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Bayern, Dortmund und der deutsche Fußball: Die Zukunft ist rot

Nach zwei rauschhaften Fußballnächten ist ein deutsch-deutsches Champions-League-Finale nah. Ist das der Beginn einer neuen Doppelregentschaft in Europa? Nein! Die Zukunft gehört den Bayern.

Ein Kommentar von Mathias Schneider

Nun, da die erste Halbzeit dieses deutsch-spanischen Ländervergleichs vorüber ist, gilt es, eine erste vorsichtige Bilanz zu ziehen. Die eintrudelnden Zwischenergebnisse könnten dabei betörender kaum sein. Der deutsche Fußball strahlt über Europa, nachdem die fulminanten Bayern nicht nur ein müdes Barca 4:0 demütigten, sondern Dortmund tags darauf das große Real 4:1 aus dem bebenden Westfalenstadion fegte.

Ein deutsch-deutsches Finale auf neutralem Grund im so geschichtsträchtigen Wembley-Stadion, drunter macht es der deutsche Fußball dieser Tage nicht, ist kaum noch zu verhindern. Es sei denn, Heynckes’ oder Klopps’ Männer ereilt in ihren Rückspielen die späte Angst vor der eigenen Courage. Nichts deutet darauf hin.

Der deutsche Vereinsfußball wird deshalb wohl am 25. Mai seine ganz persönliche Krönungsmesse feiern. Nach Jahren schmerzlicher Niederlagen der Bayern in den Champions-League-Finales steht er dann, zumindest eine Nacht, gleich mit zwei Mannschaften auf dem Gipfel des europäischen Vereinsfußballs.

Der Markt ist immer noch der FC Bayern

Und doch wird das Zeremoniell keine lange glückliche Regierungszeit einleiten. Zumindest nicht durch eine sogenannte Doppelspitze, bestehend aus Dortmund und Bayern.

Eine dauerhafte Dominanz, wie sie England mit Chelsea, Arsenal, Manchester United und Liverpool sowie Spanien mit Real und Barca erlebten, wird es nicht geben. Dass nicht Engländer oder Spanier die neuen deutschen Regenten vom Thron stoßen, sondern der alte Hegemon aus München sich gar nicht heimlich still und leise seines deutschen Nebenbuhlers entledigt, ist die eigentliche Ironie der rauschartigen Festspiele von München und Dortmund.

In Zukunft werden die Bayern allein wohl wieder ab dem Viertelfinale die Wochenmitte in deutschen Haushalten dominieren. Denn die besten Dortmunder Kräfte, der kleine Zauberer Mario Götze und der Vierfachtorschützen Robert Lewandowski, stürmen wohl beide bald im roten Gewand. Zu ersetzen sind sie für Dortmund nicht. Der Markt hat damit zurückgeschlagen. Und der Markt in Deutschland, das ist noch immer der FC Bayern München.

Dortmund verliert sein Herz

Man muss die Bayern nicht dafür hassen, dass sie sich die besten verfügbaren Akteure sichern. Götze wie Lewandowski veredeln schließlich eine ohnehin spektakulär verzierte Offensivreihe. Am Ende ist es auch diese Politik, die eine Nacht wie jene gegen Barca möglich macht. Wie jeder große Klub sind auch die Münchner in erster Linie sich selbst, dem eigenen Anhang und dem eigenen Anspruch verpflichtet. Robert Lewandowski und Mario Götze der Konkurrenz in England und Spanien zu überlassen, wäre deshalb fahrlässig.

Dass die frechen Dortmunder den Münchnern seit zwei Jahren auf der Nase herumtanzen, nun gar in einer Bayern-Saison voller Superlative noch eine Niederlage im großen Finale droht, dürfte die Reizschwelle bei der bayerischen Shoppingtour zusätzlich gesenkt haben. Der Rivale war zu gut geworden.

Dortmund wird mit dem Verlust von Götze und, spätestens ein Jahr später Lewandowski, das Herz seines Aufstiegs verlieren. Auch deshalb lag am Mittwochabend eine Spur von Wehmut in der Luft. Ein ganzes Stadion schien in der Freude zu leiden und sich zu fragen: Was wäre gewesen wenn?

Wehmut beim neutralen Fan

Der deutsche Fußball sollte den 25. Mai, so tatsächlich beide ihre Rückspiele unbeschadet überstehen, genießen. Man wird dann nicht nur das erste deutsch-deutsche Finale der Champions League feiern, sondern auch Ankunft und Abschied der zweiten deutschen Kraft im internationalen Fußball.

Borussia Dortmund wird nicht tief fallen, aber tief genug, um sich aus den ersten Acht wieder zu verabschieden. Die großen Europapokalnächte Made in Germany werden spärlicher. All jene deutschen Fußballfans, die solche Abende wie Adrenalin-Junkies aufsogen, nehmen das mit Wehmut zur Kenntnis.

Dass die Bayern ihren Gegenspieler im Zenit der eigenen Schaffenskraft schwächten, wird manchen neutralen deutschen Zuschauer deshalb am 25. Mai zum schwarz-gelben Parteigänger machen. Zu sehr hatte er davon geträumt, der Frühling 2013 möge sich noch viele Male wiederholen.

Es wird wohl nicht passieren.

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