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Dortmund vs. Madrid 4:1: Lewandowski verzaubert Dortmund

Was für eine Story: Alle reden von Mario Götze, und dann schreibt Robert Lewandowski mit vier Toren gegen Real Madrid Europapokal-Geschichte. Damit lebt der Traum von einem deutschen Finale in London.

Von Tim Schulze

Vor dem Spiel haben sie in Dortmund fast nur ein Thema gekannt: den Wechsel von Mario Götze im Sommer zu den Bayern. Die Schock-Nachricht hatte einen Tag vor dem Hinspiel im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid ein mittleres Beben beim BVB und in ganz Fußball-Deutschland ausgelöst. Für eine konzentrierte Vorbereitung auf das wichtigste Spiel der Saison ist das nicht förderlich. Sollte man meinen. Doch die Mannschaft von Jürgen Klopp trotzte dem medialen Gewitter durch einen 4:1 Sieg, der in die Europapokal-Historie eingehen wird.

Es war fast ein wenig wundersam, was sich da vor den Augen der 65.829 Fans im Signal Iduna Park abspielte. Und der Zauberer, der dafür verantwortlich war, hatte einen Namen: Robert Lewandowski. Der polnische Torjäger erzielte alle vier Tore gegen die Mannschaft von Mesut Özil und Sami Khedira. Das allein ist schon außergewöhnlich. Zur besonderen Wirkung des Zaubers gehörte ebenfalls die Tatsache, dass das Thema Götze auf einmal nur noch am Rande eine Rolle spielte. Selbstverständlich gehörten die Fragen zu Götze nach Schlusspfiff zum Repertoire der Reporter. Doch sie waren nur Bestandteil einer größeren Geschichte, in der an diesem Abend Robert Lewandowski die Hauptrolle übernahm.

Mourinho: aggressiver, läuferisch und physisch besser

Dabei ließen die Ereignisse auf dem Rasen keine unterschiedlichen Interpretationen zu. "Ich habe eine Mannschaft gesehen, die besser war als die andere. Eine Mannschaft, die aggressiver, läuferisch und physisch besser war. Ich habe ein Spiel gesehen, dass die bessere Mannschaft verdient gewonnen hat", urteilte Real-Coach José Mourinho nüchtern. Jürgen Klopp sah es genauso: "Das war ein unglaublicher Abend, das war Fußball total, das war brutal. Wir waren kaum aufzuhalten."

Der "Fußball total" begann in der 8. Minute, als Lewandowski die stark beginnenden Dortmunder nach einer Flanke von Götze in Führung brachte. Der Jungstar zeigte sich von den Diskussionen um seine Person unbeeindruckt. Beim Verlesen der Aufstellungen gab es vereinzelte Pfiffe, beim ersten Ballkontakt nach dem Anpfiff der Partie blieb es im Stadion still. Doch spätestens mit seiner Vorarbeit zum Führungstor durch Lewandowski hatte Götze alle Anhänger wieder auf seiner Seite.

Der bärenstarke Marco Reus hatte zuvor schon seinen ersten Sololauf von vielen angesetzt und ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Dortmund dominierte Real in den ersten 20 Minuten durch kluges Pressing, hohes Tempo, Positionswechsel und Zweikampfstärke. Sven Bender machte seinem Namen als Balleroberer alle Ehre.

Gerüchte um Lewandowski-Wechsel zu Bayern

Dann zog sich der BVB allerdings zurück und überließ Madrid das Feld, gefährliche Torchancen kamen dabei nicht heraus, weil die gesamte Defensive der Dortmunder sicher stand. Nur bei einem Freistoß von Cristiano Ronaldo (24.) wurde es gefährlich, Keeper Roman Weidenfeller parierte den Schuss des Superstars mit beiden Fäusten. Die Schwarz-Gelben verlegten sich ganz auf Konter und versuchten sich immer wieder mit Einzelaktionen - bis Mats Hummels patzte. Hummels spielte einen hohen Ball schlampig zu Keeper Roman Weidenfeller, so dass daraus ein perfekter Pass für den lauernden Gonzalo Higuain wurde. Der legte quer für den freistehenden Ronaldo auf. Kurz vor der Pause stand es nur noch 1:1.

Der Wiederanpfiff war das Signal für eine furiose zweite Halbzeit in Schwarz-Gelb. Lewandowski brauchte nur fünf Minuten, um seinen zweiten Treffer zu markieren. Die Real-Abwehrspieler spekulierten nach einem Zuspiel von Reus auf Abseits, der Pole brauchte den Ball nur an Lopez zur erneuten Führung vorbeizuschieben. Als der 24-Jährige fünf Minuten später den Ball nach einen missglückten Schuss von Schmelzer perfekt verarbeitete und aus der Drehung in den Winkel jagte, entfaltete Lewandowskis Zauber die volle Wirkung. "Es war ein tolles Spiel, und was Lewi für Tore gemacht. Das dritte, so was hab ich überhaupt noch nicht gesehen", sagte Klopp. Doch Lewandowski legte noch einen drauf: Nach Foul von Xabi Alonso an Reus jagte er den fälligen Strafstoß trocken zum 4:1 in die Maschen.

Lewandowski eroberte sich endgültig einen Platz in der Ahnengalerie der BVB-Helden. Doch wie lange trägt er noch das Dortmunder Trikot? Während in Sachen Götze alles klar ist, und sich die Dortmunder mit der Tatsache abfinden, dass ihr talentiertester Spiel gen München zieht, bleiben bei Lewandowski Fragezeichen. Geht er ebenfalls zu den Bayern oder erfüllt er seinen Vertrag bis 2014? Heldengeschichten produzieren Gerüchte, auch darum ging es nach diesem Spiel.

Zeitenwende im europäischen Club-Fußball

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kämpfte tapfer gegen die Spekulationen an: "Ich wundere mich nur. Ich weiß nicht, was Jupp Heynckes für einen Agenten in Spanien hat. Die Störfeuer interessieren mich nicht. Es ist mein expliziter Wunsch, dass Robert auch in der kommenden Saison bei uns spielt. Dafür verzichten wir auch auf eine Ablösesumme. Bis jetzt sind eine ganze Menge Wünsche in meinem Leben wahr geworden", sagte er. In Spanien war zuvor berichtet worden, Lewandowskis Wechsel nach München sei perfekt. Dabei beriefen sich die Medien auf einen angeblichen spanischen Agenten von Bayern-Trainer Heynckes. Auch das gehört zu so einem Spiel. Von den anderen Gerüchten um Mats Hummels und den Bayern ganz zu schweigen. Die Dortmunder werden für den Erhalt ihrer Mannschaft kämpfen müssen.

Doch das ist - noch - Zukunftsmusik. Aktuell zählt nur der Erfolg gegen Real. Der BVB hat mit dem Sieg das Tor zum Finale im Londoner Wembleystadion ganz weit geöffnet. Das nennt man eine erstklassige Ausgangssituation für das Rückspiel am kommenden Dienstag in Madrid. Das Faszinierende an dieser wundersamen Geschichte mit ihren Nebenschauplätzen ist dabei nicht nur der Fabel-Auftritt von Lewandowski. Es gibt da eine weitere Rahmerzählung, in die die BVB-Story eingebettet ist. Sie handelt von einer Zeitenwende im europäischen Clubfußball. Die Bayern führen den FC Barcelona vor, als wären die Katalanen Wolfsburg oder Hannover, die Dortmunder legen nach und schießen mit Real die zweite spanische Großmacht ab. Zumindest in dieser Saison kann sich die Bundesliga den Titel "Beste Liga der Welt" erobern.

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