprogramms entsinnt.

Was haben wir nach einem solchen Mammutprogramm gelernt? Da wir viel Fußball gesehen haben, natürlich nicht wenig (um es in der Standard-Kommentatorensprache zu sagen: "eine Menge"). Aber was haben uns die Vorberichte, die sogenannten Field Interviews, die Halbzeitgäste und die Spielberichte verraten?

"Wollen Sie den Dortmundern noch etwas ausrichten?"

Jedenfalls nichts über Fußball. Oder zumindest nichts über Fußball im engeren Sinne. Denn um Taktiken oder sportliche Analysen geht es (von wenigen Ausnahmen abgesehen) weder in den Live-Kommentaren noch in den Interviews am Spielfeldrand. Stattdessen werden auch offensichtlich von solchen Themen genervte Spieler und Trainer immer wieder danach gefragt, ob sie jetzt doch noch Meister werden oder eine "Kampfansage" an irgendwelche Konkurrenten loswerden wollen.

Und das sind noch die interessanteren Interviews, verglichen mit den nicht auszurottenden Standards wie der Frage, ob der Spieler sich nach dem Siegtreffer gut fühle oder den Versuchen, Profis zu Kritik an ihren Trainern zu animieren, was nur in den allerdesperatesten Extremfällen Erfolg verspricht.

Je länger die Geschehnisse zurückliegen, desto mehr Zeit bietet sich den Sendern grundsätzlich, zu einer etwas übergreifenderen Fragestellung zu kommen, unter deren Vorzeichen man die zusammenfassenden Berichte stellen könnte. Das nutzen jedoch nicht alle Anstalten gleichermaßen effizient.

Was macht "Doktor Fußball" eigentlich heute?

Während es im Sportstudio die anspruchsvollste Taktikanalyse am deutschen TV-Samstag gibt (allerdings auch keine große Kunst im direkten Vergleich mit gescheiterten Experimenten wie "Doktor Fußball" auf Sky in der Vorsaison), konzentriert man sich etwa in der Sport 1-Magazinsendung "Hattrick", in der die Zusammenfassung dreier Zweitligaspiele dank zahlreicher, mutmaßlich jede gesetzliche Vorgabe sprengender Werbeblöcke über eine Stunde dauert, gerne darauf, einzelne Zuschauer, die aus der Menge herausstechen, immer wieder in den Bericht zu schneiden und das für eine journalistische Klammer zu halten.

Einerseits kein Wunder bei dem Sender, der noch Tage nach dem Spiel Hertha gegen Bayern auf seine große "Schnick-Schnack-Schnuck-Debatte auf Facebook" hinwies. Andererseits hat Sport 1 das Problem, über die Bundesliga meist erst berichten zu dürfen, wenn auch der letzte Sportmuffel schon alle Tore gesehen hat, und die 2. Bundesliga sich faktisch manchmal nicht dazu eignet, eine Stunde lange Analysen anzustellen. Spiele wie Aue gegen FSV Frankfurt sind einfach für die meisten Fans nicht interessant genug. Der Irrtum besteht nur darin, anzunehmen, abwegige Randgeschichten, die noch dazu aus Zeitgründen alle nach dem gleichen Schema erzählt werden, würden daran etwas ändern.

Paradox stellt sich ein Vergleich der verschiedenen Kommentatorenstile dar. Rein quantitativ gesehen könnte man zu dem Schluss kommen, der pausenlos schreiende Kommentator, der sprachliche Eloquenz und fachliche Analysen durch "Emotionen" ersetzt, wie er im weitesten Sinne der Sat.1-Sendung "ran" seit den 1990er Jahren anzulasten ist, habe sich als hegemoniales Modell im deutschen Fernsehen durchgesetzt.

Warum ist Marcel Reif noch nie in Paderborn gewesen?

Doch die Spitzenspiele werden - zumindest bei Sky - durchweg von eher feinsinnigen Sprechern bestritten, die über mehr als vier Standardphrasen verfügen. Da man Marcel Reif aber nicht nach Paderborn schicken kann und anderen Journalisten wohl nicht Reifs Gehalt zahlen mag, liegt eine ökonomische Erklärung nahe, will man das Niveaugefälle zwischen den verschiedenen Spielen begreifen. Der ökonomische Ansatz vermag jedoch nicht zu erfassen, warum auch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen bei allem grundsätzlich höheren Niveau als im Pay-TV oder bei Sport 1 einige Kommentatoren die Jobs haben, die sie haben.

Stile sind - das belegen langjährige empirische Umfragen unter Praktikanten unserer Redaktion - Geschmackssache. Viele junge Menschen mögen schreiende Kommentatoren - oder zumindest solche, die so klingen, als würden sie das Spiel mit ihren Kumpels in der Kneipe ansehen und schon beim vierten Bier seien. Ob man nun mit mehr oder minder starkem Dialekt angeschrien werden mag oder nicht - hat ernsthaft jemand etwas dagegen, auf Dinge hingewiesen zu werden, die er selbst nicht auf den ersten Blick gesehen hat?

