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1860 München: Wie ein kleiner Diktator einen Traditionsverein ins Abseits führt

Wie tief kann ein Traditionsverein sinken? Manch großer Name verschwand in den Niederungen der Amateurligen. 1860 München ist zwar immer noch Zweitligist, doch spätestens seit dem Jubelverbot für die Gäste aus St. Pauli ganz unten angekommen.

Hasan Ismaik bei 1860 München: Chaos ohne Ende.

Hasan Ismaik bei 1860 München: Chaos ohne Ende.

Ein Blick auf die Schlagzeilen der vergangenen Tage reicht. Sofort wird klar, dass beim TSV 1860 München gerade etwas komplett falsch läuft. Da werden Offizielle des Gäste-Vereins wegen ihres Torjubels der Tribüne verwiesen, die Schiedsrichterin soll sich wegen einer Niederlage entschuldigen, Journalisten werden wegen nicht genehmer Berichterstattung boykottiert. Seit der jordanische Investor Hasan Ismaik 2011 den Traditionsverein übernommen hat wurden schon elf Trainer, sechs Geschäftsführer, fünf Sportdirektoren und fünf Präsidenten verschlissen - in nicht einmal sechs Jahren, ohne erkennbaren Erfolg! "Wie kann man immer noch Fan von 1860 München sein?", fragte das Magazin "Vice" unlängst sogar - und sammelte sympathische, aber auch hilflose "Leidensprotokolle". Die "11 Freunde" leiten derweil mit einem "großen 1860-Chaos-Quiz" durch die unübersichtliche Lage.

Seit dem vergangenen Wochenende stehen die Löwen, der deutsche Meister von 1966, bis auf weiteres außerhalb der Gemeinschaft der Bundesliga-Vereine. Dass Ismaik angesichts der bitteren 1:2-Heimpleite gegen den FC St. Pauli und jahrelanger sportlicher Erfolglosigkeit angefressen war, wäre noch verständlich gewesen. Dass er den Offiziellen des ebenfalls abstiegsbedrohten Kiez-Clubs Mäßigung abverlangte und sie schließlich der Tribüne verwies, weil sie jubelten, war nicht nur mieser Stil, sondern ein echter Affront. "Sch... verlierer" sagt man dazu im Fan-Deutsch. "Wenn auf dem Altar des vielen Geldes Meinungsfreiheit und respektvoller Umgang mit Mitarbeitern, Medien und anderen Clubs auf der Strecke bleiben, dann gute Nacht Fußballdeutschland", urteilte St.-Pauli-Manager Andreas Rettig. Eine eilends nachgeschobene Entschuldigung, Rettig und Co. seien falsche Plätze zugewiesen worden, empfand Rettig als vorgeschoben.

1860 München: "Wir beantworten Deine Fragen nicht"

Schon seit geraumer Zeit ist das Klima bei den Löwen vergiftet. Ismaik ist vor allem die kritische Berichterstattung über seinen Club, der einfach nicht auf die Beine kommen will, ein Dorn im Auge. Der Verein versucht daher, die Arbeit von Journalisten zu behindern, entzieht Dauerakkreditierungen und erteilte zuletzt einer "Bild"-Reporterin, die über die Degradierung eines Spielers berichtet hatte, schriftlich Haus- und Frageverbot. Skandalös verlief die Pressekonferenz vor dem Spiel am Samstag, wo die Fragen der Reporterin ungeschminkt nicht beantwortet wurden:


"Klare Verstöße gegen die Medienrichtlinien", konstatierte die Deutsche Fußball-Liga (DFL), bisher ohne den Verein zur Rechenschaft zu ziehen. Das Fachblatt "kicker" sah sich zu einem Signal an die "Sechz'ger" veranlasst: "Wer unabhängige Berichterstattung verhindern will, dem gehört auch im Profifußball besonders genau auf die Finger geschaut", schreibt Chefredakteur Jörg Jakob. Auf Interviews mit Vereinsverantwortlichen und Spielern will die Redaktion vorerst verzichten. "Unserer Verantwortung für einen freien Sportjournalismus können wir auch so gerecht werden."

FC Bayern reagiert mit Unverständnis

Kritik kommt auch vom FC Bayern. "Mit einem großen Schmunzeln" erlebte Karl-Heinz Rummenigge die neuesten Entwicklungen um den Lokalrivalen. "Mich überrascht nichts mehr bei 1860", sagte der Vorstandschef des FC Bayern am Montag. "Der scheint agil zu sein, der Herr Ismaik."

Dass die Querelen um den Verein und die mangelnde Gastfreundschaft gegenüber dem FC St. Pauli den Löwen sportlich nicht weiterhelfen werden, liegt auf der Hand. Seit dem 1:2 gegen St. Pauli befindet der TSV 1860 einmal mehr im Abstiegskampf der zweiten Liga. Im Abseits steht er schon. "Jedes Spruchband wird sanktioniert und hier ist man auf beiden Augen blind", wünschte sich Andreas Rettig nach dem jüngsten Eklat ein Durchgreifen der Verbände. 1860 München teilte am Abend mit, dass man an der restriktiven Medienpolitik festhalten werde. Über die Kritik des FC St. Pauli äußerte sich der Club "erstaunt".

dho/mit Agenturen

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