Was bringt es mir, in dreifacher Wiederholung Sätze wie "das ist ja der absolute Wahnsinn" oder  "Was war das denn für eine Szene? Unfassbar! Was war DAS für eine SZENE?" zu hören, wenn mir stattdessen verraten werden könnte, welcher Spieler gerade falsch gestanden hat oder was die Gründe dafür sind, dass eine Mannschaft besser im Spiel ist als die andere. Ohne große Übertreibung wird die Führung eines Teams in einem beliebigen Spiel nämlich in achtzig Prozent der Fällle mit verallgemeinerten Phrasen erklärt.

Der Geist war willig, doch die Analyse war schwach

Die führende Mannschaft "investiert mehr", hat "Lust auf Offensive" oder zeigt auch gerne "Charakter". Umgekehrt wird die vor einem Jahr noch virulente Formulierung "das ist mir zu wenig, was Team X hier anbietet" zwar nur noch gelegentlich verwendet (dann aber möglichst immer noch mit dem Zusatz "das sage ich Ihnen ganz ehrlich"), aber selbst zum 1:6 von Köln gegen Borussia Dortmund, einem Musterbeispiel für eine falsch auf ihren Gegner eingestellte Mannschaft, fiel in der Talksendung Sky 90 als erstes der Begriff "Arbeitsverweigerung" - so, als sei die individuelle Einstellung der FC-Profis zu ihrem Beruf hier das Problem gewesen.

Tatsächlich hatte eine Kombination von perfekt einstudierten Dortmunder Angriffen (das Ergebnis nicht primär von "Spiellust", sondern von sehr gutem Training) und genau darauf nicht vorbereiteten und in der zweiten Halbzeit ungeordnet im Raum umherirrenden Kölnern zu diesem Kantersieg des BVB geführt. Offenbar scheint vielen Journalisten eine solche Analyse aber nicht vermittelbar, und aus irgendeinem Grund gibt es einen großen Drang, Mannschaften, die verlieren, scharf zu kritisieren und dabei auch vor persönlichen Angriffen nicht Halt zu machen.

Davor schrecken auch ehemalige Fußballer nicht zurück. Innerhalb weniger Tage kritisierte zunächst U19-Nationaltrainer Horst Hrubesch die Spieler seines Ex-Clubs mit der bemerkenswerten Aussage, dem HSV-Team fehle es "an Charakter", und Günter Netzer machte in der Bild am Sonntag als Hauptproblem des HSV aus, dass Frank Arnesen und Thorsten Fink zu viel Optimismus verbreiteten. Eine schöne Fußnote zu dem Club, den wir im vergangenen Herbst als den mit dem negativsten Umfeld der Bundesliga ausgemacht hatten. Wenn etwas gar nicht geht in Hamburg, dann Positives Denken!

Zwei Tabellennachbarn, zwei Wahrnehmungswelten

Vielmehr sehen sich Medienvertreter in Deutschland in der Pflicht, den zu einem Club gerade vorherrschenden Meinungstrend kritiklos zu übernehmen und, da man sich mit einer eigenen Position so natürlich nicht abheben kann, durch ständige Radikalisierung dieses Trends nachzulegen. Vergleichen Sie doch mal die Berichterstattung in den letzten Wochen über den HSV auf der einen Seite und Augsburg auf der anderen Seite - zwei punktgleiche Teams.

Die Hamburger stehen in nahezu jedem Artikel "vor dem Abgrund", "schlittern dem Abstieg entgegen" und sind laut bild.de "der Super-Verlierer des Spieltags". Augsburg hingegen steht "vor der Rettung", weil die Ergebnisse der letzten drei Wochen einfach hochgerechnet werden auf den Rest der Saison, ohne jedes Ansehen des Restprogramms, der Qualität der Mannschaft oder differenzierter Formentwicklung.

Diese zunächst in den Boulevardzeitungen und regionalen Blättern generierten Stimmungen finden in den meisten TV-Übertragungen in Deutschland einen aufnahmewilligen Nährboden, wie unser Dauertest ergeben hat. Und das bietet Anlass zu einer ernst gemeinten Klage. Um noch einmal darauf zurückzukommen: Reporter, die bei der Zusammenfassung eines Zweitligaspiels schreien, als würden sie gerade den Absturz der Hindenburg miterleben, mögen ja noch Geschmackssache sein. Aber der komplette Verzicht auf fachliche oder taktische Analyse - sind wir die einzigen, die das für schlechten Sportjournalismus halten?

Vielleicht sollten wir am nächsten Wochenende mal wieder ins Kino gehen. 

Daniel Raecke

sportal.de / sportal
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